Rubrik: Gemeinde/Stadt/Land
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Am 23. Juni 2009 war es auf den Fluren der Integrierten Gesamtschule Nieder-Olm ungewohnt ruhig: Kein Kinderlachen und -lärmen hallte durch die Räume, die Erwachsenen blieben unter sich und hielten ihre reguläre Teambesprechung am Dienstag in Ruhe am Vormittag, statt wie sonst üblich, am Nachmittag ab.
Ein Tag für Afrika
Der Grund für die kinderfreie Schule: Die ca. 120 Schülerinnen und Schüler der vier 5. Klassen der neugegründeten IGS Nieder-Olm hatten an diesem Tag schulfrei – was nicht hieß, dass sie untätig gewesen wären. Im Rahmen des bundesweiten „Tages für Afrika“ der Aktion Tagwerk waren die Fünftklässler ausgeschwärmt, um in Haushalten ihrer Familien und Freunde mit kleinen Dienstleistungen zu helfen – und sich diese Hilfe mit Spenden entlohnen zu lassen, die sie dann der „Aktion Tagwerk“ übergeben werden.
„Die Kinder sind schon ganz gespannt, wie hoch die Summe sein wird, die sie zusammen tragen werden“, berichtet Jörg Köhler, ein Klassenlehrer, der auf den „Tag für Afrika“ nach den Osterferien aufmerksam geworden war und diese Aktion seinen Kolleginnen und Kollegen vorstellte. „Ja klar, da machen wir mit“, war sich das Team aus acht Lehrerinnen und Lehrern, einem Förderlehrer, zwei Pädagogischen Fachkräften und einer Integrationshelferin schnell einig. Schließlich ist das soziale Lernen ein Schwerpunkt im Schulprogramm der neugegründeten Ganztagsschule. Im Klassenrat, der einmal wöchentlich eine Schulstunde lang tagt, besprachen die Tutoren – so bezeichnen sich die Lehrerinnen und Lehrer als Lernbegleiter der Kinder – mit ihren Schülerinnen und Schülern den „Tag für Afrika“ vor. „Die Kinder haben die Dimension dieses Tages erkannt“, ist sich Jörg Köhler sicher.
Eine neue Schule entsteht
Der Lehrer für Deutsch, Religion und Sport ist nicht nur als Mitinitiator von „Ein Tag für Afrika“ engagiert, er baut als Verbindungslehrer die Schülervertretung mit auf, was ihm „großen Spaß“ macht, und nutzt seine Kenntnisse als Erlebnispädagoge in den Stunden „Selbstgesteuertes Lernen“. Jörg Köhler war auch eines der sechs Mitglieder der Planungsgruppe, die ab 2007 die neue Integrierte Gesamtschule planten. Die im selben Gebäude beheimatete Regionale Schule läuft nach und nach aus; dafür wird die Integrierte Gesamtschule sukzessive Jahrgang für Jahrgang aufgebaut. Ohne eine gymnasiale Oberstufe anbieten zu können, scheint eine weiterführende Schule heute kaum noch überlebensfähig. Zumindest hat Jörg Köhler als ehemaliger Hauptschullehrer diese auf die IGS zulaufende Entwicklung so erfahren müssen: Zuletzt war seine Hauptschule nur noch einzügig und ging dann in der Regionalen Schule auf, die zu Beginn sehr erfolgreich war: „Wir waren zunächst fünfzügig“, so der Lehrer, „doch durch die sinkenden Schülerzahlen dann schließlich nur noch dreizügig. Es musste sich etwas ändern.“
Nach langen Diskussionen und vielen Konferenzen beschloss man, eine Integrierte Gesamtschule anzubieten. Im November 2007 veröffentlichte die Planungsgruppe ihre Ergebnisse und stellte den Eltern auf einem sehr gut besuchten Abend ihre Ideen vor. Norbert Weyel, ehemaliger Schulleiter der IGS Bertha-von-Suttner in Kaiserslautern, übernahm den Vorsitz der Planungsgruppe und ab August 2008 schließlich auch die Schulleitung der neuen Integrierten Gesamtschule. Der Prozess der Schulgründung wurde überdies von der zuständigen Schulaufsicht, der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) begleitet.
„Die Chance, eine Schule von Grund auf neu zu gründen, hat man nur einmal im Leben“, beschreibt Jörg Köhler die euphorische Stimmung und den Pioniergeist, der die Planungsgruppe beseelte. „Das ist auch eine große Chance für jeden einzelnen von uns.“ Man sei in den Ferien gemeinsam einige Tage weggefahren und habe diskutiert – alle machten freiwillig mit und waren sich einig, ihr Können zu investieren. „Dieser Prozess hat sich gelohnt“, meint Norbert Weyel. Als ehemaliger Gymnasiallehrer habe er beobachtet, dass die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, in Integrierten Gesamtschulen deutlicher ausgeprägt sei als in anderen Schulformen.“
Große Zustimmung
Die Eltern ließen sich im vergangenen Jahr vom Konzept überzeugen: 120 Kinder konnten zum Start aufgenommen werden, viele musste man ablehnen. Und die in diesem Schuljahr geleistete Arbeit hat die Zustimmung zu dieser neuen Schule offensichtlich weiter erhöht: Von den 195 Anmeldungen können nun 114 Schülerinnen und Schüler zum Schuljahr 2009/2010 in die die neue Eingangsklasse aufgenommen werden. „Von den Grundschulen hören wir, dass sich deren ehemalige Eltern sehr positiv über uns äußern“, berichtet Norbert Weyel.
