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Seit dem Schuljahr 2009/2010 läuft das Projekt „Keine(r) ohne Abschluss“ an inzwischen fünf Realschulen plus. Schülerinnen und Schüler, die nach der neunten Klasse ohne Abschluss die Schule verlassen würden, erhalten in einem speziellen 10. Schuljahr mit hohen Praxisanteilen und viel Berufsweltbezug eine zweite Chance. Von Beginn an hat ein interdisziplinäres Team der Universität Trier unter der Leitung von Prof. em. Dr. Roland Eckert das Projekt wissenschaftlich begleitet. Die Online-Redaktion sprach mit der Soziologin und Projektkoordinatorin Natalie Smilek und der Diplom-Pädagogin Annelie Cremer über die Ergebnisse.
Online-Redaktion: Frau Smilek, Frau Krämer, Sie arbeiten im Fachbereich IV der Fakultät für Soziologie der Universität Trier. Wieso haben Sie die Möglichkeit erhalten, das Projekt „Keine(r) ohne Abschluss“ wissenschaftlich zu begleiten?
Natalie Smilek: Unser Projektleiter Prof. Dr. Roland Eckert stand bereits Ende der neunziger Jahre in Kontakt mit Bildungsministerin Doris Ahnen bezüglich der Thematik „Übergang von benachteiligten Schülerinnen und Schülern in den Beruf“. Über zehn Jahre lang führte die Arbeitsgemeinschaft sozialwissenschaftliche Forschung und Weiterbildung e.V. an der Universität Trier immer wieder Projekte zu diesem Thema vor allem auch an Ganztagsschulen durch. An diesen Schulen lassen sich Projekte, die über den Fachunterricht hinausgehen, einfach besser verwirklichen, während an Halbtagsschulen dazu schlicht die Zeit fehlt.
Als dann das Projekt „Keine(r) ohne Abschluss“ angekündigt wurde, konnten wir natürlich auf unsere langjährige Erfahrung auf dem Feld der Durchführung und Begleitung von Berufsorientierungsprojekten verweisen.
Online-Redaktion: Die wissenschaftliche Begleitung dieses Projekts beschränkt sich nicht nur auf das Ausgeben von Fragebogen, sondern Sie forschen auch zur Biografie von Jugendlichen, die in den ersten KoA-Klassen saßen. Wie viele Vorgaben hatten Sie, und was konnten Sie selbst an Ideen beisteuern?
Smilek: Die konkrete Ausgestaltung der wissenschaftlichen Begleitung war offen gehalten. Es wurde grundlegend formuliert, was mit „Keine(r) ohne Abschluss“ erreicht werden sollte: die Senkung der Schulabbruchquoten und das Leisten einer Hilfestellung beim Übergang von der Schule in den Beruf. Wie wir diesen Prozess begleiten würden, konnten wir als eigene Ideen in unserem Antrag einbringen. Wir formulierten, dass wir uns nicht nur als Evaluierende verstehen, sondern dass wir unsere langjährige Expertise auch in den Gestaltungsprozess einbringen können. Mit Hilfe der Evaluationsergebnisse wollten wir den Schulen konkrete Tipps und Hilfestellungen geben. Bei der Biografieforschung möchten wir das Blickfeld über die Schule hinaus erweitern: Wieso sind die Jugendlichen an diesen bestimmten Punkt in ihrem Leben gekommen? Was kann man tun, um solche Entwicklungsläufe möglicherweise zu verhindern? Was kann Schule dazu beitragen?
Online-Redaktion: Wie nahe waren Sie an den Schulen und den Jugendlichen dran?
Annelie Cremer: Im Pilotjahr 2009/2010 haben wir die beiden Realschulen plus in Ramstein-Miesenbach und Ransbach-Baumbach eng begleitet. Wir waren ein bis zweimal pro Monat vor Ort und pflegten kontinuierlichen Kontakt per Telefon und Internet. Die Lehrkräfte empfanden dies als sehr sinnvoll. So bekamen wir wirklich mit, wie sich der Alltag in einer Schule gestaltet. Wären wir nur zum Reinreichen von Fragebogen erschienen, hätte sich uns dies nicht so intensiv erschlossen.
Online-Redaktion: Welchen Herausforderungen sahen sich die fünf Schulen zu Beginn ihres „Keine(r) ohne Abschluss“-Schuljahrs jeweils gegenüber?
Cremer: Die erste Hürde war es, passende Angebote innerhalb der Schule für die Schülerinnen und Schüler zu finden. Was sollte in diesem Schuljahr geschehen? Was sollte wie gelernt werden? Die Teams aus Lehrkräften, Schulsozialarbeitern und pädagogischen Fachkräften mussten sich ja teilweise Jugendlichen annehmen, die sie noch gar nicht kannten. Neben Schülerinnen und Schülern aus Klassen der eigenen Schule kamen Jugendliche aus anderen Realschulen plus oder Förderschulen hinzu. Da war es eine Herausforderung, innerhalb kurzer Zeit den Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler zu identifizieren und dann jeweils passgerechte Angebote zu unterbreiten.
