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Die Schach-AG
19.06.2007

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Die Hochbegabten-Schule Kaiserslautern

Die Heinrich-Heine- Ganztagsschule für Hochbegabte ist ein Ort, an dem die Kinder sein dürfen wie sie sind: anders. Intelligenter, aber deshalb nicht automatisch glücklicher. Eine zu hohe Begabung kann im normalen Schulumfeld schnell zu einem Fluch werden und ständige Unterforderung emotionale Beeinträchtigungen mit sich ziehen. Um diese Schülerinnen und Schüler aufzufangen, wurde zum Schuljahr 2003/2004 innerhalb des Heinrich-Heine-Gymnasiums die Ganztagsschule für Hochbegabte mit internationalem Schwerpunkt eingerichtet.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll. Sage ich, dass ich hochbegabt bin, glaubt es mir niemand; benehme ich mich so, wie ich bin, werde ich für dumm gehalten. Ich bin mittlerweile ratlos. Ich wüsste so gerne, was ich tun kann, damit die anderen mich so akzeptieren, wie ich bin.“ Diese verzweifelten Worte schrieb ein junges Mädchen in ein Internet-Forum, über das sich Hochbegabte austauschen. Die 20-Jährige hat eine Odyssee an Schulen, Therapien und Gesprächen mit Eltern, Lehrkräften und Psychologen hinter sich – ohne je angekommen zu sein.

Hochbegabte Kinder werden oft nicht als solche erkannt. Sie fallen den Lehrerinnen und Lehrern eher als störend, verträumt, hypersensibel oder unaufmerksam auf. Hochbegabte, vor allem die so genannten „Underachiever“ (Minderleister), sind im Grunde auch Förderschülerinnen und -schüler. Sie brauchen besondere Anleitung und besonderen Unterricht, um aufzublühen und ihre Talente ausleben zu können – im Idealfall den ganzen Tag über.

Die Heinrich-Heine-Ganztagsschule für Hochbegabte ist ein Ort, an dem diese Kinder sein dürfen, wie sie sind: anders. Intelligenter, aber deshalb nicht automatisch glücklicher. Eine zu hohe Begabung kann im normalen Schulumfeld schnell zu einem Fluch werden und ständige Unterforderung emotionale Beeinträchtigungen mit sich ziehen. Um diese Schülerinnen und Schüler aufzufangen, wurde zum Schuljahr 2003/2004 innerhalb des Heinrich-Heine-Gymnasiums die Ganztagsschule für Hochbegabte mit internationalem Schwerpunkt eingerichtet. Das passte gut, denn das Heinrich-Heine-Gymnasium hat Erfahrung mit Ganztagsangeboten und mit herausragenden Talenten. In das Heinrich-Heine-Gymnasium ist sowohl ein Internat als auch die Spitzenförderung für sportliche Talente, die schon lange auch nachmittags ihren Platz in der Schule hat, integriert.

„So ein bisschen Bildung ziert den Menschen“, sagte Heinrich Heine einst. Nun, in Kaiserslautern darf es eben ruhig ein bisschen mehr Bildung sein. Unser Beispiel aus dem Internet-Forum zeigt, dass die Hochbegabung gerade in diesem Punkt durchaus falsch interpretiert werden kann: Das Mädchen sollte die Hauptschule besuchen, weil ihre „Zerstreutheit“ als mangelnde Intelligenz eingestuft wurde. Erst mit 20 setzt sie sich durch und strebt nun das Abitur an, um endlich studieren zu können. Ihr Selbstbewusstsein jedoch hat gelitten.

Damit solche Fälle rechtzeitig vermieden werden und für genügend geistiges Futter gesorgt wird, pflegt das Heinrich-Heine-Gymnasium ständigen Kontakt mit Grundschulen. „Das ist unverzichtbar“, sagt Eva Wenzel-Staudt, Leiterin der Schule für Hochbegabte/Internationale Schule. Zudem rückt das Thema „Hochbegabung“ immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Letzte Klarheit soll das ausgeklügelte Bewerbungsverfahren für die neuen Hochbegabten-Klassen schaffen. Nach einer schriftlichen Bewerbung findet ein Auswahlwochenende statt. Hier werden die Viertklässler nicht nur auf Leistungsfähigkeit, Kreativität und Lernverhalten getestet. Auch die Sozialkompetenz spielt eine wichtige Rolle – und nicht zuletzt die Belastungsfähigkeit. Denn die Kinder müssen den langen Tag einer Ganztagsschule auch durchstehen können. Oft nämlich haben die jungen Bewerber ein oder zwei Grundschulklassen übersprungen, sind damit jünger als die üblichen Fünftklässler. Motivation ist ebenfalls ein wichtiger Punkt. „Die Kinder sollten von sich aus den Wunsch haben, auf eine Hochbegabten-Schule zu gehen“, steht für Schulleiter Dr. Ulrich Becker fest. Mit ehrgeizigen Eltern und dem erforderlichen IQ von 130 allein ist es nicht getan. Schließlich sollen im idyllisch gelegenen Dunkeltälchen keine dressierten Denkmaschinen herangezüchtet, sondern Jugendliche mit außergewöhnlichen Begabungen für ihr meist außergewöhnliches Leben vorbereitet werden.

