Ganztagsschulen in Angebotsform Rheinland-Pfalz - www.ganztagsschule.rlp.de

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Die Ganztagsschule in Rheinland-Pfalz aus der Sicht der beteiligten Eltern

Pädagogisches Landesinstitut Rheinland-Pfalz

Pädagogisches Landesinstitut Rheinland-Pfalz
 
Diskussion in einer Arbeitsgruppe mit Dr. Richard Hartmann (2.v.l.) und Bernd Peter Räpple (3.v.l)

Diskussion in einer Arbeitsgruppe mit Dr. Richard Hartmann (2.v.l.) und Bernd Peter Räpple (3.v.l) Staatssekretärin Vera Reiß Das Plenum in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Prof. Thomas Rauschenbach Johannes Jung (r.) im Gespräch Julia Koch vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Die ehernen Regeln der Open Space-Methode Podiumsdiskussion mit (v.l.) Michael Esser, Julian Knop, Tatjana Asmuth, Moderatorin Birgit Zeller, Dr. Richard Hartmann, Dr. Katja Groß-Minor, Karin Kienle und Dr. Angelika Dietrich
10.04.2008

Wir sind Ganztagsschule!

Fachtagung: Wie können Ganztagsschulen noch besser gelingen?

Lob aus berufenem Munde erfreut natürlich immer. Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI) hob zu Beginn seines Vortrags auf der Fachtagung „Wir sind Ganztagsschule – Die Beteiligten ziehen Bilanz“ hervor, dass die Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz nicht erst als eine Antwort auf den PISA-Schock entstanden seien, sondern bereits 2001 deren Potenzial erkannte wurde. Damit bestätigte er die Aussage von Staatssekretärin Vera Reiß, die in ihrem Grußwort zur Eröffnung von der „Vorreiterrolle des Ganztagsschullandes Rheinland-Pfalz“ gesprochen hatte.

In den vergangenen sieben Jahren ist viel passiert: De Staatssekretärin erinnerte daran, dass es 2001 „Skepsis und Ablehnung aus verschiedenen Richtungen“ gab. Diese Stimmen seien nun verstummt, stattdessen erfahre man Anerkennung und erhalte viele Anfragen, das Ganztagsschulkonzept vorzustellen. „Über diese Entwicklung und die Akzeptanz sind wir sehr froh. Aber der Erfolg kommt auch nicht von ungefähr: Wir finanzieren zu 100 Prozent das Personal und verfügen über gute Unterstützungssysteme“, erklärte Vera Reiß.

Auch die Zahlen sprechen für sich. Laut der Staatssekretärin hielt man das anvisierte Ziel, in vier Jahren 300 Ganztagsschulen in Angebotsform zu schaffen, selbst im Ministerium für sehr anspruchsvoll. Doch der Optimismus wurde übertroffen: Im aktuellen Schuljahr bestehen 458 Ganztagsschulen in Angebotsform – und bis zum Ende der Legislaturperiode 2011 sollen es 580 sein. Dann wäre jede dritte Schule eine Ganztagsschule in Angebotsform.

Lernprozess für alle Beteiligten
So wie man bei der Quantität noch nicht am Ende angelangt ist, so gilt es auch qualitativ noch einiges zu verbessern. Die Einbeziehung externer Kooperationspartner ist von Beginn an ein Schwerpunkt im Konzept des Landes gewesen, aber gerade hier hakt es noch. „Die sprichwörtliche gleiche Augenhöhe zwischen den Partnern zu erreichen, ist nicht immer einfach und kann nicht immer reibungslos verlaufen“, so Vera Reiß. Auch die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) habe gezeigt, dass pädagogische Partner/innen oft noch die fehlende Einbindung bei Entwicklung eines pädagogischen Konzepts und mangelnde Absprachen kritisieren. „Das ist ein Lernprozess für alle Beteiligten, den das Land durch Fortbildungen unterstützt. Seit 2002 haben das Institut für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung (IFB) und das Sozialpädagogische Fortbildungszentrum (SPFZ) rund 500 Menschen fortgebildet.“

Rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen am 4. April 2008 in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz zusammen, um solche Erfahrungen auszutauschen und zu diskutieren. Die Tagungsorganisation durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung, den Landesjugendring und das IFB sah daher für den Großteil der Tagung eine Open Space-Methode vor: Die Themen, die diskutiert werden sollten, konnten durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestimmt werden. Die Gruppen fanden sich daraufhin frei zusammen und besprachen sich ohne Moderation oder Zeitvorgaben.

