Rubrik: Schüler/innen
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Auf der 1. Schülerfirmenmesse am 10. Juni 2010 in Speyer beeindruckte das breite Spektrum der Ideen, die Schülerinnen und Schüler in ihren Firmen umsetzen. Die "Mini-Unternehmer" stellen Fahrräder, Stühle oder Schmuck her, sie digitalisieren Dias, sorgen als Caterer für das leibliche Wohl oder unterstützen ihre Schule beim Energiesparen.
Pavel, Abiturient und ehemaliger Schüler des auf einer Insel im Rhein gelegenen Gymnasiums Nonnenwerth, ist seinen Zuhörern gegenüber ehrlich: "Ich war nicht gerade der fleißigste und interessierteste Schüler." Doch im 10. Schuljahr entwickelte er auf einmal großen Ehrgeiz. Zusammen mit anderen Schülerinnen und Schülern gründete er im Rahmen des JUNIOR-Projektes des Instituts der deutschen Wirtschaft eine Schülerfirma, die sich auf die Produktion von Hörspielkassetten für Kinder spezialisierte. "Fünftklässler haben Geschichten über den Inselhund Terry geschrieben, die wir dann im Tonstudio eingesprochen haben", berichtet Pavel.
"Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und mir viel gebracht. Das Ganze gewann an Eigendynamik. Es war eine echte Teamarbeit, bei der jeder Verantwortung für alle übernommen hat. Auch andere Teams unserer Schule hatten kreative Ideen, an die sie unbeschwert herangingen. Ein Team entwarf ein Logo für die Kommune Nonnenwerth, das in die ganze Region ausgestrahlt hat." Pavel ärgert sich heute nur noch darüber, dass "es für unsere Firma nicht noch besser gelaufen ist. Wir haben am Anfang zu viel Zeit vertrödelt, so dass wir das Weihnachtsgeschäft verpassten. So hätten wir wesentlich mehr Hörspiele verkaufen können, als wir dann schließlich im Frühjahr verkauft haben. Aber wir haben aus den Fehlern zu Beginn gelernt und dann mit Meilensteinen gearbeitet, die immer ganz klar machten, wer bis wann seine Arbeit erledigt haben musste."
Das JUNIOR-Projekt ist ein Teil der Kooperation mit der Fachhochschule Remagen, dem Rhein-Ahr-Campus im Bereich Betriebswirtschaft. Diese Zusammenarbeit beeinflusste Pavels Leben entscheidend. Heute studiert er am Rhein-Ahr-Campus und kommt an seine ehemalige Schule, um heutigen Schülerinnen und Schülern von seinen Erfahrungen zu berichten. Auf die Schülerfirmenmesse war er zusammen mit der Betriebswirtschaftslehrerin Astrid Heilmann-Cappel gekommen, um im Rahmen eines Forums zu etwa einem Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörern zu sprechen.
Messe als Leistungsschau
Das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur (MBWJK) lud am 10. Juni 2010 in das Institut für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung zur 1. Schülerfirmenmesse ein. Unter dem Motto "Kooperationen bilden – wir sind dabei!" stellten Schulen an 35 Informationsständen ihre Angebote vor, die vom Schmuckdesign über das Digitalisieren von Dias, Schulkleidung, Spielen bis zu einem Bügelservice reichten. Viele Schülerfirmen haben sich das Catering auf die Fahnen geschrieben, das sie passenderweise dann auch während der Messe übernahmen. In acht Workshops konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch eingehender über die diversen Angebote an den Schulen wie dem G8-Ganztagsgymnasium Nonnenwerth informieren.
Dr. Annegret Schwarz vom MBWJK räumte zur Begrüßung des Plenums ein: "Als wir uns vor eineinhalb Jahren Gedanken über die Schülerfirmenmesse machten, waren wir nicht sicher, welche Resonanz diese Veranstaltung hervorrufen würde." Nun sei man "überwältigt" von den etwa 200 Anwesenden.
Für Johannes Jung, Leiter des Referates Ganztagsschule im MBWJK, kam die Schülerfirmenmesse zum richtigen Zeitpunkt: "Wirtschaftliche Fragen prägen heutzutage den Alltag, und von der Wirtschaft nichts wissen zu wollen, hieße, sich dem Leben zu verweigern." Heute gebe es 60 Schulstandorte mit Schülerfirmen. Die Messe diene nun dazu, um diese Leistungen zu präsentieren.
Schülerfirma "School Bike" repariert Fahrräder
So hat die Windmühlenschule, eine Mainzer Förderschule, die Fahrradwerkstatt "School Bike" auf die Beine gestellt. In einem Workshop berichtete Lehrer Norbert Vogler über die Entwicklung dieser Schülerfirma, die ihre Geburtsstunde im Grunde genommen vor zwei Jahren bei einem Schulausflug einer 6. Klasse erlebte: Bei einem dreitägigen Fahrradausflug kamen viele Schülerinnen und Schüler mit Fahrrädern in katastrophalem Zustand, die dann am ersten Tag repariert werden mussten. "Daraus entstand die Idee, in einer Arbeitsgemeinschaft Fahrräder von Schülern und Kollegen zu reparieren, was dann auch umgesetzt wurde. Dies machte Spaß, und es kamen immer mehr Kolleginnen und Kollegen", erzählte Vogler.
Die Schule ging nun einen Schritt weiter und gründete in der 7. Jahrgangsstufe die Schülerfirma. Diese erhielt einen eigenen Werkstattraum und von der Universität Mainz herrenlose Fahrräder. "Das ist viel Schrott, aber wir nehmen alles", so der Lehrer. Beim Zerlegen der Räder lassen sich immer wieder brauchbare Ersatzteile finden. Den nicht verwertbaren Schrott verkaufen sie dem Schrotthändler.
