Ganztagsschulen in Angebotsform Rheinland-Pfalz - www.ganztagsschule.rlp.de

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Die Ganztagsschule in Rheinland-Pfalz aus der Sicht der beteiligten Eltern

 
Kurt Merkator, Schuldezernent der Stadt Mainz
05.01.2012

"Für die Ganztagsschule mussten wir werben"

Der Mainzer Schuldezernent Kurt Merkator über die Ganztagsschulentwicklung in der Landeshauptstadt

Online-Redaktion: Herr Merkator, steht man als Landeshauptstadt unter besonderer Beobachtung, wenn es zum Beispiel um den Ganztagsschulausbau geht?

Kurt Merkator: Ich denke schon, dass da genau hingeschaut wird, welche Entwicklung der Ganztagsschulausbau bei uns nimmt. In Mainz ist dieses Programm eine konsequente Fortsetzung dessen, was wir bereits im vorschulischen Bereich erreicht haben, wo Ganztagseinrichtungen in Kindertagesstätten errichtet worden sind. Die Eltern von Kita-Kindern sind dieses Angebot gewohnt, schätzen es und erwarten dann natürlich auch eine Nachmittagsbetreuung im Grundschulbereich.


Online-Redaktion: Wie lange läuft der Ganztagsausbau in Kindertagesstätten bereits?

Merkator: Wir setzen seit etwa vier Jahren bei der Erweiterung und beim Neubau der Kitas auf Ganztagsangebote, nachdem wir festgestellt haben, dass die Eltern diese Angebote regelmäßig anfragten und nicht mehr damit zufrieden waren, wenn die Betreuung bereits um 13 Uhr endete. Diese Einstellung ändert sich natürlich nicht, wenn die Kinder dann in die Grundschule kommen, zumal der Besuch einer Halbtagsschule oft dazu führen würde, dass einer der beiden Ehepartner den Beruf aufgeben müsste.


Online-Redaktion: Wie ist der Ausbau von Ganztagsgrundschulen quantitativ verlaufen?

Merkator: Wir sprechen hier nicht nur von Grundschulen, sondern auch von den weiterführenden Schulen. Bereits vor dem Start des Landesprogrammes 2002 gab es in Mainz zwei Ganztagsschulen im Sek I-Bereich: Die Realschule Mainz-Lerchenberg und die Realschule Ludwig-Schwamb-Schule. Nach dem Beginn des Programmes starteten dann jährlich mindestens vier Ganztagsschulen. Mittlerweile arbeiten von 48 städtischen Schulen 25 als Ganztagsschulen, darunter sämtliche Integrierten Gesamtschulen.


Online-Redaktion: Tragen Sie als Schuldezernent diese Entwicklung aus einer inhaltlichen Überzeugung mit oder sehen Sie das eher als pragmatische Entscheidung gegenüber dem Zeitgeist?

Merkator: Ich halte Ganztagsschulen für notwendig und mache auch keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass ich die verpflichtende Form für das bessere System halte - aus einem einfachen Grund: Es gibt immer mehr Eltern, die Schwierigkeiten haben, ihre Kinder auf das Leben vorzubereiten. Ausgerechnet diese Eltern entziehen ihre Kinder aber dem Ganztagsschulangebot, weil dieses ja auch mit Kosten verbunden ist. Damit nimmt man diesen Mädchen und Jungen die Möglichkeit, am Nachmittag durch die vielfältigen Angebote zusätzlich qualifiziert und gefördert zu werden. Bei Ganztagsschule geht es ja nicht nur um Verwahrung.


Online-Redaktion: Sie sagen, dies sei Ihre persönliche Meinung - die müssen Sie sich ja aufgrund von Beobachtungen, Berichten oder Erzählungen gebildet haben. Bekommen Sie aus den Schulen gespiegelt, dass diese problematische Entwicklung besteht und einer solchen Antwort bedarf?

Merkator: In der pädagogischen Szene ist die Meinung noch diffus. Die Mehrheit der Schulleitungen und der Lehrkräfte sieht inzwischen ebenfalls den Sinn von Ganztagsschulen. Dies gilt besonders für Schulen, die einen rhythmisierten Ganztag anbieten. Ich habe kürzlich die Heinrich-Mumbächer-Schule im Stadtteil Bretzenheim besucht. In dieser Grundschule besuchen alle Schülerinnen und Schüler, die das Ganztagsangebot nutzen wollen, sogenannte "Ganztagsklassen" und bleiben den gesamten Tag bis 16 Uhr in ihrem Klassenverband zusammen. Sie haben genügend Zeit zu lernen, zu spielen, sich zurückzuziehen und auf vielfältige Weise zu beschäftigen. Der Nachmittag ist hier keine Betreuungszeit, sondern wird zur erweiterten Bildungszeit mit Unterrichtseinheiten auch am Nachmittag.

Es gibt aber natürlich auch noch einige Schulen, in denen Lehrerinnen und Lehrer einer Weiterentwicklung zur Ganztagsschule skeptisch gegenüber stehen, auch weil man es gewohnt ist, dass der Dienst in der Schule nun mal um 13 Uhr endete.


Online-Redaktion: Welche Möglichkeiten haben Sie als Stadt, solche Vorbehalte aufzuweichen und die Entwicklung in die von ihnen als richtig erkannte Richtung zu lenken?

