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Schulhof des Auguste-Viktoria-Gymnasiums in Trier
12.01.2012

Traditionsbewusst und zukunftsweisend

Die individuelle Förderung hochbegabter Schülerinnen und Schüler am Auguste-Viktoria-Gymnasium in Trier speist sich aus langer Tradition

Die vierte und letzte Schule für Hochbegabung / Internationale Schule in Rheinland-Pfalz, die wir portraitieren, ist am Auguste-Viktoria-Gymnasium in Trier angesiedelt. Seit 2005 werden hier hochbegabte Kinder und Jugendliche im Klassenverband gefördert und profitieren von der langen Tradition bilingualen Unterrichts und dem Bemühen um individuelle Förderung.

Das Auguste-Viktoria-Gymnasium ist eine Schule mit langer Tradition. Als Besucherin oder Besucher muss man für diese Erkenntnis keine Geschichtsbücher gewälzt haben, es reicht ein Blick auf Teile der altehrwürdigen Gebäude mitten in Trier. Das so genannte "Klostergebäude" mit seinem barocken Portal verweist auf die Ursprünge der Schule im Jahr 1652, als Augustinerinnen eine schulgeldfreie Mädchenschule gründeten. Nach der Auflösung des Klosters entstand hier 1879 eine staatliche Schule, die seit 1913 den Namen Auguste-Viktoria-Schule beziehungsweise -Gymnasium trägt. Noch bis in die 1970er-Jahre hinein lernten hier ausschließlich Mädchen.

Eine eindrucksvolle Tradition ist umgekehrt auch Verpflichtung, immer wieder mit der Zeit zu gehen und Impulse aus der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft aufzunehmen, um die Schule zu revitalisieren. Als UNESCO-Projektschule seit 1996 schreibt das Auguste-Viktoria-Gymnasium seine liberale Tradition fort; die Internationalität der Schule spiegelt sich unter anderem im Aufbau einer Schule in Indien in Kooperation mit Nichtregierungsorganisationen, aber auch in der Einrichtung der Schule für Hochbegabte / Internationale Schule zum Schuljahr 2005/2006.

"Wir fassen den Schrägstrich als generellen Auftrag auf", erklärt Schulleiter Bernhard Hügle. "Unsere Schule ist schon in ihren Ursprüngen grenzübergreifend geprägt worden, und heute lernen bei uns viele Schülerinnen und Schüler mit internationalem Hintergrund, denen wir neben muttersprachlichen Ergänzungsangeboten auch einen schulübergreifenden Integrationskurs mit 'Deutsch als Fremdsprache' anbieten."

Eltern ahnen nichts von der Hochbegabung ihrer Kinder

Für die einheimischen Eltern ist indes der Teil vor dem Schrägstrich von Interesse. Auch die Schule für Hochbegabte sieht der Direktor in der Tradition seines Gymnasiums: "Wir bemühen uns seit jeher, das Individuum zu sehen, seine Individualität und Persönlichkeit zu fördern. Dazu gehört zum Beispiel auch das Absolvieren eines Sozialpraktikums am Ende der Sekundarstufe I. Gerade auch die Eltern von hochbegabten Kindern sind auch an anderen Qualifikationen interessiert, nicht nur an noch mehr Lernstoff. Ihnen ist auch daran gelegen, eine soziale Stigmatisierung ihrer Kinder zu verhindern. Manchmal kann es für Eltern schwierig sein, ein hochbegabtes Kind zu haben."

Rund zwei Prozent der Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs gelten als hochbegabt. Erkennen Eltern und Pädagogen diese Veranlagung nicht, obwohl erste Anzeichen für Hochbegabung schon im Kindergarten auftreten können, kann es später zu schulischer Unterforderung und Langeweile oder auch zu Verhaltensauffälligkeiten kommen, die bei Jungen durch Verweigerungshaltung oder Aggressivität deutlich werden, während sich bei den Mädchen die Probleme introvertiertere Wege suchen können: Sie ritzen oder leiden unter Bulimie. Es sind dann oft auch die Eltern von Mädchen, die nicht ahnen, dass ihre Tochter hochbegabt ist.