Für fünf Euro erledigt "School Bike" einen Fahrradcheck. Die Aufträge kommen aus dem Kollegium und von umliegenden Schulen "Aber wir werden immer bekannter und erhalten schon Anrufe aus der Siedlung", berichtete Norbert Vogler. Im ersten Jahr kümmerte sich der Pädagoge um die kaufmännische Seite. Nun übernehmen dies die Schülerinnen und Schüler und sind verantwortlich für Einkauf, Kasse, Werbung und Ersatzteile. Durch die Zusammenarbeit mit einem Fahrradhändler kann die Firma Ersatzteile direkt beim Großhandel beziehen, was günstiger ist. Inzwischen baut die Firma auch "Spaßräder", die sie auf Flohmärkten verkauft.
Jugendliche aus Schülerfirma finden Ausbildungsplatz
Die Hoffnung, dass man mit dieser Aktivität auch einen Schritt in Richtung Berufsorientierung macht, bestätigte sich: "Ein Schüler hat einen Ausbildungsplatz als Fahrradmonteur gefunden", konnte der Lehrer vermelden.
Um Nachwuchs in der Fahrradwerkstatt muss sich Norbert Vogler bislang nicht sorgen. Nachfolgende Schülerinnen und Schüler werden in einem Helfersystem durch ältere Mitschülerinnen und Mitschüler eingewiesen und durchlaufen verschiedene Stadien: Bevor sie reparieren dürfen, müssen sie sich erst einmal am „Abschrotten“ versuchen.
Auch an der Hauptschule im Pamina-Schulzentrum in Herxheim hat sich eine Fahrradwerkstatt etabliert, an der die Jahrgangsstufen sieben bis neun mitarbeiten. Kevin Seiberth berichtete in Speyer von der dortigen Organisation, welche die Jugendlichen selbst verantworten. Eine Lehrerin hilft nur ab und zu mit. "Wir arbeiten für einen Stundenlohn von fünf Euro. Ich vertraue darauf, dass alle Mitschüler ihre Arbeitszeiten korrekt aufschreiben. Ich zähle am Monatsende die Einnahmen. Das Geld, das übrig bleibt, verteilen wir."
"Wir kommen kaum noch nach mit der Arbeit"
Die Fahrradwerkstatt wird als Arbeitsgemeinschaft angerechnet. Die Schülerinnen und Schüler machen für ihre Firma in der Umgebung Werbung und bieten als Service an, die Fahrräder abzuholen und wieder zurück zu bringen. Nun liegt sogar die Anfrage eines großen Autoherstellers in Wörth vor, die Betriebsfahrräder zu warten. "Wir kommen kaum noch nach mit der Arbeit", meint Kevin. "Wir reparieren inzwischen auch Rollstühle und verkaufen diese. Für einen Euro vermieten wir Fahrräder für Fahrradtouren an andere Schulen." Zudem spendeten sie Räder an bedürftige Kinder.
Ein Nebeneffekt ist der Kontakt zu Kunden. So berichtete Kevin: "Wir haben eine Kaffeeecke für wartende Kunden eingerichtet." Er selbst hat bereits eine Lehrstelle als Vierradmechaniker sicher.
Schülerfirmen können aber noch mehr: Die Sensibilität für nachhaltiges Wirtschaften stärken. Holger Mühlbach vom Landesinstitut für Schulqualität in Sachsen-Anhalt hörte noch als Lehrer einer Sekundarschule vor zehn Jahren das erste Mal von Schülerfirmen. Seitdem "verfolgte mich die Idee einer nachhaltig wirtschaftenden Schülerfirma", erklärte der Lehrer in seinem Vortrag. "Bei der Gestaltung von Schülerfirmen sollte nicht der höchste Gewinn ausschlaggebend sein, sondern ökologische und soziale Fragestellungen sollten berücksichtigt werden."
Schülerfirmen zur Stärkung des sozialen Miteinanders
So können Produkte aus umweltfreundlichem Material hergestellt oder gleich aus alten Materialien wiederverwertet werden. Als Beispiel präsentierte Holger Mühlbach einen Bleistift, der aus alten CD-Hüllen gefertigt wurde. "Die Schülerinnen und Schüler achten bei der Produktion auf den Ressourcenverbrauch und die Müllvermeidung. Sie verwenden regionale und saisonale Produkte und setzen umweltfreundliche Materialien ein. "Damit entsprechen sie einer Empfehlung der Kultusministerkonferenz von 2007, dass Schülerinnen und Schüler sich aktiv an der ökologisch verträglichen Gestaltung der Umwelt beteiligen sollen", erläuterte der Pädagoge.
Es gebe auch Schülerfirmen, die Energiekonzepte für ihre Schulen entwickelten oder auf Einsparungen von Ressourcen und auf Müllvermeidung und -trennung in ihren Schulen achteten oder dies sogar als Dienstleistung für andere Schulen anböten. "Es gibt Energiedetektive, die durch Schulgebäude gehen, um Ressourcenverschwendung aufzuspüren", so Holger Mühlbach.
Auch die möglicherweise erzielten Gewinne ließen sich nachhaltig verwenden: "Entweder werden zur Stärkung des sozialen Miteinanders sozial schwächere Schüler unterstützt, indem zum Beispiel die Überschüsse in eine Kasse für Klassenfahrtenzuschüsse wandern, oder man spendet für Umwelt- und Entwicklungshilfeprojekte."
Autor: DZ Online-Redaktion - Ralf Augsburg
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