Rubrik: Schüler/innen
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„Dienstag ist bei uns immer SINUS-Tag“, erzählt Birgitt May-Hansen, Schulleiterin der Grundschule St. Castor in Koblenz. An diesem Tag wird in allen Klassenstufen der Mathematikunterricht nicht nach „Schema F“ durchgeführt, sondern es werden neue Wege eingeschlagen, experimentelle Wege, beispielsweise Knobeleien in verschiedenen Schwierigkeitsgraden.
Das Programm SINUS-Transfer-Grundschule
Auf die Idee gekommen ist die Schulleitung durch das Programm SINUS-Transfer-Grundschule, an dem sich die Ganztagsschule in Angebotsform seit dem Jahr 2005 beteiligte. Das Programm, das zum Ende des Schuljahres 2008/2009 auslief, führte die Grundgedanken des Programms SINUS – „Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts“ an Grundschulen weiter. Anstoß zu dem Programm SINUS gaben 1996/97 die Ergebnisse der TIMS-Studie. Die Untersuchung zeigte für deutsche Schülerinnen und Schüler deutliche Schwächen im mathematischen und naturwissenschaftlichen Verständnis. Das zunächst auf fünf Jahre angelegte Programm SINUS startete 1998 bundesweit und wurde anschließend in einem Transfer-Programm stufenweise verbreitet. Seit 2004 schloss man auch die Grundschulen in den Transfer ein. Durch Schulleistungsvergleichsstudien wie IGLU-E hatte man erkannt, dass am Ende der Grundschulzeit erhebliche Leistungsunterschiede zwischen den Kindern bestehen, die sich im weiterführenden Schulsystem noch verstärken. Im Rahmen des Projekts SINUS-Transfer-Grundschule sollte in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften ein Fundament geschaffen werden, auf dem das Lernen in der Sekundarstufe und darüber hinaus aufbauen und gelingen kann. Die Programmträgerschaft hatte, wie für alle SINUS-Projekte, das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Universität Kiel (IPN). Es beteiligten sich vierzehn Länder an dem Projekt. Rheinland-Pfalz war mit insgesamt 20 Grundschulen dabei.
Im Mittelpunkt steht die Arbeit an Modulen
Im Vordergrund des Programms stand die Qualitätsverbesserung des Unterrichts mit Hilfe von zehn zentralen Modulen, die sich auf ausgewählte Problembereiche des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts bezogen. Beispielsweise auf den „Umgang mit Aufgaben im Mathematikunterricht“, das „Erforschen, entdecken und erklären im Mathematikunterricht bzw. im naturwissenschaftlichen Unterricht der Grundschule“, auf „Lernschwierigkeiten erkennen – verständnisvolles Lernen fördern“ oder „Talente entdecken und unterstützen“. Die dazu gehörigen Modulbeschreibungen wurden in der Regel getrennt für die Mathematik und die Naturwissenschaften formuliert und zeigen Lösungen auf, die im Unterricht unmittelbar eingesetzt werden konnten.
Seit 2005 dabei: die Grundschule St. Castor in Koblenz
Die Grundschule St. Castor in Koblenz legte ihren Schwerpunkt auf den mathematischen Bereich. Schulleiterin Birgitt May-Hansen versammelt regelmäßig alle Lehrerinnen und Lehrer, die Mathematik unterrichten, zu einem Austausch. „Wir haben gemeinsam überlegt, wie wir den Mathematikunterricht an unserer Schule weiterentwickeln können“, berichtet sie. „Zunächst haben wir darüber nachgedacht, was wir zum Thema machen können. Überall in der Schule konnte man „Zahlen“ entdecken, und so haben die Kinder Treppenstufen gezählt, sich gegenseitig gewogen, Fenster gezählt und vieles mehr“. Nach vielen Diskussionen entstand nach und nach für jede Klassenstufe ein Ordner mit sinnvollen Aufgaben, wie beispielsweise „Zahlen unserer Schule“, „Schwerpunkt Geometrie“, „Kunst in der Mathematik“ oder „Mathematik liegt auf der Straße“. Der Dienstag wurde als Tag vereinbart, an dem Mathematik gezielt anders vermittelt wurde, unter anderem durch SINUS-Knobeleien. Die Lehrerinnen und Lehrer machen den Kindern jetzt weniger vor und lassen sie stattdessen verstärkt eigene Wege ausprobieren. So lernen sie ihren Lösungsweg zu ändern und zu erklären. „Über die Zusammenarbeit im Projekt haben wir gelernt, bessere Diagnosen zu stellen und die Schwächen der Kinder besser anzugehen. Man hat nicht mehr die Scheu, etwas falsch zu machen“, lobt May-Hansen den Erfolg von SINUS, den sie täglich an ihrer Schule spürt. Die Lehrkräfte können ihren Unterricht jetzt sehr viel differenzierter gestalten, den begabten Kindern andere Aufgaben geben als den schwächeren.
