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Leseecke des Gymnasiums Mainz-Gonsenheim
01.09.2011

Fremdsprachen und mehr

Die Schule für Hochbegabtenförderung am Mainzer Gymnasium Gonsenheim

Schülerinnen und Schüler mit Hochbegabung müssen genauso differenziert und individuell gefördert werden wie Kinder und Jugendliche mit Lerndefiziten. An der Schule für Hochbegabung am Gymnasium Gonsenheim in Mainz unterstützen Differenzierungskräfte die Schülerinnen und Schüler – besonders in den Fremdsprachen und den Naturwissenschaften.

Die kleine Rebecca langweilte sich. Normalerweise sind Erstklässler mit Elan dabei, aber Rebecca gab ihren Eltern mehrmals deutlich zu verstehen: "Mir ist langweilig." Die Eltern hatten einen Verdacht: Langweilte sich ihre Tochter, weil sie vom Unterricht womöglich unterfordert wurde? Ein Test durch einen Schularzt sollte Aufschluss bringen – und tatsächlich stand am Ende die Diagnose: Rebecca ist hochbegabt.

Was nun tun? Der Schulpsychologe riet, Rebecca keine Klassen überspringen zu lassen, sondern sie in den Fächern wie Mathematik, in denen sie eine große Begabung aufwies, gezielt zu fördern. Die Eltern nahmen den Rat an, und ihre Tochter absolvierte die Grundschule ohne Probleme.

Nun stellte sich die Frage nach einer weiterführenden Schule. Rebecca entdeckte in einer Liste die Schule für Hochbegabtenförderung am Gymnasium Gonsenheim in Mainz und erklärte, dass sie auf diese Schule gehen wolle, erinnert sich ihre Mutter. Also ließ die Familie durch einen für die Bewerbung erforderlichen Intelligenz- und Kreativitätstest erneut Rebeccas Hochbegabung bestätigen und schickte die Bewerbung an die Schule für Hochbegabtenförderung.

Schulbezogene Lernfähigkeit und soziale Integrationsfähigkeit entwickeln

"Bei der Bewerbung mussten wir auch angeben, welche Interessen und Begabungen Rebecca außerhalb des Unterrichts zeigt, wie zum Beispiel ihre sportlichen und musikalischen Hobbys", berichtet die Mutter. Aufgrund der eingereichten Unterlagen traf die Schule eine Vorauswahl, nach welcher die Eltern und über 30 Kinder – darunter Rebecca – an einem Samstag im Januar zu dem so genannten Auswahltag in die Schule eingeladen wurden. Auf der Basis eines Probeunterrichts in drei Fächern und der Beobachtung des Arbeits- und Sozialverhaltens sowie eines persönlichen Gesprächs von Pädagogen und Psychologen mit den Eltern und Kindern traf die Schule die endgültige Auswahl. Auch Rebecca erhielt die Zusage.

Das Angebot der Schule für Hochbegabtenförderung / Internationale Schule in Mainz-Gonsenheim richtet sich an intellektuell hochbegabte Schülerinnen und Schüler, an Kinder und Jugendliche also, die Hochleistungen in einem oder mehreren Bereichen erbringen. Von intellektueller Hochbegabung spricht man in der Regel, wenn in einem Intelligenztest ein IQ-Wert gemessen wird, der größer als 130 ist. Dies trifft auf etwa zwei Prozent der Bevölkerung zu. Rein statistisch ist in jeder zweiten Grundschulklasse mit einem hochbegabten Kind zu rechnen.

Neben der Diagnose von Hochbegabung erwartet die Schule für Hochbegabtenförderung von ihren Schülerinnen und Schülern, gymnasialen Anforderungen gerecht zu werden sowie eine hohe Einsatzbereitschaft, gesteigertes Interesse und Engagement zu zeigen. Darüber hinaus erwartet man die Bereitschaft, schulbezogene Lernfähigkeit und soziale Integrationsfähigkeit in einer Klassengemeinschaft zu entwickeln.

