Rubrik: Eltern
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Beim Blick von der mittelalterlichen Stadtmauer auf die Grundschule Hillesheim kann einem schwindelig werden. Der Boden liegt tief unter den Füßen und die Schule wirkt vom Wehrgang der wuchtigen Mauer aus wie ein Modell. Doch die Grundschule ist gar nicht so klein. Immerhin strömen insgesamt 326 Kinder aus elf umliegenden Dörfern in die Schule, die „Vorreiter und Beispiel für viele andere Schulen in der Region ist“, sagt Christian Linden, Konrektor und Ganztagsschulkoordinator der Grundschule.
Die Stadtmauer von Hillesheim ist heute durchbrochen und Treffpunkt für Wanderer. Sie ist auch ein Sinnbild für die Entwicklung der Schule. Denn als neue Ganztagsschule in Angebotsform hat die Grundschule Barrieren eingerissen und sich zur Gemeinde und Nachbarschaft hin geöffnet. Lehrkräfte anderer Ganztagsschulen kamen und hospitierten, um sich von dem Ganztagsschulmodell in Hillesheim anregen zu lassen. Die Grundschule gehört zur Staffel der ersten 81 Ganztagsschulen in Angebotsform. Seit 2002 öffnet sie ihre Tore bis in den Nachmittag hinein und in der Projektzeit beleben außerschulische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Ganztagsschule mit der Vielfalt ihrer Projekte.
Zeigt her eure Kooperation!
„Ganztagsschule
gibt einem die Möglichkeit, Schule anders zu machen und anders zu
präsentieren“, hat der Konrektor erfahren. Die 54 Kinder, die am
Ganztagsschulangebot teilnehmen, erleben die Schule durch Projektarbeit
aus einem neuen Blickwinkel heraus. Das Ganztagsschulprogramm des
Landes Rheinland-Pfalz sieht vor, dass sich Ganztagsschule zum
regionalen Umfeld öffnet und Kirchen, Vereine,
Jugendhilfeeinrichtungen, Musikschulen, Bibliotheken und viele andere
Partner in die Schule holt.
„Wir sind eine lebendige Schule, die sich besonders seit dem Start als Ganztagsschule nach außen hin öffnet. Dabei profitieren wir stark von außerschulischen Kompetenzen und legen großen Wert auf die Vernetzung mit der Gemeinde“, heißt es in der Selbstdarstellung der Schule zum Wettbewerb „Zeigt her eure Schule“, der vom Programm „Ideen für Mehr! Ganztägig lernen“ von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) ins Leben gerufen wurde. Beim bundesweit ausgelobten Wettbewerb hat es die Grundschule auf Anhieb geschafft, zu den elf Schulen mit den besten Kooperationsmodellen in Deutschland zu gehören. Ohne den pädagogischen Durchbruch, das Dorf in die Schule zu holen, wäre es nie zu der Nominierung gekommen.
Das Spektrum der Kooperationen der Grundschule Hillesheim ist breit. Es reicht von der Zusammenarbeit mit der Kirche über Sportvereine, dem Judo-Club, dem Forstamt und dem Katharinenstift.
In einem außergewöhnlichen Projekt kooperiert die Grundschule Hillesheim gleich mit zwei Partnern, die sonst oft Welten trennen. Bewohner des Seniorenheims „Katharinenstift“ treffen auf die „Videofuzzies“, die von Christian Kleinhanß, Medienpädagoge beim Bildungszentrum Bürgermedien, als Projektleiter der Videogruppe betreut werden. Auslöser war der Ideenreichtum der Kinder, die keine Berührungsängste zu den Senioren hatten. Der Titel des Projektes lautet dementsprechend: „Alt trifft Jung vor der Kamera – ein generationsübergreifendes Projekt“
„Kritische Mediennutzer, statt passive Medienkonsumenten“
Der
Siegeszug von Kamera und Medien im öffentlichen Leben ist unaufhaltsam.