Neue Kooperationen und neue Lernformen für ein Mehr an Bildung
Prof. Rauschenbach referierte aus wissenschaftlicher Sicht über „Das Projekt Ganztagsschule aus Sicht der Kooperationspartner“. Im günstigsten Falle brächten Ganztagsschulen durch neue Kooperationen und neue Lernformen nicht ein „Mehr an Schule, sondern ein Mehr an Bildung“, meinte der Wissenschaftler. Dazu sei allerdings ein echtes Ganztagsschulkonzept erforderlich. „Es darf nicht darauf hinauslaufen, dass der Schultag in Unterricht am Vormittag und ein Wellness-Programm für Benachteiligte am Nachmittag zerfällt“, mahnte Rauschenbach. „Nur wenn alle profitieren, besitzt die Ganztagsschule das Potenzial als das Bildungsprogramm des neuen Jahrhunderts.“ Ganztagsschulen könnten im Gegensatz zur Halbtagsschule Inhalte und Themen jenseits der Unterrichtsfächer aufgreifen. „Hier können die Schülerinnen und Schüler soziale Verantwortungsübernahme erlernen, soziale Anerkennung und Bestätigung erfahren. Es besteht so auch die Chance, die tradierte Unterrichtsschule durch andere Formen des Lernens zu stärken. Dazu bedürfe es aber einer stärkeren Anbindung von Unterricht und außerschulischen Angeboten: „Die besten Rahmenbedingungen nützen nichts, wenn die Kooperationspartner nicht aufeinander zu gehen.“

Dass es aber keine allgemeinen Rezepte gibt, zeigten die Diskussionen in den Arbeitsgruppen deutlich: Ein Grundschulleiter, der zum kommenden Schuljahr eine Ganztagsklasse an seiner Ganztagsschule in Angebotsform einführen möchte, wollte von Kolleginnen und Kollegen, die damit bereits Erfahrungen gesammelt haben, Fehlervermeidungsstrategien hören. Doch während die eine Schule auf Ganztagsklassen schwört, weil der Schultag zuvor in zwei Teile zerfallen sei, nun aber viel mehr Rhythmisierung und vernetztes Lernen möglich seien, löste eine andere Schule die Ganztagsklasse nach einem halben Jahr bereits wieder auf, weil diese sich zum „Auffangbecken für schwierige Kinder“ entwickelt hatte.

Blick auf Hausaufgaben verändert sich
Auch die Ressourcen sind von Ort zu Ort unterschiedlich: So hat das Jugendamt in einer Verbandsgemeinde im Rhein-Hunsrück-Kreis die Einzelfallhilfen zurückgefahren und Tagesgruppen geschlossen, um stattdessen jeder Ganztagsschule im Sinne der Prävention einen Sozialarbeiter zur Verfügung stellen zu können. Andere Ganztagsschulen bemühen sich dagegen vergeblich um eine solche Ergänzung zum Team.

In den Diskussionen wurden aber auch Übereinstimmungen sichtbar: So betonte eine Erzieherin, für die Kinder sei Kontinuität im Team der Honorarkräfte wichtig. Am Anfang habe man elf verschiedene Personen im Ganztagsbereich beschäftigt, womit die Schülerinnen und Schüler nicht klarkamen. Am besten wäre eine feste Bezugsperson, die jeden Tag anwesend sei und zu der die Kinder eine Beziehung aufbauen könnten. Um geeignete Honorarkräfte zu finden, empfehle sich die Darstellung des Schulkonzepts mit seinen Schwerpunkten auf der Homepage der Schule und Hospitationen von Bewerberinnen und Bewerbern. „Dort kann man schnell erkennen, wie diese mit den Kindern umgehen.“

Ein weiterer Trend, der sich abzuzeichnen scheint: Ganztagsschulen kommen vom traditionellen Hausaufgabenkonzept ab. Die Ganztagsgrundschule Blaues Ländchen in Nastätten im Rhein-Lahn-Kreis hat stattdessen an zwei Wochentagen einen sogenannten "Förder-Fordertag" eingeführt. Dienstags werden in doppelstündigen Projekten informelle Lernprozesse gestützt und beispielsweise Bewegungsförderung angeboten. Donnerstags fasst man die Schülerinnen und Schüler aus den Ganztagsklassen und denen aus dem additiven Modell in Jahrgangsklassen zusammen, die nach Leistungsstärke gedrittelt werden. Hier werden die Kinder dann mit Aufgaben gefördert und gefordert, die das ganzheitliche Lernen unterstützen sollen und von den Fachlehrern gemeinsam mit den pädagogischen Partnern konzipiert worden sind. Einige Lehrerinnen und Lehrer rieten auch dazu, mit in die Hausaufgabenhilfe zu gehen. „Seitdem ich das mache, hat sich mein Blick auf Hausaufgaben verändert, und ich gebe ganz andere Aufgaben auf. Man erlebt die Schülerinnen und Schüler noch einmal ganz anders“, berichtete eine Grundschullehrerin.