Skepsis gegenüber Ganztagsschule

"Um hier aufzuklären, hilft nur eindeutige Information", betont Elfriede Mommenthal-Aymanns, die Leiterin der Schule für Hochbegabung / Internationale Schule. "Wir suchen den Kontakt mit den Grundschulen und informieren auch über diesen Weg auch die Eltern über das Angebot unserer Schule, die Termine und das Aufnahmeverfahren. Wir weisen auch darauf hin, dass sie ein besonderes Augenmerk auf ihre Töchter legen sollen."

Die Schule für Hochbegabte / Internationale Schule ist als verpflichtende Ganztagsschule organisiert, was laut ihrer Leiterin unabdingbar ist: "Den bilingualen Bereich, die Förderung in den Naturwissenschaften, das Arbeiten an Projekten, die Förderbänder – dieses ganze ausführliche Programm ist nur in einer Ganztagsschule möglich." Aber gerade dem Ganztagsbetrieb stehen manche Eltern skeptisch gegenüber, sie fürchten eine Überforderung ihres Kindes. Hier ist die Aufklärung seitens des Gymnasiums nötig.

Diese erfolgt an einem Informationstag im November, an welchem alle Bildungsangebote der gesamten Schule vorgestellt werden, und zugleich eine Informationsveranstaltung für interessierte Eltern potenziell hochbegabter Kinder stattfindet. Zu solchen Informationsveranstaltungen kommen insgesamt mehr als 500 Eltern und Kinder. Zwei Eltern von Schülerinnen und Schülern an der Schule für Hochbegabung, zwei Psychologinnen, eine Schülerin der 6. Klasse, die Leiterin, zwei Oberstufenschülerinnen und zwei Lehrkräfte standen diesen für Fragen zur Verfügung.

Lange Diskussionen über Bewerberinnen und Bewerber

25 Kinder kann die Schule für Hochbegabte / Internationale Schule maximal in einer Klasse aufnehmen. Nach der Informationsveranstaltung haben Eltern die Möglichkeit, ihr Kind bis Anfang Dezember schriftlich anzumelden und Zeugnisse, diagnostische Gutachten und weitere Dokumente beizulegen.

"Wir verlassen uns aber nicht nur auf das Papier", betont die Leiterin, Frau Mommenthal-Aymanns, "sondern führen für fundierte Entscheidungen Interviews mit Kindern und Eltern durch." Aufgrund der Unterlagen wählt die Schule circa 30 Schülerinnen und Schüler aus, die dann an zwei Tagen im Januar für Probeunterricht und Intelligenztests in die Schule kommen. "Dabei ist intendiert, die Kinder in unterschiedlichsten Situationen kennen zu lernen, weshalb sowohl schulisch relevante als auch alltägliche Aufgaben absolviert werden. Neben einzelnen fachlichen Leistungen ist dabei stets die Gesamtpersönlichkeit der Kinder im Blick."

Mehr als 30 Beobachterinnen und Beobachter aus verschiedenen Fachrichtungen beobachten die Kinder über die beiden Tage hinweg, um möglichst vielfältige und umfassende Eindrücke zu gewinnen. Neben diesen subjektiven Einschätzungen werden in einer standardisierten testdiagnostischen Überprüfung für jedes Kind auch mehrere objektive Werte erhoben. "Diese Testungen werden unter der Leitung der Schulpsychologin, Frau Dr. Sperber durchgeführt", erläutert Elfriede Mommenthal-Aymanns den Aufnahmeprozess, dem dann ein Rückmeldegespräch mit den Kindern und ihren Eltern folgt.