Dabei kommt es darauf an, die Medien sinnvoll zu nutzen. Medienpädagoge
Christian Kleinhanß zitiert eine Studie, wonach die Menschen in
Deutschland heute bis zu zehn Stunden täglich mit digitalen Medien wie
Handy, Computer, Videokamera und vielen mehr verbringen.
Medienkompetenz wird so zu einem Bestandteil selbst bestimmter und
bewusster Lebensführung.
Manche Schülerinnen und Schüler haben sich allein deswegen zur Ganztagsschule angemeldet, weil sie bei den Medienprojekten, allen voran den „Videofuzzies“, mitmachen wollten. Nur, was haben Grundschulkinder an der Videokamera verloren, argwöhnten zu Beginn manche Eltern. „Die Technik ist für Kinder doch viel zu kompliziert.“ Solche Vorbehalte lösen sich schnell auf, wenn man den Kindern wenige wichtige Regeln mitgibt. Dann aber macht das Videoprojekt mit Kindern besonderen Spaß, weil sie „keine Hemmschwelle haben, vor die Kamera zu treten“, so Kleinhanß. Wenn es nach ihm geht, dann sollen aus Kindern „kritische Mediennutzer, statt passive Medienkonsumenten“ werden. Ein Schüler, der einmal Kameramann werden möchte, hat früh einen Perspektivwechsel vollzogen, indem er von der Konsumentenseite auf die Seite der Medienschaffenden wechseln möchte.
„Die Kooperationspartner sind sich ebenbürtig“
Die
Seele der Kooperation zwischen dem Katharinenstift und der Grundschule
Hillesheim ist eine Lehrerin: Eva Lang, 34 Jahre. Ihr Interesse für
generationenübergreifende Verständigung ist biografisch begründet. Der
„enge Bezug zu der eigenen Oma“ hat sie für die Belange von Senioren
aufgeschlossen. Gleich zum Start als Ganztagsschule führte sie das
Projekt „Alt trifft Jung“ an der Schule ein. „Alt trifft Jung“ heißt,
dass die Mädchen und Jungen sich mit den “Alten“ an der Stadtmauer zum
Picknick treffen, im Stift gemeinsam Lieder singen, aber auch Schwimmen
gehen und dies alles im Rahmen des Videoprojektes aufzuzeichnen.
Die Erfahrung hat gezeigt: Das gemeinsame Lesen oder Kochen zwischen Grundschülern und Senioren bedarf der Vorbereitung. „Kommunikation entwickelt sich meist über gemeinsame Tätigkeiten“, sagt Eva Lang. Während sich die „Videofuzzies“ im Katharinenstift im Umgang mit älteren Menschen üben, werden die Senioren für Film und Medien sensibilisiert.
Zudem wird im Gespräch mit den am Projekt beteiligten Lehrerinnen Lehrern und außerschulischen Fachkräften deutlich: Die Grundschule erwirbt durch die Kooperation mit dem Medienpädagogen und anderen außerschulischen Partnern ein Know-how, das über das Unterrichtswissen hinausgeht. Diese Dynamik einer Schule als lernende Organisation kommt erst dadurch zustande, dass das Lernen auf Gegenseitigkeit beruht. Voraussetzung und Gelingensbedingung ist: „Die Kooperationspartner sind sich ebenbürtig.“ So wird der wechselseitige und in Projekten notwendige Informationsfluss zu einer Selbstverständlichkeit.
Schülercafé als Nachbarschaftstreff
Ebenbürtig
fühlt sich auch Doro Hardt, 46 Jahre, die zwei Kinder in der
Grundschule hatte und den Förderverein seit zehn Jahren leitet und das,
obwohl ihre Söhne der Grundschule längst entwachsen sind. Auch das
gesamte Kollegium schloss sich dem Förderverein an, der nicht nur Geld
spendet und Spielgeräte finanziert. Der Verein unterstützt das
„Wizadora-Café“, das erste Modell für Ganztagsbetreuung an der
Grundschule. Das Café ist ein Kulturtreff für die Kinder aber auch die
Menschen aus Hillesheim. Nachbarn, Senioren und Eltern beteiligten sich
an Theateraufführungen, Videovorführungen und Bastelaktionen. Das
Wizadora-Café ist auch ein Lerncafé. Es wurde ursprünglich ins Leben
gerufen damit Schülerinnen und Schüler der dritten Klasse mit Hilfe von
Lernsoftware Englisch bei Café und Kuchen erlernen.
