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Eltern

Rubrik: Eltern
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Die Ganztagsschule in Rheinland-Pfalz aus der Sicht der beteiligten Eltern

Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur

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Ganztagsschul- Verband GGT e.V.

Ganztagsschulverband GGT e.V. orange

Landesschüler- Vertretung Rheinland-Pfalz

Landesschülervertretung Rheinland-Pfalz
 
Die Klassenräume in der Goethegrundschule
12.12.2006

Ruhender Pol in unruhigen Zeiten

Die Goethe-Grundschule Mainz

Hürden überwinden, Probleme lösen
Die moderne Welt ist gerne mal hektisch, laut und schrill. Moderne Beziehungen wandeln und verändern sich. Moderne Familien brechen mit Traditionen. Aus der vertrauten Mama-Papa-Kind-Konstellation wird eine bunt gemischte Patchworkfamilie; Frauen kämpfen sich immer öfter als alleinerziehende Mütter durch; und wenn Faktoren wie Krieg, Armut und Unterdrückung Menschen heimatlos werden lassen, müssen sich ihre Kinder schlagartig mit völlig neuen Lebensverhältnissen und in einem neuen Land arrangieren.

Kinder brauchen aber Ruhe und Beständigkeit. Wenn dies die Familie und das soziale Umfeld nicht mehr leisten kann – kann es dann die Schule? Bei all den Möglichkeiten, die das Ganztagsschul-Modell in Rheinland-Pfalz offen hält, war Rektorin Gabriele Erlenwein von Beginn an klar, worauf es ihr in der Mainzer Goethe-Ganztagsschule ankommt: „Kinder brauchen personelle Kontinuität und klare Strukturen.“

Heute sind drei feste pädagogische Fachkräfte an der Goethe-Grundschule tätig und damit ständige Bezugspersonen an Vor- und Nachmittag. Die „drei Engel für Gabi“ Rifka Behrendt, Silvia Gerlach und Sabine Petri haben jahrelange Erfahrung auch mit schwierigen Kindern und strahlen selbst in heiklen Situationen eine souveräne Gelassenheit aus. Während der Hofpausen, dem Mittagessen und der Spielzeit am Nachmittag sind sie die Ansprechpartner Nummer 1 für die Kinder und brauchen dabei zuweilen ein stabiles Trommelfell – besonders dann, wenn sie die Aufsicht im Toberaum innehaben.

Eine kunterbunte Kletterburg zwischen weichen Turnmatten, ein Trampolin und Tischfußball animieren die Kinder zu ausgelassenen Spielen. Klar, dass dabei laute Jauchzer, Lachen und Schreien nicht ausbleiben. Wenn die Emotionen allerdings zu hoch schlagen und die Schülerinnen und Schüler sich in die Haare bekommen, setzt Pädagogin Sabine Petri auch mal den mächtigen Box-Sack ein. „Das nenne ich die John-Wayne-Methode“, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln. „Die Kinder dürfen ihren Ärger unter Aufsicht am Box-Sack auslassen – und siehe da, anschließend sind sie oft wieder die besten Freunde.“ Genau wie die alten Westerhelden nach einer kräftigen Schlägerei – nur mit einem bedeutenden Unterschied: Die Kinder in der Goethe-Ganztagsschule lernen frühzeitig, dass Gewalt keine Lösung für Probleme ist.

Mit ganz anderen Problemen hat derweil Schulleiterin Gabriele Erlenwein zu kämpfen. Wie die Marienschule Neuwied ist auch die Goethe-Grundschule eine Schule im sozialen Brennpunkt. Das erschwert das erklärte Ganztagsschul-Ziel, dass alle Kinder an einem warmen Mittagessen teilnehmen sollen. Die organisatorischen Abläufe haben sich inzwischen eingespielt. Im Keller des Schulgebäudes wurden eine Küche und ein Speiseraum eingerichtet, die Kinder müssen keine großen Wege zurücklegen. Zwar hat der Schulträger eine Cateringfirma engagiert, die nur Geflügel liefert, so dass die zahlreichen muslimischen Kinder nicht in Glaubenskonflikte geraten, doch wie so oft war und ist das Geld ein Problem. „Für viele unserer Eltern sind 40 Euro pro Monat viel Geld – vor allem, wenn sie gleich mehrere ihrer Kinder an der Schule haben“, weiß Gabriele Erlenwein. Aus diesem Grund hat die rheinland-pfälzische Landesregierung zum Schuljahr 2006/2007 einen Sozialfond für das Mittagessen an Ganztagsschulen eingerichtet, der es dem begünstigten Personenkreis (ALGII-Bezieher, Sozialhilfeempfänger und Asylbewerber) ermöglicht, zu einem Preis von einem Euro pro Kind am Mittagessen teilzunehmen.