Merkator: Wir wollen nicht lenken - dazu haben wir weder die Kompetenz noch den Auftrag. Aber wir werben für die Ganztagsschule. Letztlich muss die Initiative von den Schulen kommen, sonst funktioniert es nicht. Es muss ein Konsens zwischen Eltern, Schulleitung und Kollegium hergestellt werden. Sobald dieser Konsens besteht und eine Schule signalisiert, dass sie sich auf den Weg machen will, werden wir in der Verwaltung aktiv. Wir entwickeln zusammen mit der Schule Pläne, wie diese Ganztagsschule aussehen kann - denn oft zieht eine solche Entscheidung bauliche Konsequenzen nach sich. Wir beraten und unterstützen, üben aber selbstverständlich keinen Druck aus.


Online-Redaktion: Bauliche Konsequenzen heißt ja auch immer finanzielle Konsequenzen. Was hat Mainz im vergangenen Jahrzehnt in diesem Zusammenhang investiert?

Merkator: Die Kommune muss zuvorderst die Mittagsverpflegung sicherstellen. Hier schließen wir Verträge mit Caterern ab. Zwar finanzieren die Eltern den Großteil des Essensgeldes, aber ein städtischer Anteil besteht hier auch.

Der Großteil unserer Investitionen geht in den Bau von Mensen. Ein aktuelles Beispiel: Es liegt ein Antrag des Gutenberg-Gymnasiums auf Einrichtung des Ganztags vor. Darüber freuen wir uns, denn dies ist eine der richtig großen Schulen der Stadt. Mit dem Gutenberg-Gymnasium haben wir vorher Pläne entwickelt, wo die Mensa entstehen und wie sie aussehen könnte. Diese soll dann gemeinsam mit der benachbarten Ludwig-Schwamb-Schule genutzt werden. Diese Kosten dieser Mensa sind mit 8,3 Millionen Euro veranschlagt. Das Land trägt 60 Prozent dieser Summe - für uns bleibt dennoch ein großer Batzen. Schätzungsweise hat Mainz seit Beginn des Ganztagsschulprogrammes etwa 30 Millionen Euro brutto für den Ganztagsschulausbau ausgegeben.


Online-Redaktion: Auch Ihre Stadt dürfte finanziell nicht auf Rosen gebettet sein. Ist dieser Ausgabeposten im Rat politisch umstritten?

Merkator: Nein, hier besteht zum Glück ein Konsens zwischen den Parteien, sowohl was die Baumaßnahmen in den Kindertagesstätten als auch in den Schulen betrifft. Mainz hat aktuell noch jährlich steigende Geburtenraten von fünf Prozent, und alle unterstützen das Vorgehen, dem Bildungsbereich eine Priorität bei den Investitionen einzuräumen, obwohl das Geld dann an anderen Stellen wie im Kulturbereich oder im Straßenbau fehlt.


Online-Redaktion: Hat sich diese Priorisierung in der Ausgabenpolitik und die Befürwortung von Ganztagsschulen in der Stadt entwickelt, oder war schon vor einem Jahrzehnt klar, dass man den Weg so gehen wollte?

Merkator: Für die Ganztagsschulen musste man werben, und da hat sich tatsächlich ein kleiner Stimmungsumschwung ergeben. Immer mehr Eltern und Pädagogen sehen die Vorzüge einer Ganztagsschule. Besonders augenfällig wird der Wandel zu einem "Schulfrieden" im Bereich der Integrierten Gesamtschulen. Zwar haben wir in unserer Stadt nicht die ganz großen ideologischen Debatten über die Gesamtschulen geführt wie in anderen Regionen, aber ganz unumstritten war diese Schulform nicht. Seit ungefähr fünf Jahren ist davon aber keine Rede mehr, und wir haben gerade die dritte IGS in Betrieb genommen, wobei uns auch das Land unterstützt.


Online-Redaktion: Welche Probleme des laufenden Betriebes landen verstärkt auf Ihrem Schreibtisch?

Merkator: Ein lange und heftig diskutierter Bereich war die Mittagsverpflegung: Soll das Essen selbst gekocht oder angeliefert werden? Wie sieht es mit der Qualität und der Qualitätskontrolle aus? Wir haben es den Schulen jetzt freigestellt, selbst zu entscheiden, welche Organisationsform für das Mittagessen sie wählen. Dazu haben wir einen Arbeitskreis gebildet, der Richtlinien entwickelt hat, welche Verpflegung geboten werden soll und was nicht geboten werden soll. Das funktioniert inzwischen ganz gut, nachdem wir am Anfang den Fehler gemacht hatten, allen Schulen das gleiche System bei der Mittagsversorgung überzustülpen. Inzwischen organisieren die Schulen das ganz unterschiedlich und müssen nur darauf achten, dass sie sich in einem bestimmten Kostenrahmen bewegen.


Online-Redaktion: Was ist noch unerledigt geblieben von Ihrer Seite?

Merkator: Wir wünschen uns, dass alle Gymnasium ein Ganztagsangebot vorhalten - da fehlt uns nun noch eins, und wir wollen weiterhin dafür werben. Und im Bereich der Grundschulen besteht noch eine größere Lücke in der Ganztagsversorgung, die es zu schließen gilt - auch durch die sukzessive Verschmelzung von Horten und Ganztagsschulen. Denn gerade an dieser Stelle gefährdet das fehlende Angebot die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besonders.

Autor: DZ Online-Redaktion Ralf Augsburg

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