Ganztagsschulen in Angebotsform Rheinland-Pfalz - www.ganztagsschule.rlp.de

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Die Ganztagsschule in Rheinland-Pfalz aus der Sicht der beteiligten Eltern

 
Schulleiter Harald Schmell und Konrektorin Ingrid Hagenburger von der Realschule plus Kirn
22.09.2011

"Noch nie so wohl gefühlt wie in der Ganztagsschule"

Zahlreiche Förderangebote an der Realschule plus Kirn sorgen für Leistungsschübe und verbessern Berufschancen

Seit diesem Schuljahr ist die ehemalige Hauptschule Kirn im Landkreis Bad Kreuznach als Realschule plus organisiert. Bereits seit dem Schuljahr 2003/2004 können Schülerinnen und Schüler Ganztagsklassen besuchen. Die zusätzliche Zeit wird konsequent zur Förderung genutzt - und immer mehr Schülerinnen und Schüler nehmen diese Möglichkeit wahr und verbessern so ihre schulischen Leistungen und Berufschancen.

Das Ergebnis war knapp: Im Jahr 2002 entschied sich das Kollegium der damaligen Hauptschule Kirn im Landkreis Bad Kreuznach mit geringer Mehrheit für die Einführung der Ganztagsschule in Angebotsform. Die heutige Konrektorin Ingrid Hagenburger erinnert sich an die Beweggründe, sich zur Ganztagsschule zu entwickeln: „Viele Kinder erfuhren am Nachmittag nicht mehr die notwendige Unterstützung durch ihre Eltern, da diese oft berufstätig waren. Sie waren in dieser Zeit häufig sich selbst überlassen. Wir wollten den Nachmittag nutzen, um die Kinder zu fördern - es ging uns von Anfang an nicht nur um bloßes Aufbewahren oder Betreuen.“

Schulleitung und Lehrkräfte besuchten im Vorfeld der Entscheidung andere Ganztagsschulen und holten sich Ratschläge; es folgten viele Sitzungen und Konferenzen. Offenbar ließen sich viele der damaligen Kolleginnen und Kollegen von dem Konzept einer Ganztagsschule nicht überzeugen, wie die knapp ausgegangene Abstimmung darüber zeigte. Sollten die Skeptiker Recht behalten? Schon ein halbes Jahr nach der Einführung der Ganztagsschule in Angebotsform in Kirn stand diese schon wieder vor dem Aus.

„Der organisatorische Aufwand stand in keinem Verhältnis zum Ergebnis“, berichtet Schulleiter Harald Schmell. „Wir schienen ständig nur noch zu organisieren und zu kontrollieren. Die Pädagogischen Fachkräfte in der Hausaufgabenbetreuung mussten nachprüfen, welche Aufgaben die Schülerinnen und Schüler aufbekommen hatten. Denn diese behaupteten manchmal einfach, sie hätten keine auf. Dann musste die Anwesenheit in den Arbeitsgemeinschaften kontrolliert werden. Und am nächsten Morgen musste der Klassenlehrer überprüfen, wer am Vortag gefehlt hat.“

Überraschende Wendung im Kollegium

Alle waren unzufrieden. Doch statt - wie vielleicht nach der verhaltenen Zustimmung noch ein Jahr zuvor zu erwarten gewesen wäre - die Ganztagsschule als Experiment für gescheitert zu erklären und zur Halbtagsschule zurückzukehren, beschloss das Kollegium mit laut Schmell „überwältigender Mehrheit" die exakt entgegengesetzte Richtung einzuschlagen und der Einführung von Ganztagsklassen zuzustimmen. „Die Fürsprecher haben es mit ihrer großen Überzeugungskraft geschafft, das Kollegium für diese Lösung zu begeistern“, erklärt der Rektor.

Die Schule informierte die Eltern schriftlich und warb mit der Aussicht auf eine zusätzliche Förderung von je einer Stunde in den drei Hauptfächern für die Ganztagsschule. Drei weitere Stunden stellten die Klassenlehrerinnen und -lehrer zur freien Gestaltung und zum Kompetenztraining zur Verfügung. Die Eltern ließen sich überzeugen - bis auf die 8. Jahrgangsstufe konnte in jedem Jahrgang eine Ganztagsklasse gebildet werden. Von rund 500 Schülerinnen und Schülern besuchten 220 Kinder und Jugendliche die gebundene Ganztagsschule.

Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts hatte die Hauptschule Kirn wie viele Hauptschulen mit einbrechenden Schülerzahlen zu kämpfen. Derzeit lernen circa 300 Kinder und Jugendliche an der nach 40 Jahren nun zur Realschule plus weiterentwickelten Schule. Etwa die Hälfte der Schülerschaft kommt aus Kirn, die andere Hälfte aus der Verbandsgemeinde Kirn-Land und darüber hinaus. Erfreulich ist die Entwicklung der Ganztagsschülerzahlen seit dem Schuljahr 2003/2004: Sie haben sich über die Jahre bei rund 50 Prozent der Gesamtschülerschaft eingependelt, aktuell gehen rund 180 Schülerinnen und Schüler in die Ganztagsklassen.