Den Lehrteams war bewusst, dass sie es dabei auch mit einigen Schulverweigerern zu tun bekamen. Gerade deshalb entwickelten die Pädagoginnen und Pädagogen den Ehrgeiz, Schule anders zu gestalten, um wieder Lust auf das Lernen zu entfachen. Und, obwohl sie sich auf diese Situation der extremen Heterogenität ihrer neuen Klasse einstellen konnten, wurde für so manchen die konkrete Situation mit den Schülerinnen und Schülern dann doch so ein kleiner Praxisschock. Es wurde schnell klar, dass bei aller Planung auch unbedingt Flexibilität gefragt war. Glücklicherweise waren dies alles gestandene Pädagoginnen und Pädagogen, die neben ihrer Berufserfahrung und Professionalität auch eine gehörige Portion Idealismus mitbrachten.
Online-Redaktion: Welche Entwicklung lief beispielsweise nicht so wie gedacht?
Smilek: Manche Lehrkräfte gingen davon aus, dass man die Jugendlichen schnell in ein einjähriges Praktikum schicken kann, aus dem dann im besten Fall ein Lehrstellenverhältnis erwächst. Aber was macht man mit Schülerinnen und Schülern, die nach drei Monaten wieder auf der Matte stehen, weil sie feststellen, dass der Beruf oder der Betrieb doch nichts für sie ist, während die Lehrteams schon dabei waren, auf den Übergang hinzuarbeiten? Da stand man auf einmal wieder am Anfang. In unserer Begleitung haben wir Sollbruchstellen definiert und Möglichkeiten beschrieben, flexibel auf eine solche Situation zu reagieren.
Online-Redaktion: Konnten Sie in dieser Phase bereits unterstützend wirken?
Cremer: Dank der Gruppendiskussionen, die wir mit den Schülerinnen und Schülern führten, konnten wir als eine Art Bindeglied zwischen den Erwachsenen und den Jugendlichen fungieren. Es war uns möglich, den Gruppen viel zu vermitteln und rückzuspiegeln. Wir konnten Hinweise geben, wen die Lehrteams an bestimmten Punkten kontaktieren sollten. Für manche Pädagoginnen und Pädagogen gab es da auch Aha-Erlebnisse, wenn sie sahen, dass es außerhalb der Schulen engagierte und kompetente Ansprechpartner – zum Beispiel in der Bundesagentur für Arbeit – gibt, die in Krisensituationen neue Impulse geben können. Diese Erfahrungen ließen wir in unser Kompendium einfließen, das wir nach und nach weiterentwickeln.
Online-Redaktion: Wären ohne Ihre Unterstützung mehr Jugendliche auch in den KoA-Klassen am Abschluss gescheitert?
Smilek: Die Schulen haben schon im Vorfeld von „Keine(r) ohne Abschluss“ sehr gute Arbeit geleistet und sind an dieses Projekt mit einem enormen Erwartungsanspruch an sich selbst herangegangen. Ein wichtiger Beitrag zum Erfolg dieses Projekts war, dass wir den Schulen sagen konnten, dass die Probleme, auf die sie im Laufe des Jahres stießen, völlig normal waren.
Mit den Erfahrungen des ersten Jahres konnten wir nun im zweiten Jahr den Realschulen plus natürlich mehr Ratschläge und Hinweise geben. Damit sind wir noch mehr in die Rolle von Mediatoren hineingewachsen.
Online-Redaktion: Haben die fünf KoA-Schulen unterschiedliche Wege bei diesem Projekt eingeschlagen?
Smilek: Die Strukturen sind vergleichbar: An jeder Schule gibt es ein Klassenleitungsteam aus zwei Lehrerinnen und Lehrern, welche das Jahr konzeptionell planen und hauptsächlich mit den Schülerinnen und Schülern zusammen arbeiten. Die Klassenleitungen werden von Schulsozialarbeitern, Fachlehrkräften und pädagogischen Partnern flankiert. Diese Kernteams hatten, bis auf eine Schule, immer Bestand. Änderungen ergaben sich nur durch Erkrankungen und Versetzungen. Und diese personelle Kontinuität ist auch gut so, denn es hat sich in beiden Jahren gezeigt, dass die Jugendlichen feste Ansprechpartner brauchen. Umso mehr, weil die Schülerinnen und Schüler – wie unsere Biografieforschung zeigte – oftmals in ihrem Leben ihre Lehrerinnen und Lehrer zum ersten Mal auch als Vertrauenspersonen wahrnahmen.
Online-Redaktion: Sämtliche Schulen haben bereits vor „Keine(r) ohne Abschluss“ intensive Berufsorientierungs- und Berufsvorbereitungsprojekte durchgeführt. An welcher Stelle gewinnen solche Methoden und Initiativen bei diesem Projekt eine neue Qualität?
