Rubrik: Eltern
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Für Schulleiter Markus Fichter ist die Ganztagsschule bereits ein alter Hut. Nachmittagsangebote und ein warmes Mittagessen haben an der Pestalozzi-Grundschule in Eisenberg bereits eine 15-jährige Tradition. Zwar hieß das Modell damals noch Hort und hatte andere Schwerpunkte als die Ganztagsschule, doch am Nachmittag war Leben in der Bude. So entschied sich die Grundschule Eisenberg auch als eine der ersten im Lande für die Ganztagsschule in Angebotsform. Schon zu Hort-Zeiten hatten sich Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Mitarbeiter eine Erhöhung der Qualität der Angebote gewünscht. Die Erfahrungswerte waren schließlich da; man wusste, worauf man sich einließ. „So haben wir Bewährtes mit Veränderungen kombiniert“, sagt Rektor Markus Fichter. Das Endergebnis ist ein eigenes und auch eigenwilliges Ganztagsschul-Modell. Die Pestalozzi-Schule geht ihren speziellen Weg und hatte durch die Hort-Vergangenheit auch frühzeitig eine stabile Basis für Experimente.
Für den Ganztagsschulbereich ist zum Beispiel nicht nur der Träger, sondern ein Verein zuständig; auch ist die Pestalozzi-Schule stolz auf die hauseigene Küche. „Das fordert ein unternehmerisches Denken, doch die Vorteile liegen auf der Hand“, weiß Markus Fichter. „Wir sorgen selbst für die Logistik und können die Speisepläne mitbestimmen.“ Dieses Prinzip läuft so erfolgreich, dass die Pestalozzi-Küche als Caterer auch noch die Kindertagesstätte in der Nachbarschaft beliefert.
Ebenfalls ungewöhnlich und für berufstätige Eltern willkommen: An der Pestalozzi-Grundschule hat auch der Freitag seinen Nachmittag – allerdings freiwillig und ohne kognitives Lernen und Hausaufgabenzeit. Schluss ist an allen Wochentagen nicht um 16, sondern um 17 Uhr. Für die Ferien gibt es eine Extra-Spielzeit in Kooperation mit dem SOS-Kinderdorf, die seit Jahren sehr gut angenommen wird. Träger dieser zusätzlichen Angebote ist der „Verein zur Ergänzung des Ganztagsschulangebots der Pestalozzi-Schule Eisenberg e.V.“. Ein schuleigener Förderverein kümmert sich überdies darum, dass Kinder von einkommensschwachen Eltern dank Zuschüssen am Ganztagsschulangebot teilnehmen können.
Und noch etwas macht die Pestalozzi-Schule, in der man leere Gänge und öde Klassenzimmer nicht kennt, anders. Es gibt keine Arbeitsgemeinschaften, sondern Werkstätten. Und zwar bereits ab Klasse 1 und in engem Zusammenhang mit dem Unterricht. Dabei gilt: Jeder kann, aber niemand muss. Kinder, die mit kreativen Tätigkeiten überfordert sind und noch Nestwärme suchen, dürfen die Werkstätten-Zeit am Nachmittag auch im vertrauten Umfeld des Klassenzimmers bei ihren Lehrerinnen und Lehrern verbringen. Lernen ohne Druck, vor allem aber ohne Zeitdruck ist Markus Fichter in der Ganztagsschule wichtig. Schon seit Jahren kommt die Pestalozzi-Grundschule ohne Klingelzeichen aus. Die Uhren in den Klassenräumen sind lediglich eine Orientierungshilfe. Statt den klassischen Hausaufgaben gibt es ein Staffelprinzip, das in den Übungszeiten abgearbeitet werden kann.