Nun ist es an der Leiterin, den Lehrkräften und Psychologinnen, anhand ihrer Beobachtungsbögen und der Tests von den 30 Kindern 20 bis 25 auszuwählen, die in der 5. Klasse der Schule für Hochbegabte / Internationale Schule starten dürfen. "Unsere Erfahrungen zeigen, dass wir bei etwa einem Drittel der Kinder richtig lange reden müssen, ob sie oder er bei uns gut aufgehoben ist. Über einen Schüler haben wir einmal eine Stunde diskutiert – und das war richtig so, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat: Bei uns läuft er gut mit, in einer Regelklasse wäre er wahrscheinlich gehänselt worden", erzählt Elfriede Mommenthal-Aymanns. Über die endgültige Aufnahme der Kinder entscheidet dann Schulleiter Hügle.

Bewährtes Auswahlverfahren

Ohne Frage nehme man Kinder auf, die "manchmal sehr anspruchsvoll sind und viel Kraft kosten", meint die Leiterin, die auch 2. Stellvertretende Schulleiterin ist. "Das Wohl der einzelnen Kinder beziehungsweise ihre individuelle Bedürfnislage ist zentrales Kriterium im Entscheidungsfindungsprozess - genau wie auch das Wohl der Klasse als Ganzes."

"Unser Auswahlverfahren hat sich bewährt", findet Elfriede Mommenthal-Aymanns. "Wo soll der Junge sonst hin, wenn nicht zu uns?", fragten sie sich in den Auswahlverfahren manchmal – und damit signalisieren die Lehrerinnen und Lehrer, dass sie die Herausforderung annehmen, sich um ein Kind zu kümmern, das in einer Regelschulklasse wahrscheinlich nicht die Förderung erhalten würde, die es benötigt.

"Wir haben damals lange und heiß in der Gesamtkonferenz diskutiert, ob es opportun ist, diese relativ kleine Gruppe zu fördern, ob wir es uns überhaupt leisten können", erinnert sich Bernhard Hügle. "Es wurde dann entschieden, dass auch die Regelklassen die Räume der Schule für Hochbegabte, die Psychologin und die Angebote nutzen konnten. Wichtig war den Kolleginnen und Kollegen auch, dass die hochbegabten Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe in die Jahrgangsstufen integriert werden." Diese Zusicherung sicherte dann eine Zustimmung von 70 Prozent zur Einführung der Schule für Hochbegabte / Internationale Schule. Das Auguste-Viktoria-Gymnasium bewarb sich neben drei weiteren Schulen und erhielt damals vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur (MBWWK) als dritte Schule für Hochbegabte / Internationale Schule in Rheinland-Pfalz den Zuschlag.

"Persönlichkeit der Jugendlichen nach fünf Jahren gefestigt"

Die Schülerinnen und Schüler nehmen ab der 5. Klasse ein Curriculum von naturwissenschaftlichen Praktika und Projekten in Freiland und Labor wahr. Ab der 5. Jahrgangsstufe lernen sie gleichzeitig Latein und Englisch und ab der 6. Klasse Französisch. In der 7. Jahrgangsstufe beginnt der bilinguale Unterricht in Erdkunde und Geschichte auf Englisch. Geplant ist, in den folgenden Jahren den englischsprachigen Unterricht auf die Naturwissenschaften auszudehnen. Ab dem 8. Schuljahr können die Jugendlichen mit Italienisch, Spanisch und Russisch eine weitere Fremdsprache erlernen.

Die Wahlpflichtbereiche in der Sekundarstufe I fördern die Individualisierung. Hier wählen die Schülerinnen und Schüler einen zusätzlichen Lernbereich im künstlerischen, musischen oder medial gestalterischen, im mathematisch-informationstechnisch-naturwissenschaftlichen, im fremdsprachlichen oder im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich. In der Oberstufe bietet die Schule für Hochbegabung zusätzliche Enrichment-Angebote, die vor allem unter dem Gesichtspunkt individueller Begabungen und Neigungen konzipiert sind. Hier unterstützt die enge Zusammenarbeit mit der Fachhochschule, der Universität, der Museen und berufsbildenden Einrichtungen die Studien- und Berufswahlorientierung der Jugendlichen. Sie können im Rahmen eines Frühstudiums Seminare, Übungen und Praktika belegen, für die sie Zertifikate erhalten, welche sie auf das Studium anrechnen lassen können.

