Rubrik: Eltern
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Mit der wissenschaftlichen Begleitung von Ganztagsschulen betritt Rheinland-Pfalz Neuland. Die Erforschung dieses pädagogischen Archipels ist alles andere als einfach, schlicht weil sich die Ganztagsschulland-schaft ständig wandelt. Auf der Tagung „Ganztagsschule in Entwicklung: Empirische, konzeptionelle und bildungspolitische Perspektiven“ präsentierten Forscherteams des Pädagogischen Instituts der Universität Mainz und der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen am 1. Juli erste Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung. Damit wird ein neues Kapitel in der Schulforschung aufgeschlagen.
Es gibt viele Wege zur
Reflexion über den Stand der Entwicklung von Ganztagsschulen: Messen,
Diskussionen in den Schulkonferenzen, Podiumsdiskussionen in den
Kommunen, Schulbesuche des Bildungsministeriums oder den Austausch mit
anderen Ländern. Doch ein Weg erscheint gegenwärtig besonders
vielversprechend: die wissenschaftliche Begleitung der Ganztagsschule.
Sie dokumentiert den Prozess der Ganztagsschulentwicklung und liefert
darüber hinaus ein Wissen, mit dem Praktiker der Ganztagsschule
durchaus etwas anfangen können und das zugleich wissenschaftlich
länderübergreifend bedeutsam ist.
Eigenständige wissenschaftliche Kompetenz in Sachen Ganztagsschule
„Ganztagsschulen
nehmen eine Vorreiterrolle darin ein, bessere Wege der Förderung sowohl
für diejenigen zu finden, die besondere Unterstützung brauchen, als
auch für diejenigen, die besondere Talente haben“, sagte Doris Ahnen zu
den rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der wissenschaftlichen
Tagung. Die wissenschaftliche Begleitung sei Wegweiser für das Land,
wie Schulen in diesem Prozess besser unterstützt werden könnten.
Rheinland-Pfalz werde in der wissenschaftlichen Begleitforschung der
Ganztagsschulen eine „eigenständige Kompetenz“ aufbauen. Von den
Früchten der wissenschaftlichen Anstrengungen könnten gerade die
Lehrerinnen und Lehrer profitieren, die an den Hochschulen in
Rheinland-Pfalz ausgebildet würden. Es ginge bei der wissenschaftlichen
Begleitforschung nicht darum, sich ein „Idealbild“ von Ganztagsschulen
aufzubauen, vielmehr komme es darauf an, eine „Entwicklungsoffenheit“
zu kultivieren.
Im Fokus der Tagung an der Universität Mainz standen die Ergebnisse zweier Begleitstudien: Die erste bezog sich auf die konzeptionelle, organisatorische und inhaltliche Ausgestaltung von „Rheinland-pfälzischen Ganztagsschulangeboten in neuer Form“. Die zweite auf „Ganztagsschule und die Kooperation mit außerschulischen Partnern“ und sie ist schon deswegen so wichtig, weil die außerschulischen Partner die Garanten für die Öffnung von Schule nach außen sind.
Die wissenschaftliche Begleitung der ersten Studie
übernahm das Pädagogische Institut der Universität Mainz unter der
Federführung von Prof. Fritz-Ulrich Kolbe. Die Studie dokumentiert und
bewertet von 2002 bis 2004 die Gestaltungselemente bei der Entwicklung
der ersten Staffel von 81 Ganztagsschulen in Angebotsform. Sie nimmt
die Eckpfeiler der Ganztagsschulentwicklung unter die Lupe - die
Erweiterung des Bildungsauftrags, die Partizipation von Eltern und
Schülern, die Kooperation mit außerschulischen Partnern genauso wie die
vier pädagogischen Gestaltungselemente.
Pädagogische Konzepte statt pädagogischer Korsette
Zu den verbindlichen pädagogischen Gestaltungselementen gehören:
1.
unterrichtsbezogene Ergänzungen, 2. themenbezogene Vorhaben, 3.
Förderung und 4. Freizeitgestaltung. Wie sie mit Leben gefüllt werden,
steht den Schulen frei, sagt auch Doris Ahnen an die Adresse der
Wissenschaftler und Praktiker: „Wir haben pädagogische Konzepte
angefordert, aber kein pädagogisches Korsett.“
Die Ergebnisse der Begleitforschung sind im Tenor ermutigend. Doch es gibt noch viel Potenzial zur Weiterentwicklung. Nach Dr. Till-Sebastian-Idel, vom Pädagogischen Institut der Universität Mainz, gibt es seitens der Lehrerinnen und Lehrer eine „deutlich positive Grundeinstellung zur Ganztagsschule zu verzeichnen. Unter dem Titel „Haltungen, Einstellungen und Wahrnehmungen von Schülern und Lehrern“ referiert der Pädagoge, dass 55 Prozent der Lehrkräfte die Ganztagsschule in Angebotsform für eine längst „überfällige Erweiterung“ von Schule hielten. Nur für eine Minderheit seien die Erfahrungen, die mit Ganztagsschulen gemacht wurden, wenig sinnvoll.