Cremer: Definitiv in der viel intensiveren Vernetzung mit außerschulischen Partnern. Das Projekt hat gezeigt, dass es sich bei der Berufsqualifizierung nicht nur um eine schulische, sondern auch um eine gesellschaftliche Herausforderung handelt. Das erfordert das Zusammenwirken verschiedener Institutionen. Für manche Schule, die sich vielleicht ein bisschen als Insel verstanden hat, hieß das, bei laufendem Betrieb eine Brücke zum Festland zu bauen.
Smilek: Es ist teilweise sehr schwierig gewesen, diese Strukturen „nach draußen“ aufzubauen. Die Schulen stellten dabei fest, dass es nicht nur wichtig ist, auf der Mikroebene zu wirken – also Schule und Betriebe in der Nachbarschaft – sondern auch auf der Mesoebene, beispielsweise mit dem Pädagogischen Landesinstitut, und auf der Makroebene mit der Bundesagentur für Arbeit, mit Kammern und Ministerien. Wenn diese Ebenen alle abgestimmt zusammen arbeiten, kommt für die Schülerinnen und Schüler an der Basis der größte Ertrag heraus. Für uns ist dieser Vernetzungsgedanke wesentlich, den wir jetzt zum weiteren Schwerpunkt der Begleitung der Schulen bis zum Projektende im Dezember 2012 machen wollen.
Online-Redaktion: Welche Ergebnisse erbrachte Ihre Evaluation?
Cremer: Die 32 Jugendlichen des Pilotjahrs haben mehrheitlich gesagt, dass ihnen das KoA-Jahr viel gebracht habe, besonders weil die meisten von ihnen letztlich den Abschluss erwerben konnten. Aber die Schülerinnen und Schüler lobten auch, dass sie Kenntnisse in den Fächern systematisch aufarbeiten konnten. Erstaunlich war, dass selbst Jugendliche, die bis dahin mit der Schule auf Kriegsfuß standen, die Lehrerinnen und Lehrer als „gut“ lobten. Darüber hinaus empfanden die Schülerinnen und Schüler die lange, kontinuierliche Arbeit in den Betrieben als gewinnbringend.
Online-Redaktion: Jede Schule wünscht sich wohl, dass selbst als hochproblematisch geltende Schülerinnen und Schüler nicht nur mitarbeiten, sondern diese Arbeit und ihre Lehrkräfte auch wertschätzen. Wo liegt das Geheimnis?
Smilek: In dem Gefühl, von den Erwachsenen angenommen zu sein. Und dieses Gefühl kann nur entstehen, wenn die Zeit da ist, sich um jede Schülerin und jeden Schüler kümmern zu können. Bei der „Keine(r) ohne Abschluss“-Klasse haben die Lehrerin und der Lehrer ausreichend Zeit und erleben die Jugendlichen viel intensiver, als sie es im 45-Minuten-Betrieb einer Halbtagsschule je könnten. Für die Jugendlichen war das der zentrale Punkt, wie sich in den Befragungen herausstellte. Das galt analog auch für die Ansprechpartner in den Betrieben.
Online-Redaktion: Haben die Lehrkräfte das Verhältnis zu den Schülerinnen und Schülern auch als so positiv empfunden?
Cremer: Bei unseren Befragungen vor den Sommerferien gab es den Tenor, dass die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern ihnen Kraft gegeben habe. Da sah man auf einmal, dass ein Schüler pünktlich kommt, oder dass er regelmäßig erscheint. Solche kleinen Schritte ermutigten die Pädagoginnen und Pädagogen. Sie erlebten, dass ihre Arbeit ankommt, dass sie etwas bewirkt.
Nichtsdestotrotz ist das Unterrichten und Gestalten einer KoA-Klasse für die Lehrkräfte mitunter eine große Herausforderung gewesen. Zum einen durch den – teilweise auch selbst gemachten – hohen Erwartungsdruck, aber auch durch die Arbeit mit der sehr heterogenen Schülerschaft. Dazu kamen die permanente Abstimmung mit der Schulgemeinschaft, den Betrieben und den anderen außerschulischen Partnern sowie die intensive Arbeit mit den Eltern, die in einzelnen Fällen auch mit der deutschen Sprache ihre Probleme hatten.
Online-Redaktion: Lief es bei den Realschulen plus in Ramstein-Miesenbach und Ransbach-Baumbach im zweiten Jahr reibungsloser?
Cremer: Ja, denn der Erwartungsdruck des ersten Jahres fiel bei den Lehrkräften nun weg. Das erste Jahr hatte die Beteiligten gelehrt, dass auch in den letzten drei Monaten ein Erfolg herbeigeführt werden kann, der sich zuvor nicht so abzeichnete. Das führte zu mehr Gelassenheit. Dazu kommt, dass die im ersten Jahr angebahnten Kontakte zu den Partnern nun stehen und nicht mehr neu aufgebaut werden müssen.
Autor: DZ Online-Redaktion - Ralf Augsburg
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