Der Schulleiter ist überzeugt, dass sich das vertraute, offene und freundliche Klima im Kollegium und die ungebrochen hohe Motivation auf die Schülerschaft übertragen. „Das Klima steht für mich an erster Stelle. Die Euphorie ist nicht verflogen – und darauf bin ich stolz.“ Genauso stolz wie auf Rückmeldungen von Eltern, die mitteilen, dass ihre Kinder erstmals gerne zur Schule gehen: „Die stehen morgens um sieben Uhr schon parat und müssen nicht gedrängelt werden, in die Schule zu gehen“, ist dem Rektor zu Ohren gekommen.
Auch die Eltern haben sich vom Engagement anstecken lassen: Im Förderverein arbeiten von den 120 Eltern 80 mit. „Unsere Eltern sind sehr am Bildungserfolg ihrer Kinder interessiert, das gilt besonders für die Eltern mit Migrationshintergrund“, erklärt Weyel. Die Kommunikation mit ihnen wie mit den Kindern – 14 Prozent der Schülerinnen und Schüler fallen in diese Kategorie – sei sehr gut möglich.
Insgesamt ist das Leistungsspektrum der Schülerschaft ausgewogen – „wir schöpfen aus allen Niveaus“, so der Schulleiter, „und mussten für das kommende Schuljahr sogar leistungsstarke Schülerinnen und Schüler ablehnen.“ Auch das Verhältnis von Halbtags- und Ganztagsschülern sei Weyel zufolge „erstaunlich gut“: Zwei Klassen arbeiten als Halbtagsklassen bis zur sechsten Stunde um 13.15 Uhr. Die anderen beiden Klassen sind als Ganztagsklassen montags bis donnerstags bis 16 Uhr organisiert. Mit den Busverkehrsunternehmen gibt es bezüglich der Abholzeiten keine Probleme, aber der Rektor wünscht sich, dass mehr Sportvereine erkennen, dass die Schultage heutzutage nicht mehr in der Regel um 13.15 Uhr enden.
Ganztagsschule als Bedingung für die IGS
Die Einführung der Ganztagsschule war eine Bedingung für die Verwirklichung der IGS Nieder-Olm. Aber auch ohne diese Vorgabe bot sie sich Norbert Weyel als Schulform an. Zum einen hat er in seiner Laufbahn bereits gute Erfahrungen mit der Ganztagsschule gesammelt, und die sind dem Schulentwicklungsprozess nun entscheidend zu Gute gekommen. Zum anderen sprechen für den Schulleiter zwei weitere Gründe für die Ganztagsschule: „Wir müssen die Kinder und Jugendlichen an die Lebenswelt heranführen –das spätere Arbeitsleben endet ja auch nicht um 13 Uhr. Das gilt übrigens auch für die Lehrerinnen und Lehrer. Jeder, der sich bei uns bewirbt, weiß, dass er im Ganztagsunterricht eingesetzt wird und hier in der Schule seinen eigenen Arbeitsplatz hat. Zweitens sprechen gesellschaftliche Veränderungen für die Ganztagsschule: Die Betreuung in den Familien ist in den letzten Jahren nicht immer besser geworden. Wir müssen das Fortkommen der Kinder kontrollieren, daher ist es mir auch so wichtig, dass die Kolleginnen und Kollegen im Nachmittagsunterricht und in der Lernzeit eingesetzt sind.“
Am Dienstag gestalten die Pädagogischen Partner die Arbeitsgemeinschaften. Norbert Weyel weiß um die Wichtigkeit der Öffnung der Schule für Impulse von außen – durch Biologen, die mit den Kindern den Wald erkunden, den Tischtennisverband, die Handwerkskammer, das Deutsche Rote Kreuz und Studenten, die „absolut zuverlässig und gut“ Theater, Lesezirkel und Einführung in das Internet anbieten. Außerdem sind die Teambesprechungen am Dienstagnachmittag unverzichtbar. Jörg Köhler erklärt: „Hier besprechen wir alle pädagogischen und organisatorischen Punkte, die durch einen im Lehrerzimmer aushängenden Plan angekündigt worden sind. Es tut gut, sich über alles auszutauschen.“
Jeweils zwei Tutoren begleiten die Klassen als Klassenlehrer, deren Fächer sich ergänzen. Im Nachmittagsunterricht werden die Klassen halbiert – die eine Hälfte lernt Deutsch, die andere Mathematik, und dann wird gewechselt. „Nachmittags sind die Kinder in diesem Alter manchmal schon erschöpft und können sich nicht mehr so konzentrieren wie am Vormittag“, meint Jörg Köhler. „Da ist das Lernen in diesen kleinen Gruppen vorteilhaft, auch für uns Lehrerinnen und Lehrer, da wir besser erkennen können, wo bei manchen Kindern noch Schwierigkeiten bestehen.“