„Für mich ist das nicht lang“
In
der Grundschule legt man viel Wert, auf die Übergänge vom Vormittag auf
den Nachmittag, an dem die Ganztagsangebote additiv organisiert sind:
„Wichtig ist, dass für die Schülerinnen und Schüler eine Kontinuität
vom Vormittagsunterricht bis in den Nachmittag hinein gegeben ist“,
verlautet es aus dem Kollegium, das geschlossen hinter der
Ganztagsschule steht. Doch auch Eltern engagieren sich in erheblichem
Maß am Nachmittag. So betreut Marion Schlosser, Mutter von fünf
Kindern, die Erstklässler die ihre Hausaufgaben erledigt haben von
Montag bis Donnerstag von 13:55 bis 14:45. Neben jedem Hausaufgabenraum
ist ein Freizeitraum eingerichtet, in dem die Kinder spielen oder
Denkaufgaben am Computer lösen können.
Wie fühlen sich die Kinder am Nachmittag? Angelina, sieben Jahre, sitzt am Rechner und löst kleine Denkaufgaben. „Für mich ist das nicht lang“, sagt sie. Währenddessen sitzen zwei Erstklässlerinnen noch im Hausaufgabenraum und genießen es, die Geschichte mit Till, dem Eulenkind, zu illustrieren, das überraschend fliegen lernt, als sich ein räuberischer Kater anpirscht.
Dieses „Für-mich-ist-das-nicht-lang-Erlebnis“ ist mehr als eine Momentaufnahme: „Wir erleben die Kinder am Nachmittag eher lebendig und aufgedreht als überfordert“, sagt Marion Schlösser, die auch noch ein Projekt namens „Logiktraining“ am Computer oder als Brettspiel leitet. Die Kinder erkennen darin allerdings keine „Logik“, sondern sehen das als Spiel.
Eine Woche vor der Preisverleihung im Wettbewerb „Zeigt her eure Schule“ in Berlin hoffte Konrektor Christian Linden darauf, dass der pädagogische Durchbruch der Grundschule mit einem Preis in Berlin gewürdigt würde. Die Hoffnungen waren nicht unberechtigt, hat die Ganztagsschule doch schon Preise in drei Wettbewerben gewonnen. Der letzte Gewinn liegt erst ein Jahr zurück: Damals gewannen die Hillesheimer den Förderpreis in der Kategorie Grundschule der Medienpädagogik der Stiftung MedienKompetenz Forum Südwest (MKFS).
Zittern in Berlin
Bei
der Verkündung der Gewinner im Bundeswettbewerb „Zeigt her eure Schule“
am 2. Mai 2006 in Berlin werden erst die acht Schulen geehrt, die nicht
auf dem Siegertreppchen landen. Am Ende werden die drei Gewinnerschulen
aufgerufen. Bis dahin haben die „Videofuzzies“ Marwin Coßmann und Nina
Corz gezittert, dass nicht ihre Schule frühzeitig geehrt werde, denn
dann würden sie es nicht aufs Podest schaffen. Schließlich ist es so
weit: Staatssekretär Thomas Rachel vom Bundesministerium für Bildung
und Forschung beschreibt ein Kooperationsmodell, bei dem Kinder ältere
Menschen filmen. Die „Videofuzzies“ erkennen sich in der Beschreibung
gleich wieder.
Nun fällt die Anspannung von der Hillesheimer Delegation ab. Die Schülerinnen und Schüler freuen sich für ihre Schule und die anderen zehn Gewinner. Auch der Ganztagsschulkoordinator Christian Linden ist erleichtert. Jetzt wird es ihm nur noch beim Gedanken an den Rückflug schwindelig.
Autor: Arnd Zickgraf - DZ Online-Redaktion
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