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Praxisbezogene Ausbildung in der Fachoberschule
22.08.2011

Ein neuer Weg zum Abitur

Fachoberschulen ermöglichen Fachhochschulreife an Realschulen plus

Mit diesem Schuljahr verbessern sich die Chancen von Schülerinnen und Schülern, im Anschluss an die 10. Klasse in zwei weiteren Jahren die Fachhochschulreife zu erwerben. In zwölf Realschulen plus sind Fachoberschulen gestartet, in denen sich die Jugendlichen in verschiedenen Fachrichtungen mit hohem Praxisanteil qualifizieren.

Für Schülerinnen und Schüler, aber natürlich auch für ihre Eltern, ist bei jeder weiterführenden Schule von großem Interesse, welchen Abschluss die Mädchen und Jungen am Ende ihrer Schulzeit erwerben können. Die Auswahl einer weiterführenden Schule erfolgt deshalb natürlich auch mit dem Blick auf die Anschlussmöglichkeiten nach der Schulzeit.

So verwundert es nicht, dass vor diesem gerade gestarteten Schuljahr die Realschulen plus noch stärker von den Eltern wahrgenommen wurden. Denn diese Schulform bietet ab jetzt mit der Fachoberschule einen neuen Weg, die Fachhochschulreife zu erwerben. Zwölf Realschulen plus verfügen nun mit den Jahrgangsstufen 11 und 12 über ein Oberstufenangebot, das zur allgemeinen Fachhochschulreife führt. Anschließend können die Schülerinnen und Schüler die Berufsoberschule II besuchen und die Allgemeine Hochschulreife erwerben. In 13 Jahren kann man so zu einem Abitur gelangen, das dem des Gymnasiums gleichwertig ist.

Bereits im Vorfeld der Anmeldungen war das Interesse der Eltern bei vielen Informationsveranstaltungen und Elternabenden deutlich geworden. So zog beispielsweise der Informationsabend der Realschule plus Untermosel in Kobern-Gondorf rund 150 interessierte Mütter und Väter an. „Alle Fachoberschulen, die in Verbindung mit Realschulen plus zum aktuellen Schuljahr 2011/2012 an den Start gehen wollten, haben die nötigen Mindestanmeldezahlen deutlich übertroffen. Insgesamt 873 Anmeldungen für die zwölf Fachoberschulen landesweit sind ein ganz eindeutiger Beleg für das große Interesse“, freute sich Bildungsministerin Doris Ahnen. Die zusätzlichen Aufstiegschancen, die ein echtes Markenzeichen der Realschule plus sind, seien für Schülerinnen, Schüler und deren Eltern offenkundig sehr reizvoll.

Großes Interesse bei Schulen und Schulträgern

Auch von Seiten der Schulen und der Schulträger war das Interesse groß. Das zeigte sich in der Zahl der Anträge, eine Fachoberschule einzurichten. „Hier hatten wir mit 32 Anträgen eine hervorragende Ausgangslage für die erste Antragsrunde“, konstatierte Ministerin Doris Ahnen schon am 28. Juni 2010, als sie die zwölf Premierenschulen bekannt gab.

Bei der Auswahl der zwölf Standorte – die Realschulen plus in Adenau, Asbach, Bingen, Dahn, Edenkoben, Göllheim, Hachenburg, Kobern-Gondorf, Lauterecken/Wolfstein, Nierstein, Schifferstadt und Sohren-Büchenbeuren – bezog das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur (MBWWK) die jeweils regional bereits vorhandenen schulischen Aufstiegsmöglichkeiten ein. Gerade in ländlichen und kleinstädtisch geprägten Regionen sollte das Schulangebot der Sekundarstufe II noch attraktiver werden, indem allgemein bildende und berufsbezogene Inhalte sowie berufliche Praxis stärker miteinander verbunden werden. „Schülerinnen und Schülern werden so zusätzliche Bildungschancen eröffnet, und die Wirtschaft kann die Nachfrage nach höher qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern besser decken“, begründete die Ministerin den Zuschlag für die ersten Schulen.

Einen besonderen Stellenwert hat in der Fachoberschule die Fachpraxis. Sie findet im ersten Jahr des Bildungsgangs als Praktikum in der gewählten Fachrichtung, beziehungsweise dem Schwerpunkt an drei Tagen in der Woche statt. An den beiden anderen Tagen besuchen in der Klassenstufe 11 sowie in der Klasse 12 die Schülerinnen und Schüler den Unterricht in der Schule über die komplette Schulwoche hinweg.