Ein schulinternes Spendenkonto für bedürftige Eltern hilft zusätzlich bei besonders schwierigen Fällen. Aber auch schon mit dem formalen Akt der Überweisung des Geldes an die Cateringfirma sind einige Eltern anfangs schlichtweg überfordert. Schulleitung und Sekretariat helfen ihnen, die bürokratischen Hürden zu überwinden.

Die Hausaufgaben werden an der Goethegrundschule in sehr kleinen Gruppen erledigt. Im so genannten „Angeleiteten Lernen“ gehen die Lehrerinnen und Lehrer oder die pädagogischen Mitarbeiterinnen von Tisch zu Tisch, helfen, motivieren, überprüfen, loben und belohnen. Schülerinnen und Schüler, die ihre Aufgaben besonders schön gemacht haben, dürfen sich kleine Aufkleber aussuchen. Wer mit den Hausaufgaben fertig ist, kann zusammen mit seinem Lehrer Lesen üben oder basteln. Dafür steht ein Schrank mit Büchern, Übungsheften und anderem Zusatzmaterial bereit. Für kurze Gespräche und Fragen bleibt immer Zeit. Die Fachkräfte des Angeleiteten Lernens füllen täglich einen „Beobachtungsbogen“ aus. Die Bögen geben Auskunft über die Leistung jedes einzelnen Kindes. Sie werden im Lehrerzimmer gesammelt und können täglich von den Klassenlehrerinnen und -lehrern eingesehen werden.

Ohne Heute kein Morgen
Fast die Hälfte der 320 Schülerinnen und Schüler besuchen nun die Ganztagsschule, die Zahl der Ganztagsschülerinnen und -schüler ist seit Jahren konstant. Ab dem zweiten Schuljahr steht ihnen ein vielfältiges Angebot an Arbeitsgemeinschaften und Projekten zur Auswahl; in der dritten Klasse wird das Programm allmählich straffer. Es hat sich herausgestellt, dass nicht jedes Kind am Nachmittag noch die Konzentration aufbringt, sich kognitiven Angeboten zu widmen. Deshalb spielen Bewegung, Sport und Gesundheit eine wichtige Rolle. Diese Arbeitsgemeinschaften werden mit Bedacht ausgewählt, denn sie sollen die Kinder auf ihre Zukunft vorbereiten.

So gibt es für die älteren Schülerinnen eine Mädchen-Sport-AG in Kooperation mit der Jugendhilfe Mainz, die Streetwork-Charakter hat und als präventives Angebot für ein besseres soziales Miteinander sorgen soll. Die Streetworker lernen auf diese Weise ihre möglichen späteren Sorgenkinder zeitig kennen und können Vertrauen aufbauen. Im Idealfall aber treffen sie die Mädchen gar nicht erst wieder.

Eine Selbstverteidigungs-AG stärkt das Körperbewusstsein; das Projekt „Wir lernen die Mainzer Neustadt kennen“ erleichtert Migrantenkindern das Zurechtfinden in ihrer neuen Umgebung. Sport und Bewegung sind auch an der Goethe-Grundschule unverzichtbar geworden. Besonders stolz sind Kinder wie auch Lehrerinnen und Lehrer auf die enge Kooperation mit dem Bundesliga-Verein 1. FSV Mainz 05. Das Neuland Ganztagsschule, das Gabriele Erlenwein zusammen mit dem Kollegium und ihren drei „Engeln“ betreten hat, ist nach den ersten Jahren zu einem vertrauten Terrain geworden. Für die Rektorin liegen die Vorteile der Ganztagsschule auf der Hand: „Der Vormittag ist wesentlich entspannter, da die Kinder mit fertigen Hausaufgaben in die Schule kommen. Das Sprachverhalten der Kinder bessert sich schneller als in der Halbtagsschule – und vor allem ihr Sozialverhalten.“

Ein stabiles soziales Umfeld, feste Ansprechpartner, sinnvolle Freizeitgestaltung, gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und intensive Förderung: Das Konzept der Goethe-Ganztagsschule bietet den Kindern jene Lebenssäulen, die in den Familien immer brüchiger werden – und ist damit auch ein beständiger Ruhepol in einer sehr turbulenten Zeit.

Autor: Bettina Belitz

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