Große Unterstützung durch Verbandsgemeinde

Und die Tendenz geht klar weiter in Richtung Ganztag: In der 5. Jahrgangsstufe der neu eingeführten integrativ arbeitenden Realschule plus sind gerade zwei Ganztagsklassen mit je 17 Kindern und eine Halbtagsklasse mit 20 Schülerinnen und Schülern gebildet worden. Das Wichtigste aber ist, dass bei allen eine große Zufriedenheit und eine hohe Akzeptanz für dieses Modell herrschen, so Harald Schmell. Ein Kollege äußerte zum Beispiel, dass er sich „noch nie so wohl gefühlt habe wie in der Ganztagsschule“. Zu diesem Zustand hat auch die dem Schulleiter zufolge „große Unterstützung durch die Verbandsgemeinde" beigetragen: „Sie hat erklärt, nicht an der Bildung sparen zu wollen, und so müssen wir hier auch nicht um jeden Packen Papier kämpfen. Rund 75.000 Euro sind durch Bundes- und Landesprogramme zum Ausbau von Ganztagsschulen über die Kommune in unsere Schule geflossen. Wir haben Umbauten vornehmen, Lehr- und Lernmittel anschaffen und in die EDV-Ausstattung investieren können. Aber auch in jeder anderen Beziehung konnten wir auf die Unterstützung der Verbandsgemeinde immer zählen,“ berichtet Schmell.

Ebenfalls zugute kam der Realschule plus Kirn über die Jahre das immer passend aufgehende Zahlenverhältnis der angemeldeten Ganztags- und Halbtagsschüler, so dass sich die Klassen wunschgemäß bilden ließen. „Zugleich versuchen wir immer, den Einsatz der Kolleginnen und Kollegen am Nachmittag so gleichmäßig wie möglich zu verteilen“, meint Schmell. „Die Stundenplanplanung ist schwierig, aber nicht unmöglich.“

Wenig Fluktuation im Kollegium

Die Lehrkräfte sind auch am Nachmittag im Einsatz, da hier ebenfalls Fachunterricht angesetzt ist. Der Schultag ist so rhythmisiert, dass am Vormittag beispielsweise die Verfügungs- und Sportstunden liegen, die auch zur Erholung und Bewegung genutzt werden, wenn die Klassenlehrerinnen und -lehrer dies für notwendig erachten. Die starke Präsenz der Klassenlehrerinnen und -lehrer in ihren Klassen ist ein Teil des Schulkonzepts in der Realschule plus Kirn: „Sie kennen ihre Schülerinnen und Schüler am besten“, erklärt Harald Schmell, „und durch die Ganztagsschule lernen sie diese noch besser kennen - man hat mehr Zeit und begegnet sich öfter.“ Positiv sei auch das konzentrierte Arbeiten, dass durch mehr Zeit in einer Klasse in einem Fach möglich werde.

Konstanz bildet auch das Kollegium selbst ab: „Manche Lehrkräfte, die hier ihre Staatsprüfung gemacht haben, sind bei uns geblieben", erläutert der Rektor. „Es gibt keine große Fluktuation, viele sind seit 20 Jahren oder länger an dieser Schule. Die Kehrseite ist, dass von unseren 26 Kolleginnen und Kollegen etwa die Hälfte schon über 55 Jahre alt sind." Impulse von außen seien dennoch durch die Fortbildungsfreudigkeit seines engagierten Teams gewährleistet. Harald Schmell selbst nimmt durch seine Tätigkeit als AQS-Co-Referent viele Ideen aus Schulen mit, die er im Rahmen dieser Aufgabe besucht.

Spurensuche auf Film festhalten

Die Mittagszeit beginnt an der Realschule plus Kirn um 13.10 Uhr und dauert bis 14.20 Uhr. Ein Raum ist zur Mensa mit Kühl- und Warmhaltetheken umgebaut worden, in welchem im Schnitt 80 Schülerinnen und Schüler täglich für 2,80 Euro ihr Mittagessen einnehmen, das von einem Catering-Service angeliefert wird. Dann bleibt noch Zeit für Erholung und Spiel.

Von 14.20 Uhr bis 16.00 Uhr ist montags, dienstags und donnerstag Nachmittagsunterricht vorgesehen. Mittwochs ist der AG-Tag. Die Schülerinnen und Schüler besuchen eine Arbeitsgemeinschaft, die sie zu Schuljahresbeginn aus einem Angebot von rund zehn AGs für ein Jahr ausgewählt haben. Diese AGs werden hauptsächlich durch Honorarkräfte begleitet. So leitet ein Fachmann für Video zusammen mit einem historisch interessierten Kollegen eine Arbeitsgemeinschaft, in der sich die Schülerinnen und Schüler auf geschichtliche Spurensuche begeben und diese auf DVD festhalten. So sind bereits Filme über das KZ Hinzert, Verdun oder das Leben der Juden in Kirn entstanden. Beliebt bei den Kindern und Jugendlichen sind diverse Sport-AGs und die Garten-AG, die bisher von einer Seniorin geleitet wurde, die ein gutes Verhältnis zu den Schülerinnen und Schülern aufbauen konnte.

