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Die Ganztagsschule in Rheinland-Pfalz aus der Sicht der beteiligten Eltern

 
Alexander Klussmann und Ottmar Schwinn
23.10.2009

Eine neue Schulart macht sich auf den Weg

Realschule plus in Rheinland-Pfalz

Die Einführung der Realschule plus und der Weg in ein zweigliedriges Schulsystem ist eine der größten Schulstrukturreformen des Landes Rheinland-Pfalz. Hauptschulen und Realschulen verschmelzen bis zum Schuljahr 2013/14 zu dieser neuen Schulart, von der sich die Politik mehr Durchlässigkeit zu höheren Abschlüssen, eine bessere Berufsorientierung und einen guten Übergang in eine berufliche Zukunft verspricht. Ottmar Schwinn und Alexander Klussmann von der Stabsstelle Schulstrukturentwicklung erläutern im Interview die Gründe für die Reform, die Hoffnungen, die sich damit verbinden und die Verbesserungen für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte.

Online-Redaktion: Herr Schwinn, mit der Einführung der Realschule plus wurde eine gravierende Veränderung im Schulsystem vorgenommen. Weshalb ist diese nötig gewesen?

Schwinn: Das Land Rheinland-Pfalz hat sich in den vergangenen Jahren sehr mit dem demographischen Wandel und seinen Auswirkungen auseinander gesetzt. In einem Flächenland mit vielen ländlichen Regionen und bei stark zurückgehenden Schülerzahlen kann man vor diesen Veränderungen nicht die Augen verschließen. Wir haben daher überlegt, wie man überall ein wohnortnahes Bildungsangebot garantieren kann. Ministerin Doris Ahnen hat deshalb unter anderem die Einführung der Realschule plus als neue Schulart vorgeschlagen.

Wir haben dabei auf Erfahrungen zurück gegriffen, die wir in Rheinland-Pfalz schon mit den Dualen Oberschulen und den Regionalen Schulen gesammelt hatten. Dort wurden ja bereits wohnortnah mehrere Bildungsgänge unter einem Dach angeboten. Dieses Konzept haben wir weiter entwickelt und mit zusätzlichen pädagogischen Neuerungen versehen.

Klussmann: Ein weiterer Grund für die Reform war die nachlassende Akzeptanz der Hauptschulen – trotz der Unterstützung durch das Land und obwohl dort gute Arbeit geleistet wurde und wird. Die Akzeptanz nahm auf zwei Seiten ab: Sowohl bei den Eltern, die ihre Kinder dort nicht mehr in der Anzahl angemeldet haben wie zuvor, als auch in der Wirtschaft, wo es den Hauptschülerinnen und -schülern zunehmend schwerer fiel, Lehrstellen zu finden.

Online-Redaktion: Über welchen Zeitraum sprechen wir, wenn Sie von der Idee bis zur jetzigen Realisierung zurückblicken?

Klussmann: Die ersten Überlegungen wurden am 30. Oktober 2007 vorgestellt und im Dezember 2008 ist das Schulgesetz verabschiedet worden, mit dem man die rechtlichen Grundlagen schuf. Die ersten Realschulen plus sind jetzt mit Beginn dieses Schuljahres am 1. August 2009 an den Start gegangen. Das Gesetz sieht vor, dass die Überführung sämtlicher Realschulen und Hauptschulen mit dem Schuljahr 2013/2014 abgeschlossen sein wird. Es ist aber schon jetzt abzusehen, dass die meisten Schulen bereits in den ersten beiden Schuljahren 2009/2010 und 2010/2011 zusammengeführt werden.

Online-Redaktion: Wie viele Schulen müssen insgesamt fusionieren?

Klussmann: Im Augenblick gibt es 122 Realschulen plus, davon 91 ehemalige Regionale Schulen und Dualen Oberschulen. Im nächsten Jahr werden voraussichtlich mehr als 50 dazu kommen. Dann bleiben 28 Hauptschulen und 20 Realschulen, die im kommenden Schuljahr weitere Kinder aufnehmen, die sich dann zu Realschulen plus zusammen schließen können. Der genaue Zeitplan ist aber noch offen.