Weg vom Einzelkämpfertum
„Eine der wichtigsten Erfahrungen in den vergangenen Jahren war zu merken, dass wir zusammen viel mehr bewirken können als allein“, resümiert May-Hansen. „Durch die Arbeit an SINUS sind wir weggekommen vom Einzelkämpfertum und haben stattdessen gelernt, wie man Kräfte sinnvoll bündeln kann“, erzählt sie. Die Förderung der Kooperation der Lehrkräfte ist eins der zentralen Themen des Projekts. Das Konzept betrachtet die Zusammenarbeit aller Beteiligten als wichtigste Bedingung für die Veränderung von Unterricht. Dies betrifft nicht nur den regelmäßigen Austausch innerhalb des Kollegiums, sondern auch den mit anderen Schulen. In Schulverbünden, den Sets, entwickeln Lehrerinnen und Lehrer aus mehreren Schulen unter wissenschaftlicher Begleitung gemeinsam ihre Unterrichtsmethodik weiter. Die Schulsets wurden von Koordinatorinnen und Koordinatoren betreut, die eng auf Länder- und Bundesebene zusammenarbeiteten. Reflexion und Evaluation des eigenen Unterrichts waren dabei zentrale Elemente. „Die Dokumentation unserer Arbeit hat uns allerdings etwas Probleme bereitet“, gesteht die Schulleiterin. „Wir sollten ein Logbuch über unsere Ziele und Unterrichtsreflektionen führen. Das fiel uns nicht immer leicht und so haben wir die Ergebnisse manchmal auch fotografiert und gefilmt.“
Sinus an Grundschulen
Mit Beginn des Schuljahrs 2009/2010 startete unter dem Dach der Kultusministerkonferenz (KMK) das Programm „SINUS an Grundschulen“, an dem sich elf Bundesländer beteiligen. Befunde aus PISA und PISA-E 2006 sowie aus IGLU 2006 zeigten, dass in Deutschland trotz erkennbarer Verbesserungen bestimmte Probleme in Unterricht und Schule weiter bestehen. Ziel des neuen Programms ist es deshalb nach wie vor, ein höheres Niveau mathematischer und naturwissenschaftlicher Kompetenz bei allen Schülerinnen und Schülern unabhängig von deren sozialer oder ethnischer Herkunft zu erreichen und gleichzeitig die Lehrkräfte und Schulen in ihrer professionellen Problemlösekompetenz zu stärken. Mit SINUS-Transfer-Grundschule hatte man gute Ergebnisse erzielt. Dieser Ansatz sollte fortgesetzt werden. Die Programmträgerschaft übernimmt weiterhin das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), wenn auch „das neue Programm sehr viel stärker durch die Länder mitgetragen wird als bisher“, erklärt Professor Manfred Prenzel, der bis zum Sommer 2009 Geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) war.
Das neue Programm, das auf einer Auftaktveranstaltung am 17. und 18. November 2009 in Bad Münster am Stein feierlich eingeweiht wurde, stützt sich weiterhin auf die Arbeit an Modulen, wird aber um innovative Elemente ergänzt und erweitert. Die am Programm beteiligten Schulen können für die Unterrichtsentwicklung zusätzlich und systematisch Daten nutzen, die ihnen aus Prozess begleitenden Bestandsaufnahmen, abschließenden Evaluationen und anderen Rückmeldesystemen zur Verfügung stehen. Auch unterstützen Koordinierungspersonen Lehrkräfte dabei, die Ergebnisse von Vergleichsarbeiten oder Schulinspektionen zu nutzen und diese auf ihre Klasse und ihren Unterricht zu beziehen. Das IPN organisiert jährlich bundesweit zwei zentrale Fortbildungsveranstaltungen, an denen Vertreterinnen und Vertreter aus den Ländern zusammenkommen und an Workshops zu den Schwerpunkten der Programmarbeit teilnehmen können.
Auch die St. Castor Grundschule ist dabei
Rheinland-Pfalz ist an dem Programm „SINUS an Grundschulen“ mit 37 Grundschulen beteiligt. Es war für die St. Castor Grundschule in Koblenz keine Frage, auch bei dem Anschlussprojekt mitzumachen. Birgitt May-Hansen wird in den kommenden Jahren die Zusammenarbeit von sieben Schulen mit dem Schwerpunkt Mathematik als Set-Koordinatorin betreuen. „Die bisherigen Schulen werden natürlich als gute Beispiele eine große Rolle spielen“, erläutert Prof. Dr. Manfred Prenzel. „Wir werden die bereits entstandenen Schulnetze in das neue Programm einbinden, so dass neue Schulen von deren Erfahrungen profitieren können. Bei dem Vorgängerprogramm SINUS-Transfer haben wir gesehen, dass es gut funktioniert, wenn man die Anzahl der Schulen verdoppelt. Dadurch kommen neue Ideen hinzu, die die Zusammenarbeit der alten und neuen Schulen sehr beleben“. Im Set von Birgitt May-Hansen hat neben ihrer Schule noch eine andere am Programm „SINUS-Transfer-Grundschule“ teilgenommen, alle anderen kommen neu hinzu. „Ich bin schon gespannt auf die Zusammenarbeit“ meint die Schulleiterin. „Wir können den anderen Schulen sicher schon viel mitgeben.“ Am 2. Februar 2010 ist das erste Treffen mit den anderen Schulen. „Und dann geht die Arbeit richtig los“ freut sie sich.
Autor: DZ Online-Redaktion - Petra Schraml
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