Ein wichtiger Bestandteil des Mittwochsangebots ist das Programm „SoHale - Soziales Handeln lernen“, das die Realschule plus Kirn bereits seit einigen Jahren anbietet. Schülerinnen und Schüler aus dem 10. Schuljahr geben ihr Wissen jeden Mittwochnachmittag an die Ganztagsschülerinnen und -schüler weiter, um so das soziale Engagement der Jugendlichen zu stärken. Hauptziel des „SoHale" ist es, die sozialen Schlüsselkompetenzen der Schülerinnen und Schüler unter pädagogischer Aufsicht zu fördern.

Ältere übernehmen Verantwortung für Jüngere

Den Zehntklässlern soll dadurch eine Auseinandersetzung mit sozialem Handeln, sozialen Dienstleistungen und ehrenamtlichem Engagement ermöglicht werden. Sie sollen lernen, Schülerinnen und Schüler im Team zu betreuen und damit Verantwortung für einen oder mehrere Jüngere zu übernehmen.

Über 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler sind im Programm „SoHale" aktiv und arbeiten mit Einrichtungen wie der Sozialstation, Seniorenheimen, Kindergärten, einer Grundschule und dem Roten Kreuz zusammen. „Wir vermerken das Engagement der Schülerinnen und Schüler in diesen Kursen im Zeugnis", berichtet Harald Schmell, „und das hat in einigen Fällen schon den Ausschlag dafür gegeben, dass Betriebe diese Jugendlichen eingestellt haben."

„SoHale" wird auch zur Förderung in den Hauptfächern genutzt: Die Klassenlehrer teilen ihren Schülerinnen und Schülern in Deutsch, Mathematik und einem Nebenfach Arbeitsblätter aus, welche diese dann unter der Aufsicht und mit der Hilfe der „SoHale"-Betreuerinnen und -Betreuer lösen. Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler in einer Gruppe ist unterschiedlich, liegt aber ungefähr bei drei bis acht Kindern bei einer Betreuerzahl von zwei bis vier Jugendlichen.

Leistungsschübe verzeichnet

„SoHale" ist nicht das einzige Förderkonzept an der Realschule plus in Kirn. Im Projekt „Leben zu lernen" fördert die Schule in Kooperation mit der Erziehungsberatungsstelle Schülerinnen und Schüler mit Lerndefiziten; das Projekt „Mentor" betreibt individuelle Leseförderung, genauso wie die Lese-Scouts, bei dem Schüler Mitschüler fördern - und für ihr Engagement schon einen Preis gewonnen haben. Die Schulsozialarbeiterin bietet unter anderem erlebnispädagogische Angebote an, in denen sich die Schülerinnen und Schüler beispielsweise beim Klettern ausprobieren können und so ein Gefühl für die Gemeinschaft entwickeln.

Die Realschule plus Kirn kooperiert in ihren Förderangeboten auch mit weiteren außerschulischen Partnern: So organisiert die Schulsozialarbeiterin an jedem ersten Freitag im Monat zur Stärkung der sozialen Kompetenz und als präventive Maßnahme in Zusammenarbeit mit der Polizei und dem Jugendtreff der Evangelischen Kirche einen offenen Sporttreff in der Turnhalle, der gut angenommen wird. Zusammen mit der Polizei und dem Diakonischen Werk bietet die Schule Gesundheitsförderungs- und Sexualerziehungskurse an. In Kooperation mit einer Berufsberaterin vom Arbeitsamt und der Gewerbeinitiative Kirn organisiert die Schule ein sehr gut nachgefragtes Bewerbertraining.

Dass sich alle diese Maßnahmen auszahlen, davon ist Konrektorin Ingrid Hagenburger überzeugt: „Wir können bei vielen Schülerinnen und Schülern einen Leistungsschub verzeichnen. Und ohne diese Förderung im Rahmen der Ganztagsschule hätten wir sicherlich auch nicht unsere zwei freiwilligen Klassen in der 10. Jahrgangsstufe.“

Ungewisse Zukunft

Die Einführung der Realschule plus bringt für die Schulleitung und das Kollegium neue Herausforderungen: „Das Leistungsspektrum in den Klassen ist deutlich breiter geworden, was uns eine größere Vorbereitung auf den Unterricht abverlangt, weil wir in diesen heterogenen Klassen mehr differenzieren müssen", findet Schulleiter Schmell. „Zur Erstellung der Förderkonzepte sitzen wir oft zusammen. Auch die Wahlpflichtfächer sind für uns neu. „Umgekehrt profitiert die Schule von der besseren Unterrichtszuweisung und Stundenzuteilung.“

Abgesehen davon ist schon jetzt klar, dass die Zeiten für die Realschule plus Kirn spannend bleiben werden: Neben ihr existiert noch die Realschule in der Stadt. Auf eine Fusion haben sich die beiden Standorte nicht einigen können. Nun müssen Rat und Verbandsgemeinde entscheiden, wie es 2013 weiter gehen soll, wenn Realschulen in der bisherigen Form nicht mehr existieren werden.

Autor: DZ Online-Redaktion Ralf Augsburg

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