Persönlichkeit in der Gesamtheit stärken

Die Schule für Hochbegabtenförderung fördert auch deshalb neben den intellektuellen Fähigkeiten die emotionale und soziale Reife. Alle unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Aktivitäten dienen daher dem Ziel, die Schülerinnen und Schüler in der Gesamtheit ihrer kognitiven, kreativen, künstlerischen, sportlichen, emotionalen und sozialen Entwicklung zu fördern. Sie sollen zu verantwortungsbewussten und selbstbewussten Persönlichkeiten heranwachsen, die ihren Platz in der Gesellschaft finden und diese gestalten können.

Rebeccas ältere Schwester besucht ein „normales“ Gymnasium, so dass ihre Mutter den Unterschied zwischen dem Regelschulbetrieb und dem Hochbegabtenzweig kennt: In Gonsenheim schaue man stärker als im normalen Gymnasium darauf, wie weit jedes einzelne Kind ist. Manche sind in Mathematik sehr weit, andere in Englisch. Diese Schülerinnen und Schüler nehmen dann in den entsprechenden Fächern am Unterricht höherer Klassen teil.

Die Klassenstärke in der Schule für Hochbegabtenförderung liegt bei maximal 25 Schülerinnen und Schülern, denen zusätzlich zu den Lehrerinnen und Lehrern Differenzierungskräfte zur Seite stehen. Diese sind in den Hauptfächern jeweils zwei Stunden in der Woche präsent, so dass pro Klasse etwa zehn zusätzliche Wochenstunden zusammenkommen. "Bei den Differenzierungskräften handelt es sich um Lehramtskandidaten, die uns von den fachdidaktischen Instituten empfohlen wurden", erläutert Peter Pörsch, der Leiter der Schule für Hochbegabtenförderung/Internationale Schule.

Das Unterrichten in der Schule für Hochbegabtenförderung ist inspirierend, "man wird in einer anderen Art von den Schülerinnen und Schülern gefordert als in einer Regelschule", berichtet der Schulleiter. Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, nehmen die Lehrkräfte an Fortbildungen teil und halten einmal pro Woche und Klasse eine Teamsitzung ab.

"Man muss sich immer hinterfragen lassen - fachlich wie in den pädagogischen Maßnahmen, man muss diskutieren und begründen. Es ist ein unglaublich lebhaftes Geben und Nehmen", beschreibt die Mathematiklehrerin Christiane Schafft die Arbeitsatmosphäre in einer Hochbegabtenklasse. Das Interesse der Kinder und Jugendlichen sei sehr hoch - dies sei der augenfälligste Unterschied zu einer Regelklasse. Auch könnten in einer Klasse wegen des Überspringens von Klassen drei Jahrgänge versammelt sein, wobei das jüngste Kind in der Klasse dann nicht automatisch das unreifste sein müsse.

Die Zusammenarbeit mit den Differenzierungskräften funktioniert der Pädagogin zufolge reibungslos. "Vor der Stunde besprechen wir unter anderem, welche Kinder jeweils besonders gefördert werden sollen. Aber während der Stunde können wir dann auch noch flexibel und spontan reagieren, wenn sich etwas anders entwickelt als geplant", so Christiane Schafft. "Ich wünschte, ich könnte auch in einer Regelklasse so differenzieren - hier habe ich einfach mehr Möglichkeiten dazu." Die Erfahrungen in der Schule für Hochbegabtenförderung könne sie auch für ihren Unterricht im Regelgymnasium nutzen.

Die Schule ist als verpflichtende Ganztagsschule organisiert, die montags bis donnerstags von 7.55 bis 16.05 Uhr und freitags bis 12.55 Uhr dauert. Der Unterricht findet weitgehend in Doppelstunden statt, auch am Nachmittag. Umfangreiche Hausaufgaben werden nicht erteilt. Stattdessen gibt es Übungsphasen, die der Ergebnissicherung und dem Transfer erlernter Kenntnisse und Fähigkeiten dienen und die weitgehend in den Fachunterricht oder in dafür vorgesehene Lernzeiten integriert sind.

