Rubrik: Gemeinde/Stadt/Land
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Thema:
Bildungspolitik
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In der Stadt Koblenz sind seit dem Schuljahr 2002/2003 bisher 13 Ganztagsschulen in Angebotsform entstanden - konfliktfrei und positiv von Öffentlichkeit, Politik und Verwaltung begleitet. Kulturdezernent Detlef Knopp bilanziert im Interview die bisherige Entwicklung und spricht über den demographischen Wandel als der größten Herausforderung in der Schulentwicklungsplanung der kommenden Jahre.
Online-Redaktion: Herr Knopp, wie sah die Ganztagsschullandschaft vor zehn Jahren in Koblenz aus?
Detlef Knopp: Das lässt sich recht einfach beantworten: Es gab im Grunde nur eine einzige Ganztagsschule, die Förderschule G.
Der Aufbau von Ganztagsschulen begann - initiiert vom Ganztagsschulprogramm der Landesregierung - erst mit dem Schuljahr 2002/2003. Wir starteten mit vier Schulen, im folgenden Schuljahr kamen zwei weitere hinzu. 2004/2005 begannen zwei zusätzliche Schulen; 2006/2007 kam der Hochbegabtenzweig eines Gymnasiums dazu und 2008/2009 eine Realschule. In den Folgejahren starteten dann zwei Grundschulen. Für das kommende Schuljahr 2012/2013 liegen zwei weitere Anträge von Grundschulen vor. Insgesamt haben wir also mit Hilfe des Landesprogramms von insgesamt 45 Schulen 13 Ganztagsschulen aufbauen können.
Online-Redaktion: Wie viele Schülerinnen und Schüler nehmen derzeit das Ganztagsangebot wahr?
Knopp: Bei den Grundschulen liegen die Quoten bei rund 50 Prozent. Aus integrationspolitischer Sichtweise ist dabei besonders erfreulich, dass sehr viele Kinder mit Migrationshintergrund das Ganztagsangebot wahrnehmen. Die Schulen und ihre Kooperationspartner können hier durch die verschiedenen Angebote die Chancengleichheit dieser Schülerinnen und Schüler erhöhen.
Online-Redaktion: Ging dieser Prozess lautlos vonstatten, oder mussten Sie sich mit Widerständen in der Bevölkerung oder der veröffentlichten Meinung auseinandersetzen?
Knopp: In unserer Stadt gab es über all die Jahre großen Zuspruch zu den Ganztagsschulen, und die Berichterstattung war durchweg positiv. Im Jahr 2011 sind wir nun zweifellos erst recht an einem Punkt angekommen, an dem keine gesellschaftliche Gruppe oder Partei die wichtige Rolle von Ganztagsschulen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf mehr bestreitet.
Für den gesamten Prozess ist auch die sozial und kulturell gut bestückte Infrastruktur in Koblenz hilfreich gewesen. Die Ganztagsschulen hatten nie ein Problem, für ihre Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag Kooperationspartner aus Verbänden und Vereinen zu finden.
Online-Redaktion: Wie sind Sie 2002 beim Start des Ganztagsschulprogramms in Ihrer Stadt vorgegangen?
Knopp: Wir stehen auf dem Standpunkt, dass jede Schule, wenn sie Ganztagsschule werden möchte, selbst ihren Bedarf erkennen, einen Konsens innerhalb der Schulgemeinschaft herstellen und eine pädagogische Konzeption entwickeln muss. Nur wenn Schulleitung, Kollegium und Eltern gemeinsam die Chancen eines ganztägigen Unterrichts erkennen, macht es Sinn, einen Antrag zu stellen. Unsere Verwaltung hat also keine stadtweiten Elternumfragen gestartet oder gar Druck auf die Schulen ausgeübt, sondern von Beginn an jede Schule, die ihren Bedarf formulierte, aktiv unterstützt. Dabei war es für uns sicher hilfreich, dass im Stadtrat ein großer Konsens bestand, dieses Projekt voranzubringen.
Online-Redaktion: Welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die damals neuen Aufgaben personell bewältigt?
Knopp: Vor dem Hintergrund der finanziellen Lage der Kommunen konnten wir nicht einfach beliebig zusätzliches Personal einstellen. Die bestehende Mannschaft hat die neuen Aufgaben gehändelt, was besonders jeweils im Zeitraum zwischen der Errichtungsoption und dem Start der Ganztagsschule eine Herausforderung darstellte. Da blieb oft nur ein halbes Jahr Zeit, um die entsprechenden sachlichen und baulichen Voraussetzungen - in der Regel die Einrichtung einer Mensa oder Ausgabeküche - in die Wege zu leiten.
Online-Redaktion: Was kommt auf die Schulen zu, wenn sich dazu entscheiden, Ganztagsschule zu werden?