Online-Redaktion: Haben sich die Schulen freiwillig zusammengetan?

Schwinn: Das Konzept ist von den Schulträgern und Schulen angenommen worden: Die 31 aus Haupt- und Realschulen gebildeten neuen Realschulen plus haben sich freiwillig dazu entschlossen, obwohl zwischen der Verabschiedung des Schulgesetzes und der Antragsfrist nur wenige Wochen lagen. Wir waren aber insgesamt überrascht, wie schnell sich so viele Schulen auf den Weg gemacht haben. Dort wird die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit also sehr wohl gesehen, genauso wie die große Chance, jetzt ein eigenständiges und attraktives Profil zu entwickeln.

Online-Redaktion: Was kann man tun, damit die neue Schulart besser angenommen wird als zuletzt die Hauptschulen?

Schwinn: Es steht schon jetzt fest, dass die Realschulen plus Zuspruch finden, wie die Anmeldezahlen an den 31 neuen Realschulen plus belegen. Sie liegen im Schnitt und im Vergleich mit der demografischen Entwicklung über denen der Vorgängerschulen. Das zeigt, dass die Eltern den Grundprinzipien der Realschule plus zustimmen. Da ist zum einen die pädagogische Arbeit in der Orientierungsstufe: Die Schülerinnen und Schüler lernen länger gemeinsam, und die Schullaufbahn bleibt länger offen. Erst nach der 6. Klasse fallen die Entscheidungen, auf welche der beiden vorgesehenen Leistungsebenen die Kinder zunächst weiter lernen. In der Kooperativen Realschule geschieht dies in abschlussbezogenen Klassen, in der Integrativen Realschule werden die Schülerinnen und Schüler in einzelnen Fächern in unterschiedlichen Kursen unterrichtet.

Zum zweiten die Aufstiegsorientierung: Auch in der kooperativen Realschule bedeutet eine erstmalige Einstufung in den Bildungsgang zur Berufsreife nicht, dass man in diesem Bildungsgang bleiben muss. Die Lehrkräfte haben den Auftrag, darauf zu achten, welche Möglichkeiten zum Wechsel in einen anderen Bildungsgang bestehen, und sollen die Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen. Dazu haben wir die Realschulen plus mit einer sehr guten Lehrerzuweisung ausgestattet - entschieden besser als an den bestehenden Realschulen. Das ermöglicht, über die Pflichtstundentafel hinaus Förderangebote zu unterbreiten. Darüber hinaus bestehen zwei weitere Fördertöpfe, aus denen die Schulen Stunden für schuleigene Förderkonzepte beziehungsweise für die Sprachförderung abrufen können.

Wir haben auch die Möglichkeit eröffnet, die Realschulen plus mit einer Fachoberschule zu verbinden. Es bestehen also Anschlussmöglichkeiten nach der 10. Klasse an der Realschule plus, die bis zur Allgemeinen Hochschulreife führen können.

Klussmann: Diese Punkte machen Eltern deutlich, dass die Realschule plus nicht bloß die einfache Fusion aus Haupt- und Realschule ist, sondern mehr. Eine Fachoberschule hat es bisher weder an der Haupt- noch an der Realschule gegeben. Dies fördert die Akzeptanz von Elternseite sehr stark.

Aber nicht nur an die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler ist gedacht. Es gibt zusätzlich noch das Projekt "Keiner ohne Abschluss", das gerade an zwei Realschulen plus unter wissenschaftlicher Begleitung angelaufen ist. Hier wollen wir erproben, ob manche Jugendliche, die den regulären Abschluss der Berufsreife mutmaßlich nicht schaffen, in einem kleineren System wie der Realschule plus nicht besser aufgehoben sind als an den berufsbildenden Schulen, an denen sie bis jetzt ihren zweiten Anlauf nehmen.

Online-Redaktion: Wie wollen Sie in diesem Zusammenhang die Akzeptanz auf Seiten der Wirtschaft verbessern?