Mittagessen und Mittagspause
Von 12.20 Uhr bis 13.45 Uhr haben die Schülerinnen und Schüler Mittagspause, die sie zum Essen in der Mensa nutzen. Das Essen liefert die Küche eines benachbarten Seniorenheims an. Die Kinder können zwischen zwei Menus für je 2,70 Euro wählen. Die Buchung läuft über die Internetseite der Schule. Mit der Abrechnung hat die Schule nichts zu tun. Dies wird von der Kreisverwaltung geregelt und läuft nach Einschätzung von Norbert Weyel „bestens“. Natürlich sei das Essen immer mal wieder umstritten – „einer der Knackpunkte der Ganztagsschule“ – aber auf Anregungen habe der Caterer bisher immer reagiert. Wichtig sei der pädagogische Aspekt beim Essen: Gegessen wird gemeinsam an Vierer- bis Sechsertischen, und diese Tischgemeinschaften lösen sich erst dann auf, wenn alle mit ihrer Mahlzeit fertig sind.
In der Mittagspause haben die Schülerinnen und Schüler auch die Möglichkeit, sich im Ruheraum auf Matten auszuruhen, Gesellschaftsspiele zu spielen oder auf dem Hof zu toben – ganz nach Neigung und unter Aufsicht einer Pädagogischen Fachkraft.
Rund um die Mittagspause sind die Lernzeiten organisiert, in denen die „Hausaufgaben“ erledigt werden. Zwei Lehrerinnen und Lehrer und eine Pädagogische Fachkraft begleiten die Kinder in der Stillarbeit beim Lösen der Aufgaben. Damit der Umfang in 45 Minuten zu bewältigen ist, werden die Aufgaben mit Zeitvorgaben von den Lehrkräften im Klassenbuch notiert. Die Kolleginnen und Kollegen sind dann darüber orientiert, welche Aufgaben sie den Schülerinnen und Schülern noch für die Lernzeit stellen können oder nicht. „Wir mussten lernen, das zu koordinieren“, erinnert sich Weyel, „aber jetzt kommt es ganz gut hin.“ Auf jeden Fall gebe es kein Kind, das zu Hause noch Hausaufgaben erledigen müsse. Die Eltern sind durch ein Hausaufgabenbuch darüber informiert, was ihr Sprössling in der Schule geleistet hat.
Vielfältige Unterrichtsformen
In einer Doppelstunde wöchentlich lernen die Schülerinnen und Schüler selbstgesteuert. Unter Aufsicht der Tutorendoppelspitze entscheiden die Kinder selbst, wie sie Projekte bewältigen. Im Moment bemüht sich das Kollegium um das Einführen der Wochenplanarbeit. Organisatorisch genießen die Lehrerinnen und Lehrer Freiheiten: Wenn es ihnen opportun erscheint und es ihnen möglich ist, können sie das 45 Minuten-Schema verlassen und den Stoff auch in größeren Einheiten lehren. Die Pausenklingel ist jedenfalls schon einmal abgeschafft.
Die Integrierte Gesamtschule Nieder-Olm gehört zu den fünf größten Projekten im Landesschulbauprogramm: Bis 2011 sollen ein Anbau mit Unterrichts- und Funktionsräumen entstanden und das bestehende Gebäude komplett saniert sein. Kostenpunkt rund zehn Millionen Euro. „Unser Schulträger – der Landkreis Mainz-Bingen – ist sehr spendabel“, zeigt sich Schulleiter Weyel dankbar. Auch die Musikinstrumente für die demnächst einzuführende Streicherklasse, bei der jede Ganztagsschülerin und jeder Ganztagsschüler ein Streichinstrument lernen wird, finanziert der Landkreis.
„Ich bin zufrieden“, meint Norbert Weyel. „Finanziell und personell ist alles geregelt – wir haben hier eine im Vergleich zu anderen Schulen komfortable Situation.“ Der Neubau und die Sanierung bei laufendem Betrieb würden zwar eine Herausforderung werden, doch mit dem weiterhin vorhandenen Enthusiasmus werden diese Schwierigkeiten bewältigt, da sind sich der Schulleiter und Jörg Köhler einig. „Ich freue mich schon darauf, wenn der jetzige Jahrgang seinen Abschluss an unserer Schule macht, und wir dann sagen können, dass wir diese Strecke von Anfang bis Ende gemeinsam gegangen sind“, meint der Klassenlehrer.
Autor: DZ Online-Redaktion - Ralf Augsburg
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