Berufsfelder intensiv kennen lernen

„Das Fachpraktikum ermöglicht einerseits, dass die Jugendlichen das angestrebte künftige Berufsfeld und eventuell auch ihr künftiges Arbeitsumfeld intensiv kennen lernen können. Für die Betriebe und Institutionen, die die Praktikumsplätze bereitstellen, ist es eine große Chance, mögliche künftige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon im Vorfeld im Arbeitsalltag zu erleben. Erfreulicherweise wurde diese Chance von vielen Unternehmen und Verwaltungen erkannt, denn es sind im Umfeld aller Fachoberschul-Standorte sehr viele Praktikumsplätze zur Verfügung gestellt worden“, erläutert Bildungsministerin Ahnen.

Fachoberschulen, die zweizügig geführt werden müssen, können den Weg zur Fachhochschulreife durch schulische und berufspraktische Angebote in drei Fachrichtungen vorhalten: Wirtschaft und Verwaltung, Gesundheit oder Technik, wahlweise mit dem Schwerpunkt Metalltechnik oder Technische Informatik. Diese drei Fachrichtungen bauen auf den Lernbereichen im Wahlpflichtangebot der Realschule plus auf.

Um die Fachoberschule einrichten zu können, sind einige Voraussetzungen zu erfüllen: Die Standorte müssen eine ausreichende Zahl von Schülerinnen und Schülern für die Fachoberschule aus den eigenen zehnten Klassen gewinnen. Für Fachoberschulen mit nur einer Fachrichtung sind dabei mindestens 38 Anmeldungen notwendig. Für die Fachrichtungskombination Wirtschaft und Verwaltung / Gesundheit und Soziales müssen mindestens 46 Anmeldungen für die beiden Eingangsklassen vorliegen.

Gute Erfolgsaussichten

Zweitens muss die Realschule plus jeweils für Schülerinnen und Schüler aus anderen Schulen mit einem qualifizierten Sekundarabschluss I gut erreichbar sein. Aufgenommen werden können in die Fachoberschulen neben Schülerinnen und Schülern aus der direkt damit verbundenen Realschule plus auch Schulabgängerinnen und Schulabgänger aus anderen Schulen mit den entsprechenden Voraussetzungen. Zulassungsvoraussetzung für die Jugendlichen ist ein qualifizierter Sekundarabschluss I – die Mittlere Reife – mit einem Notendurchschnitt von mindestens 3,0, wobei in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch kein Fach schlechter als „ausreichend“ bewertet sein darf.

Weiterhin muss die Realschule plus in Zusammenarbeit mit Betrieben, der öffentlichen Verwaltung oder mit Einrichtungen der Sozialen Arbeit eine ausreichende und zu der jeweiligen Fachrichtung der Fachoberschule passende Zahl an Praktikumsplätzen vorweisen.

Schließlich können Schulen nur am Antragsverfahren teilnehmen, wenn sie als Realschule plus bis zum Errichtungstermin der Fachoberschule die zweijährige Orientierungsstufe komplett durchlaufen hatten. „Die jetzt ausgewählten Standorte für Fachoberschulen haben in diesen Punkten günstige Voraussetzungen und gehen mit guten Erfolgsaussichten an den Start“, ist Doris Ahnen überzeugt.

Allgemein bildender Unterricht mit beruflichen Anteilen

Die Errichtung von Fachoberschulen wird laut Ministerin in den kommenden Jahren weitergehen. Das gestufte Verfahren soll auch den Realschulen plus den Weg zu einer Fachoberschule eröffnen, die bisher noch nicht die Orientierungsstufe durchlaufen haben. Die Anträge der Realschulen plus, die nicht für das Schuljahr 2011/2012 ausgewählt wurden, gelten daher auch nicht als abgelehnt, sondern lediglich als zurückgestellt. Die Schulträger und Schulen erhielten vom Ministerium Rückmeldungen auf ihre Bewerbungen, auch um möglicherweise Änderungen in ihrem Antrag, zum Beispiel im Hinblick auf die gewünschte Fachrichtung, vorzunehmen.