Knopp: Die Schulleitungen, zu denen wir ein gutes Verhältnis pflegen, kontaktieren das Schulverwaltungsamt und äußern ihr Interesse. Wir signalisieren dann unsere Unterstützung, vorbehaltlich einer Prüfung der räumlichen Bedingungen und des pädagogischen Konzepts. Wenn wir dort keine großen Probleme sehen, kommt es zum Zuschlag.
Wir haben noch nie einer Schule abgeraten, Ganztagsschule zu werden - bis auf die Ablehnung eines Antrags auf Einrichtung des G8-Ganztags durch ein Gymnasium. Dort bestanden aber grundsätzliche Vorbehalte des Stadtrats und der Verwaltung, die sich nicht primär gegen den Ganztagsaspekt richteten.
Online-Redaktion: Die Kommunen sind - Sie erwähnten es - besonders bei der Sicherstellung des Mittagessens gefordert, die immer mit Investitionen verbunden ist. Wie hat Koblenz diesen Prozess geschultert?
Knopp: Die Rahmenbedingungen waren günstig: Es gab zunächst das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes, das bauliche Maßnahmen und die Sachausstattung finanziell unterstützte, und dann folgte das Konjunkturpaket II, das wir ebenfalls zum Bau von Mensen nutzen konnten. Die Kosten sind also zu erheblichen Teilen von Bund und Land bezuschusst worden.
Uns betrifft mehr das Thema Folgekosten, die die Kommunen zu leisten haben. Wir würden uns wünschen, dass wir auch hier eine entsprechende Unterstützung finden.
Online-Redaktion: Müssen Sie bei Ihrer Haushaltslage nach dem Ende des IZBB-Programms und des Konjunkturpakets II die Genehmigung von Ganztagsschulen einstellen?
Knopp: Das versuchen wir natürlich zu vermeiden. Wir haben in Koblenz ein Modell entwickelt, bei dem die Koblenzer Wohnungsbaugesellschaft die Schulen saniert. Dadurch haben wir wesentlich mehr Mittel als bisher akquirieren können, so dass wir im Schnitt fünf bis sechs Millionen Euro in die Sanierung der Schulen stecken können. Mit Hilfe des K2-Pakets haben wir seit 2005 rund 70 Millionen Euro investiert.
Nichtsdestotrotz ist der Investitionsstau natürlich gewaltig, und wir prüfen bei jedem Antrag zur Genehmigung einer Ganztagsschule, welche Alternative bei der Mittagsverpflegung die kostengünstigste ist: Reicht eine Ausgabeküche, oder gibt es gar in der Nähe eine Kantine, in der die Schülerinnen und Schüler essen können?
Online-Redaktion: In manchen Kommunen wagen Schulen und Schulträger den Schritt von der Ganztagsschule in Angebotsform zu einer verpflichtenden Ganztagsschule. Zeichnet sich so etwas auch in Koblenz ab?
Knopp: Die Realschule plus in Lützel bietet bereits seit einigen Jahren ein verpflichtendes Angebot an, worüber wir sehr froh sind, denn die Schule liegt in einem Stadtteil, dem das gut tut.
Ich halte das generell für einen Schritt in die richtige Richtung. Die Einführung der Ganztagsschule als Wahlangebot war ein politisch geschicktes Vorgehen und hat ja auch sehr gut funktioniert. Wenn man aber hinter dem Ganztagsschulgedanken steht - und das tue ich - dann sollte die Ganztagsschule zumindest im Grundschulbereich verpflichtend eingeführt werden, um alle Schülerinnen und Schüler zu erreichen und zu fördern. Sämtliche Studien zeigen den hohen Förderbedarf, der im Vorschul- und Grundschulbereich vorhanden ist. Außerdem würden sich die Investitionen bei einer vollen Auslastung über die ganze Woche besser rechnen und begründen lassen.
Online-Redaktion: Was gibt es für Sie zukünftig noch zu tun?
Knopp: Wir können bei den Grundschulen und den Realschulen plus schon ein gutes Ganztagsschulangebot vorweisen. Nun wollen wir unser Augenmerk darauf richten, dass neben dem Hochbegabtenzweig auch an anderen Gymnasien Ganztagsangebote entstehen. Bisher erweist sich das als schwierig. Wir haben zum Beispiel an einem Gymnasium eine neue Sporthalle und eine Mensa gebaut, in der Hoffnung, dass dies einen Anstoß in Richtung Ganztagsschule gibt. Bisher ist das dort allerdings am Widerstand des Kollegiums gescheitert.
Dabei müssen wir im Blick behalten, wie der demographische Wandel die Schülerzahlen beeinflussen wird, denn es macht wenig Sinn, in Gebäude zu investieren, die in einigen Jahren leer stehen. Wir verfolgen die Entwicklung sehr genau, und diese Fragestellung wird uns in den kommenden Jahren ständig beschäftigen.
Autor: DZ Online-Redaktion Ralf Augsburg
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