Das additive Modell wurde folglich vom rhythmisierten Ganztagsschulmodell abgelöst. Zum Schuljahr 2006/07 funktioniert die Pestalozzi-Schule vollständig im Zügigkeitsmodell. „Das ermöglicht uns ein Höchstmaß an Flexibilität und einen individuellen Rhythmus“, plädiert Markus Fichter für diese konsequente Version der Ganztagsschule. So traut man sich auch etwas zu in Eisenberg: Die Pestalozzi-Schule ist die einzige Grundschule weit und breit, die eine Bläserklasse nach dem Yamaha-Prinzip aufgebaut hat. Und diese Bläserklasse macht nicht Lärm und Krach, sondern tatsächlich Musik. Das zeigt sich in der Beliebtheit der jungen Truppe, die in und um Eisenberg immer wieder gerne für kleinere Auftritte und Feste gebucht wird. Musiklehrerin und Konrektorin Martina Ochßner unterrichtet die Bläserklasse mit Hingabe und der Überzeugung: „Die Musik macht Kinder stark.“
Ohne Mama und Papa geht’s nicht
Auf
eine lebendige Kommunikation mit den Eltern legt die Schulleitung der
Pestalozzi-Grundschule besonderen Wert. Mama und Papa sollen nicht nur
wissen, wie es ihren Kindern an der Schule ergeht, nein, im Idealfall
helfen sie selbst mit, aus dem Gebäude einen Ort zu machen, an dem sie
ihre Kinder gut aufgehoben wissen. Und das machen sie auch – ganz
freiwillig. Bei der Renovierung der ehemaligen Hausmeisterwohnung
wirkte die Elternschaft segensreich und unkompliziert mit. Das hielt
die Kosten in einem kalkulierbaren Rahmen. Der Lohn für die Mühen und
den Einfallsreichtum der Väter und Mütter sind aber vor allem drei
sonnige, freundliche und vor allem kindgerechte Zimmer in zartem Blau
und Gelb, die für den Nachmittagsbereich genutzt werden können –
inklusive einer großzügigen Küche und Bibliothek. Dass das
funktioniert, können einige Mütter und Väter selbst begutachten, wenn
sie hier ihre Werkstätten leiten oder als Lesemütter und -paten die
Kinder spielerisch an die faszinierende Welt der Bücher heranführen.
Lesereisen in die Bücherei der Verbandsgemeine Eisenberg für alle
Klassenstufen ergänzen die Leseerziehung.
In den mit Hilfe der Eltern frisch renovierten Hausmeister-Räumen findet auch die von einem Lehrer geleitete Werkstatt „PC-Führerschein“ statt. Zwei Kinder teilen sich einen Computer modernster Ausstattung und lernen Klick für Klick, sich in der Datenwelt zurecht zu finden. Wenn sie nach der vierten Klasse die weiterführenden Schulen besuchen, verfügen sie dank des PC-Führerscheins bereits über die wichtigsten Computer-Grundkenntnisse. Sogar die Online-Zeitung der Pestalozzi-Schule wird gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern gestaltet.
Auch in kulinarischer Hinsicht sind die Eltern kaum mehr wegzudenken. Eine Schülermutter hat die Hauptorganisation des täglichen Frühstücks inne. Denn die Pestalozzi-Schule ist eine gesundheitsfördernde Schule. Dazu gehört Zähneputzen nach dem Mittagessen; dazu gehört aber auch, dass schon morgens eine solide Grundlage für einen langen Tag geschaffen wird. Sprich: In jedem Stockwerk bauen Ganztagsschulmitarbeiter täglich ein Frühstücks-Büffet auf, bestückt mit vielen gesunden Leckereien. Um 9 Uhr gehen die Klassenzimmertüren auf und Schülerinnen und Schüler wie Lehrerinnen und Lehrer dürfen ihr Frühstück „einkaufen“. Geradezu legendär ist der „Betzeberg-Snack“ – rote Paprikaschnitze, die einen Schüler spontan an die Vereinsfarbe des 1. FC Kaiserslautern erinnerten und sich seitdem vor allem bei den Jungs enormer Beliebtheit erfreuen.
Familiär geht es auch beim Mittagessen zu. Schülermütter helfen auf Mini-Job-Basis sowohl beim Austeilen wie auch bei der Aufsicht. Typische Mensa-Atmosphäre wollte Markus Fichter von Beginn an vermeiden. Deshalb separieren dekorierte Zwischenwände die einzelnen Schülergruppen voneinander und es wird in zwei Schichten gegessen. Das schafft Ruhe und eine bessere Übersicht – nicht zu vergessen ist auch der Vorteil für die Kinder: Sie haben ihre festen Plätze und müssen sich nicht jeden Tag an neue Tischkameraden gewöhnen. Denn auch Rituale und Gewohnheiten schaffen Geborgenheit.
Autor: Bettina Belitz
| « | May 2012 | » | ||||
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