Anträge auf Errichtung von Fachoberschulen an der Realschule plus sind jeweils zum 31. März eines Jahres für das übernächste Schuljahr über die Schulbehörde dem MBWWK vorzulegen. Vor den Sommerferien entscheidet das Ministerium über den Antrag. Im Falle der Zusage wird dann die Funktionsstelle der Koordinatorin oder des Koordinators an einer Realschule plus im Amtsblatt ausgeschrieben. Im Februar des Folgejahres erfolgt in der Regel das Anmeldeverfahren für den Besuch der Fachoberschule an der Realschule plus. Bei erfolgreichem Verlauf der Anmeldungen werden ab April die notwendigen Organisationsverfügungen erlassen.

Landesweiter Spitzenreiter bei den Anmeldezahlen 2011/2012 ist mit 107 Schülerinnen und Schülern die mit der Rochus-Realschule plus in Bingen verbundene Fachoberschule, welche die Fachrichtungskombination Wirtschaft und Verwaltung / Gesundheit und Soziales anbietet. Bernd Karst, Leiter der Rochus-Realschule plus, sieht die sehr gute Anmeldesituation an seiner Schule als einen eindeutigen Beleg dafür, dass eine Realschule plus der geeignete Standort für diesen zusätzlichen Weg der Fachoberschule ist: „Realschule plus und Fachoberschule verbinden beide allgemein bildenden Unterricht mit beruflichen Anteilen. Die Fachoberschule ist auch eine hervorragende Chance, den zunehmenden Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs gerade in der mittelständischen Wirtschaft zu decken.“

Betriebe stehen der Zusammenarbeit offen gegenüber

Für die Realschule plus in Asbach konnte Konrektor Berthold Becker berichten: „Wir freuen uns, gerade im Bereich Technik, der für die regionale Wirtschaft von besonderer Bedeutung ist, so gute Anmeldezahlen zu haben. Wir gehen davon aus, dass in den kommenden Schuljahren die angemeldeten Schülerinnen als Botschafterinnen mit Praxiserfahrung weitere junge Frauen für dieses interessante und attraktive Berufsfeld begeistern.“

Die Schulleiterin der Realschule plus in Dahn, Elisabeth Wieser, erklärt: „Insbesondere Kranken- und Pflegeeinrichtungen sehen die Fachoberschule mit ihrem einjährigen Praktikum als eine hervorragende Chance, junge Menschen für Berufe in diesem zukunftsträchtigen Arbeitsfeld zu gewinnen. Deshalb standen sie der Zusammenarbeit mit unserer Schule sehr offen gegenüber.“

Über der Kapazitätsgrenze von 60 Schülerinnen und Schülern liegen die Anmeldezahlen auch an den Realschulen plus in Göllheim, in Hachenburg, in Kobern-Gondorf und in Lauterecken-Wolfstein, die alle die Fachrichtungskombination Wirtschaft und Verwaltung / Gesundheit und Soziales anbieten, sowie an den Realschulen plus in Nierstein und in Schifferstadt, welche mit der Fachrichtung Technik mit dem Schwerpunkt Technische Informatik aufwarten.

Mobilisierung von Schülerinnen für die Fachrichtung

Ministerin Doris Ahnen bedankt sich bei allen Beteiligten, deren Mitwirken diesen gelungenen Start ermöglicht hat: „Ohne das große Engagement von Schulleitungen und Kollegien in den Realschulen plus, ohne die positive Unterstützung auch aus den berufsbildenden Schulen vor Ort und ohne die breite Unterstützung aus Wirtschaft und Verwaltung wäre dieser Start so nicht möglich gewesen.“

Insgesamt gesehen sei das Interesse an den Fachoberschulen der Fachrichtung Technik sehr erfreulich. Allerdings zeige die Analyse der Anmeldungen auch, dass es eine Aufgabe der kommenden Jahre bleibt, den Anteil der Schülerinnen in diesem Bereich weiter zu erhöhen. „Die Einführung des Faches ‚Technik und Naturwissenschaft’ im Wahlpflichtbereich der Realschule plus, die erst ab dem kommenden Schuljahr ihre Wirkung voll entfaltet, kann dabei neue Impulse setzen“, hofft die Bildungsministerin.

Autor: DZ Online-Redaktion - Ralf Augsburg

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