Schwinn: Im neu strukturierten Wahlpflichtbereich, der das Profil einer Realschule plus gegenüber anderen Schularten prägt, fließen drei Prinzipien ein, die Unterricht mit einer starken Nähe zur beruflichen Praxis verbinden: Berufsorientierung, Ökonomische Bildung, Informatische Bildung. Hinzu kommen Betriebspraktika und die Möglichkeit, einen Praxistag einzurichten. Das soll den Schülerinnen und Schülern dabei helfen, den für sie richtigen weiteren Ausbildungsweg zu finden.

Online-Redaktion: Fusionen sind nicht immer einfach für die Beteiligten. Gab es Vorbehalte in den Hauptschulen und Realschulen, die überwunden werden mussten?

Klussmann: In den ländlichen Regionen gingen die Zusammenschlüsse relativ einfach über die Bühne, weil die Schulen und die politischen Entscheidungsträger die Notwendigkeit aufgrund des starken Schülerrückgangs vor Augen hatten. Dass es am Anfang nicht überall Freudenstürme gegeben hat, ist klar. Jede Art von Veränderung ist auch mit Vorbehalten behaftet, die überwunden werden müssen.

Schwinn: Oft haben die Schulen ja auch bereits miteinander zum Beispiel über ein Ganztagsangebot kooperiert oder befanden sich in gemeinsamen Schulzentren. Es bestanden also bereits Kontakte.

Online-Redaktion: Erhalten die Schulen eine Begleitung in diesem Prozess?

Klussmann: Es gibt viele Schulen, die keine Begleitung benötigen und denen wir dann auch keine aufdrängen. Diejenigen, welche sich Unterstützung wünschen, erhalten diese durch die Schulaufsicht. Es gibt daneben auch Schulentwicklungsmoderatoren – ähnlich wie es Ganztagsschulmoderatoren gibt – die auf Anforderung an die Schulen kommen und diese beim Prozess des Zusammenwachsens begleiten.

Schwinn: Die Schulen erhalten ein Anrechnungskontingent für ihre Steuerungsgruppen. Hier können die beiden Schulen ein gemeinsames Konzept erarbeiten, insbesondere zunächst einmal für die Orientierungsstufe, da sich die Realschule plus ja sukzessiv von Jahrgangsstufe 5 aus aufbaut. Es wird auch erwartet, dass später startende Realschulen plus die Erfahrungen der bereits laufenden Realschulen plus für sich nutzen.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt die Ganztagsschule für die Realschule plus?

Klussmann: Die grundsätzliche Regelung lautet, sofern eine der beiden Vorgängerschulen eine Ganztagsschule gewesen ist, dann wird die gesamte Realschule plus zur Ganztagsschule. Insofern wird an jedem Standort, an dem ein Ganztagsschulangebot bestand, auch zukünftig eins bestehen.

Es können natürlich auch die neuen Realschulen plus, wenn sie noch nicht Ganztagsschule sind, einen Antrag auf Einrichtung einer Ganztagsschule stellen – das ist dann das ganz normale Verfahren mit den üblichen Schritten.

Schwinn: Viele Vorgängerschulen sind ja bereits Ganztagsschulen gewesen. Eventuell geht durch die Zusammenführung von Schulen die Zahl der Ganztagsschulen zurück, mit Sicherheit wird aber die Zahl der Ganztagsschülerinnen und -schüler wachsen. Der Kreis derjenigen, die ein solches Angebot nutzen können, wird sich vergrößern.

 

Alexander Klussmann, 40 Jahre; Referent in der Stabsstelle Schulstrukturentwicklung im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur seit Oktober 2007; zuvor Referent im Referat „Naturwissenschaften, Gesundheitsförderung, ökonomische Bildung“ seit 2004; davor Gymnasiallehrer und Bankkaufmann.

Ottmar Schwinn, 55 Jahre; Referent in der Stabsstelle Schulstrukturentwicklung im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur seit August 2007; von 2001 bis 2003 Referent im Referat „Ganztagsbetreuung im schulischen Bereich“: vor 2001 Förderschullehrer und Journalist.

 

Autor: Ralf Augsburg - DZ Online-Redaktion

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