Baustein einer anderen Bildung
„Es besteht selten Gelegenheit, so kompakt Rückmeldungen von Praktikern in so vielen Nuancen zu bekommen“, zeigte sich Dr. Richard Hartmann, Abteilungsleiter im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, auf der abschließenden Podiumsdiskussion begeistert. „Ganztagsschule ist für uns der Baustein einer anderen Bildung, mit der wir das Paradigma des Aussortierens der Schülerinnen und Schüler von oben nach unten überwinden wollen.“

Aus Schülersicht bedauerte Julian Knop, Referent der Landesschülervertretung, dass es nur Ganztagsschulen in Angebotsform gebe: „Wir wünschen uns Schulen aus einem Guss, statt schlechter Hausaufgabenbetreuung.“ Aktuell wolle die Landesschülervertretung besonders die G8-Ganztagsgymnasien auf ihrem Weg unterstützen.

Als „Möglichkeit, das Engagement der Schülerinnen und Schüler zu nutzen“ bezeichnete Dr. Angelika Dietrich, Ganztagsschulkoordinatorin des Rabanus-Maurus-Gymnasiums in Mainz die Ganztagsschule. An ihrer Schule finde einmal monatlich ein Treffen mit den Ganztagsschülerinnen und -schülern statt, auf dem diese Kritik und Anregungen äußern können. Schülertutoren aus den Klassen 10 bis 13 helfen in der Lernzeit und kümmern sich am Nachmittag auch um einzelne Schülerinnen und Schüler. „Das trägt unglaublich“, berichtete die Lehrerin. Auch die pädagogischen Partner/innen seien ein Gewinn, denn sie „erweitern unseren Blick auf die Kinder“.

Außerschulische Partner sind unverzichtbar
Für den Landeselternsprecher Michael Esser liegen Ganztagsschulen „im ureigensten Interesse der Eltern“. Man müsse daher deutlich machen, dass sich diese Schulform seit 2001 weiterentwickelt habe und keine „Kinderaufbewahrungsanstalt“ sei. Leider seien viele Eltern skeptisch, besonders wenn Gymnasien die Einführung von Ganztagsschulmodellen diskutierten: „Da wird dann oft Privates über die Schule gestellt“, so Esser, „und der Geigenunterricht und das Fußballtraining ist wichtiger. Es nützt uns aber nichts, ein Volk von guten Fußball- und Geigenspielern zu sein.“

Katrin Kienle vom SPFZ und Katja Groß-Minor vom IFB sehen sich als „Vorreiter bei der Qualifizierung pädagogischer Partner/innen“. „Wir bringen Menschen zusammen, die sich auch austauschen und Kraft tanken können.“ Nun biete man auch Fortbildungen für Tandems an, denn ein wichtiger Aspekt in der Ganztagsschule sei der „gemeinsame Blick auf das Kind“.

Der Förster Bernd Peter Räpple, der an drei Ganztagsschulen Arbeitsgemeinschaften zum Thema Wald anbietet sieht die Ganztagsschule als „einzigen Weg, Schule nachhaltig zu verändern“: „Dazu sind pädagogische Partner/innen aber unverzichtbar.“ Ein Mitspracherecht in den Ganztagsschulen forderte Tatjana Asmuth vom Landesjugendring ein. Nicht nur die Schule, auch ihr Umfeld verändere sich.

„Wir sind nie fertig, Ganztagsschule weiterzuentwickeln“, hatte Staatssekretärin Vera Reiß zu Beginn der vielstimmigen und vielschichtigen Tagung geäußert. Bei allem Erreichten gibt es tatsächlich immer wieder neue Fragen und Herausforderungen. Kein Wunder, dass Johannes Jung, Referatsleiter im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur pausenlos im Gesprächseinsatz war.

Autor: Ralf Augsburg - DZ Online-Redaktion

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