"Die Persönlichkeit dieser jungen Menschen ist nach fünf Jahren an unserer Schule so gefestigt, dass sie beispielsweise in der Kooperation mit der Universität ganz eigenständig Präsentationen zu den Themen 'Armut und Fremdheit' sowie 'Ausgegrenzt' veranstaltet haben", ist Direktor Hügle begeistert. "Sie haben dabei viel über wissenschaftliches Arbeiten erfahren und sind durch die Resonanz in der Öffentlichkeit zu ihren Ausstellungen zusätzlich motiviert worden."

Gegenseitige Klassentreffen senkten die Animositäten

Die Lehrerinnen und Lehrer, die in der Schule für Hochbegabung / Internationale Schule unterrichten, arbeiten ebenfalls mit der Universität Trier zusammen. Sie nehmen auch an speziellen schulinternen und von der Psychologin Frau Dr. Sperber durchgeführten Fortbildungsmaßnahmen teil, um für den Unterricht mit den hochbegabten Schülerinnen und Schülern bestmöglich gerüstet zu sein.

Natürlich gab es auch Verbesserungsbedarf in den vergangenen Jahren. Elfriede Mommenthal-Aymanns berichtet, dass sich zum Beispiel seit drei Jahren "die 5. Klassen gegenseitig einladen, um sich besser kennenzulernen". Das habe die Animositäten spürbar gesenkt.

Schriftliche Hausaufgaben gibt es nur über das Wochenende, durch die Ganztagsschule können die Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben in den so genannten Flexi-Stunden oder EVA-Stunden (Eigenverantwortliches Lernen) nutzen. Den Nachmittag von 13 bis 16 Uhr bestreitet die Schule zu 90 Prozent mit eigenem Personal. Neben den Hauptfächern, die in der achten Stunde liegen können, begleiten Kolleginnen und Kollegen die Arbeitsgemeinschaften und das Enrichment in den 9. und 10. Stunden; von außerhalb kommt eine Schachlehrerin, dazu bestehen Kooperationen mit der Musikschule und dem Fach Japanologie an der Universität Trier.

Personalressourcen sehr gut, Raumsituation unbefriedigend

"Die Eltern sehen, dass ihre Kinder von dieser Schulform profitieren", erklärt Elfriede Mommenthal-Aymanns, "und sie schätzen die Offenheit, mit der wir auf die Schülerinnen und Schüler zugehen." Laut Direktor Hügle sind die Personalressourcen "sehr gut". Dass eine psychologische Fachkraft des Kompetenz- und Beratungszentrums des Christlichen Jugenddorfwerks, die durch die Nikolaus-Koch-Stiftung finanziert werde, allen 1.100 Schülerinnen und Schülern für Beratung und Begleitung zur Verfügung stehe, sei "ein tolles Angebot und einzigartig in Rheinland-Pfalz".

Der Schuh drückt den Schulleiter beim Thema Raum. "Für eine Ganztagsschule haben wir nicht die richtige Infrastruktur", beklagt Bernhard Hügle. Der Bau der Mensa und die Lernlandschaft wie auch die Sanierung der Kunsträume im Keller seien zwar abgeschlossen und äußerst gut gelungen, aber mit der dringend notwendigen Instandsetzung des Klosterbaus sei erst kürzlich begonnen worden und die ebenfalls nötige Sanierung der naturwissenschaftlichen Räume ist nicht in Sicht. Die Umsetzung dauere einfach viel zu lange. Das viel größere Problem sei aber, dass das Schulbauprogramm keine Lehrerarbeitsplätze vorsehe, was seine Kolleginnen und Kollegen sehr frustriere.

Doch der Ärger über schleppende Planung und beengte Räume konnte nicht das Engagement der Lehrkräfte schmälern, das Angebot der individuellen Förderung und das differenzierte Unterrichtsangebot ständig weiterzuentwickeln, um ihren Schülerinnen und Schülern die bestmögliche Förderung ihrer ganzen Persönlichkeit zu bieten. Und damit eine große Tradition fortzusetzen.

Autor: DZ Online-Redaktion Ralf Augsburg

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