Die Schülerinnen und Schüler des Hochbegabten-Ganztagsgymnasium wissen ganz genau, warum sie diese Schule besuchen. Das soll auch so sein: Für die Schulleitung ist es wichtig, dass die Kinder den festen Willen haben, sich an der Schule gezielt fördern zu lassen. Folgende Schüler-Zitate zeigen, dass dies am HHG der Fall ist: „Ich besuche diese Schule, weil wir den Stoff zwar schnell, aber trotzdem intensiv durchnehmen.“ „Ich gehe auf das Hochbegabten-Gymnasium, weil hier keine Gefahr besteht, dass andere mich wegen guter Noten hänseln.“ „Ich besuche das HHG unter anderem, weil Japanisch total cool ist und mir hier nie langweilig wird.“ „Die Addita können für mich und meine Mitschüler hilfreich sein, verfeinerte Methoden zu erlernen.“ „Ich habe mich für diese Schule beworben, weil ich will, dass meine Hochbegabung nicht mehr Krankheiten auslöst, sondern gefördert wird.“

Was Du kannst, kann ich lange
Die wenigsten Lehrerinnen und Lehrer finden es angenehm, wenn sie von ihren Schülerinnen und Schülern an die Wand gerechnet werden, ihre Lernmethoden auf wenig fruchtbaren Boden fallen oder ein Schüler den mühsam erklärten Rechenweg kurzerhand überspringt und ohne ihn zur richtigen Lösung gelangt. Das sind Situationen, in die Lehrerinnen und Lehrer an der Hochbegabten-Schule Kaiserslautern durchaus geraten können. „Nicht jeder Kollege will dieses Wagnis auf sich nehmen“, weiß Schulleiter Ulrich Becker - zumal das Wagnis Hochbegabten-Schule bedeutet, auch nachmittags für die Schülerinnen und Schüler da zu sein. Da alle Hochbegabten automatisch Ganztagsschülerinnen und -schüler sind, kann rhythmisiert unterrichtet werden – folglich auch nach 13 Uhr bis zu den Addita (Arbeitsgemeinschaften). Das Silentium – die Hausaufgabenbetreuung in absoluter Stille und Konzentration – wird ebenfalls von Lehrerinnen und Lehrern geleitet.

Natürlich gibt es spezielle Lehrer-Fortbildungen für den Hochbegabten-Unterricht. Diese werden von den Heinrich-Heine-Lehrkräften sukzessive besucht. „Wir konnten nicht zu Beginn alle Lehrerinnen und Lehrer drei Jahre lang auf Fortbildung schicken“, erklärt Ulrich Becker. Um so wichtiger ist es, dass die Lehrerinnen und Lehrer flexibel bleiben und sich selbst eher als Mentor und Moderator begreifen. Außerdem müssen sie in der Lage sein, andere Lehrende neben sich zu akzeptieren. Denn die Hochbegabten-Ganztagsschule kooperiert mit der benachbarten Technischen Universität Kaiserslautern, der Fachhochschule und der städtischen Volkshochschule. Heinrich Heines Ausspruch "Um die Wahrheit zu erfahren, muss man den Menschen widersprechen", spiegelt also zuweilen den Unterricht wieder. Die Lehrerinnen und Lehrer sollten andere Denkstrukturen zulassen und diese in richtige, produktive Bahnen lenken können.

Steuerungsprobleme haben manchmal auch die Eltern. Hochbegabte Kinder ziehen sich durch alle Berufssparten und Bildungsschichten. Da kann es schon mal passieren, dass ein Schreinermeister ein Söhnchen hat, das den Papa lieber in philosophische Diskussionen verwickelt als mit ihm auf den Modellbau-Flugplatz zu gehen. Eine intensive, beratende Elternarbeit ist daher an der Hochbegabten-Ganztagsschule unerlässlich – auch, weil mit dem Besuch des Gymnasiums überdies ein Ablöseprozess verbunden ist. „Wir stehen dann vor einem Riesenberg an Fragen und Ängsten“, ist die Erfahrung von Eva Wenzel-Staudt. Die Beratungsgespräche fangen beim „Tag der Offenen Tür“ an und ziehen sich übers Bewerbungsverfahren bis hin zu den ersten Wochen und Monaten an der Hochbegabten-Ganztagsschule.

Eine Sorge wird den Eltern allerdings schon beim Blick auf den Stundenplan genommen: Kinder dürfen Kinder bleiben. Bewegung ist ein fester Bestandteil jeden Tages, und auch die Addita sind spielerischer Natur. Traumreisen und Theater finden hier ebenso Platz wie Kunst, Werken und Schach. Einige Arbeitsgemeinschaften stehen zudem allen Heinrich-Heine-Gymnasiasten offen. Eine funktionierende Gemeinschaft ohne Neid und Ausgrenzung ist der Schulleitung eine Herzensangelegenheit. „Schließlich haben die Hochbegabten-Schülerinnen und -schüler später wichtige Positionen inne, als Führungskräfte oder Wissenschaftler. Sie müssen sich integrieren können und dürfen sich nicht wie kleine Inseln betrachten. Eine egoistische Weltsicht ist da kontraproduktiv.“ Zur weiteren Unterstützung eines stimmigen ethisch-moralischen Wertegerüsts wird für die Zukunft auch die Einführung eines Sozialpraktikums für die hochbegabten Schülerinnen und Schüler geplant. „Ich möchte außerdem, dass alle Schülerinnen und Schüler – ob Hochbegabte, Sportler oder Aufbaugymnasiasten - ein Wir-Gefühl entwickeln. Wir, das HHG“, wünscht sich Ulrich Becker. Heine hätte dieser Gedanke sicher gefallen.

Autor: Bettina Belitz

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