Deutsch-französischer bilingualer Zweig

Zweimal in der Woche besuchen die Kinder und Jugendlichen Arbeitsgemeinschaften. Das umfangreiche Angebot reicht von Fotografieren, Physik, Segeln und Golf über Kleidung selber gestalten bis zu Chor oder die Zeitreise in die Vergangenheit. Ein Catering-Unternehmen bringt das warme Mittagessen, das derzeit noch montags bis donnerstags ab 12.10 Uhr in einer Behelfsmensa der Fachhochschule eingenommen wird. Eine neue Mensa ist seit Mai 2010 im Bau und soll im Februar 2012 fertig gestellt sein. Der Raum wird Platz für bis zu 600 Personen bieten und auch als Veranstaltungssaal genutzt werden. An das Mittagessen schließt sich jeweils eine Entspannungs- und Spielpause an.

Die Schule für Hochbegabtenförderung ist zugleich eine internationale Schule. Daher startet die Schule in Klassenstufe 5 parallel mit den Fremdsprachen Französisch und Englisch. Die Teilnahme am bilingualen deutsch-französischen Zug ist verpflichtend. Die Schülerinnen und Schüler in der Orientierungsstufe der Klassen 5 und 6 erhalten zusätzlichen Unterricht in Französisch. Ab Klassenstufe 7 werden die Sachfächer Erdkunde und Geschichte in französischer und deutscher Sprache unterrichtet. Der Fremdsprachenunterricht wird durch Theaterbesuche, Projekte, Workshops und Austauschprogramme oder Studienreisen nach Frankreich und Großbritannien ergänzt. Nach drei Jahren können die Schülerinnen und Schüler mit Spanisch oder Latein eine dritte Fremdsprache als eine Möglichkeit neben naturwissenschaftlichen und informationstechnischen Alternativen im Wahlpflichtbereich wählen. In der Oberstufe kommt noch Italienisch als Grundkurs dazu.

Im naturwissenschaftlichen Bereich erhalten die Schülerinnen und Schüler in der Orientierungsstufe zwei zusätzliche Unterrichtsstunden, um zu experimentieren und die Ergebnisse in weiteren Unterrichtsstunden am Computer auszuwerten. In der Mittelstufe besteht im Rahmen des Wahlpflichtfaches die Möglichkeit, sich für den sprachlichen oder den mathematisch-naturwissenschaftlichen Schwerpunkt zu entscheiden und das Fach MINT zu wählen.

"Es passt einfach"

Neben den beiden Schwerpunkten Fremdsprachen und Naturwissenschaften ist die facherübergreifende Projektarbeit fester Bestandteil des Unterrichts in jeder Jahrgangsstufe. Hier werden außerschulische Lernorte, Institutionen und Experten einbezogen, und die Schule öffnet sich nach außen. So fanden Projektwochen in den Klassenstufen 6 und 7 in Zusammenarbeit mit dem Institut für Projektentwicklung und angewandte Bauforschung in der Denkmalpflege der Fachhochschule Mainz, die Projektwoche "Farben" mit dem NatLab der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und die Projektwoche "Medien" mit der Organisation "Medienintelligenz" statt.

Rebecca besucht inzwischen die 10. Klasse der Schule für Hochbegabtenförderung. Sie fühlt sich dort sehr wohl und geht weiterhin gerne zur Schule: "Es war unser Ziel, dass sie eine Schule findet, die sie gerne besucht. Das ist so gekommen und wir sind daher sehr zufrieden. Es passt einfach", meint ihre Mutter. Es sei ein Glück, dass es eine solche Schule in Mainz gebe, so dass Rebecca nur einen Schulweg von einer halben Stunde zurücklegen müsse. Viele Schülerinnen und Schüler kämen aus deutlich weiter entfernten Städten wie Alzey oder Worms – was ebenfalls für die Qualität und den Ruf der Schule spreche.

Autor: DZ Online-Redaktion Ralf Augsburg

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