Auch Schülerinnen und Schüler sehen die Ganztagsschulen als Gewinn. Dabei gibt es Unterschiede zwischen den Schularten. Am besten wird das Ganztagsschulangebot in den Grundschulen angenommen, an Hauptschule hingegen finden sich vermehrt mehrdeutige Bewertungen. Dort gibt es die meisten Skeptiker. Schülerinnen und Schüler nehmen besonders das verbesserte Lernklima wahr. Das könnte auch daran liegen, dass sie stärker bei der Gestaltung der Angebote für den Nachmittag einbezogen würden als gewohnt. Fast 60 Prozent sind der Meinung, ihre Schulleistungen hätten sich gebessert und sie könnten nun intensiver lernen. Im Ganzen erfahren sie ein „positiveres Selbsterleben“.
Katarina Kunze vom Pädagogischen Institut der Universität Mainz betont mehr die Herausforderungen, denen sich Ganztagsschulen stellen. Die Herausforderungen betreffen vor allem die Bereitschaft, sich pädagogisch und organisatorisch auf Neues einzulassen. Nach Kunze würden bestehende pädagogische Orientierungen von Halbtagsschulen auf Ganztagsschulen übertragen. Zu Beginn hätten vor allem Raumprobleme dominiert, d.h. die organisatorischen Herausforderungen wurden betont und die pädagogische Ausgestaltung vernachlässigt. An vielen Ganztagsschulen der ersten Staffel wurden die Ganztagsangebote zunächst an den Vormittagsunterricht angehängt (additives Modell). Mittlerweile geht der Trend eindeutig zur Bildung von Ganztagsklassen (rhythmisiertes Modell).
Was die Kooperation innerhalb der
Kollegien anbelangt, zeigt sich, dass Ganztagsschule häufig „Sache der
Schulleitung“ ist. Teamarbeit ist in vielen Kollegien nicht
selbstverständlich: „Grundsätzlich bestand in vielen Schulen die
Schwierigkeit, dass kaum auf institutionelle Strukturen für eine über
längere Zeit erprobte Zusammenarbeit größerer Teile des Kollegiums
zurückgegriffen werden konnte“, so steht es in der Studie. Die
Schulleitung und die Steuerungsgruppe seien nicht immer so mit dem
Kollegium im Austausch wie es für das Projekt nützlich wäre. Es müsste
noch vielerorts an „institutionalisierten Formen der Kommunikation“
gefeilt werden.
Wissenschaftliche Bewertung der zentralen Gestaltungselemente
Wie
gut tragen derzeit die pädagogischen Gestaltungselemente an
Ganztagsschulen? Wie wird das Mittagessen angenommen, die
unterrichtsbezogenen Ergänzungen, die Förderung, Projekte und die
Freizeitangebote? In der Studie kommen die Autoren um Prof.
Fritz-Ulrich Kolbe zu dem Ergebnis, dass in einem Teil der entstandenen
Lernräume schon jetzt ein „neues Erfahrungsangebot“ bereitgestellt
werden könne. Tendenziell könnten „neue Beziehungsformen“ zwischen
Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern festgestellt werden.
Aus Schülersicht gestaltet sich das gemeinsame Mittagessen mit den Mitschülern als „Höhepunkt des Schulalltags“. Bei den Hausaufgaben werden laut Studie die „Spielräume selbstständigen Schülerhandelns“ allmählich erweitert. Insgesamt werde die Hausaufgabenbetreuung von Schülerseite tendenziell positiv bewertet.
Bei der Förderung erkennen die Wissenschaftler eine „stabile Schülerorientierung“. Die Mehrheit der Lehrkräfte gestalte den Förderunterricht so, dass ein Unterschied zu konventionellem Unterricht erkennbar werde. Auf die unterschiedlichen Lernbedürfnisse der Schüler werden im Prinzip individualisierte pädagogische Antworten gefunden.
Bei den themenbezogenen Vorhaben und Projekten unterscheiden die Forscher zwei Strickmuster. Während bei dem ersten eher konventionelle Unterrichtsformen zum Zuge kommen, die allerdings über die Lehrpläne hinaus gehen, ist das zweite schülerorientierter, lebensweltbezogen und ermöglicht neue didaktische Erfahrungen. Projektorientierte Lernformen an Ganztagsschulen sind aus wissenschaftlicher Sicht eine günstige Gelegenheit, durch neue Lernformen ein Zuwachs an Selbstvertrauen zu erzielen.
Der sinnvollen Freizeitgestaltung wird noch zuwenig Beachtung geschenkt: „Ein weiterführender pädagogischer Gestaltungsanspruch, der den Eigenwert und den Bildungscharakter dieses Angebotselements ernst nimmt, ist bisher wenig entfaltet worden“, so die Studie. Es genüge nicht, Kindern und Jugendlichen an Ganztagsschulen einfach Freiräume zuzugestehen und darauf zu warten, dass sie genutzt werden, bilanziert Katarina Kunze. Das hindert die Schülerinnen und Schüler aber nicht, auch diesen Teil von Ganztagsschule in Angebotsform „vergleichsweise gut zu bewerten“.
Fazit: Die Ausweitung von Schule auf den Nachmittag enthält neben Chancen auch Risiken. Ein Risiko besteht in der Möglichkeit der „Verschulung des Aufwachsens“. Die Gefahr der Verschulung kann allerdings durch die professionalisierte Kooperation mit außerschulischen Partnern gebannt werden. Im Zuge der Öffnung von Schule durch außerschulische Kooperationspartner können Schülerinnen und Schüler andere, neue Formen des Lernens erfahren.
Autor: Arnd Zickgraf - DZ Online-Redaktion
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