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Pädagogisches Landesinstitut Rheinland-Pfalz

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Die ausgezeichneten Vertreter der 40 neuen "Medienkompetenz macht Schule"-Schulen. Quelle: Harald Goebel / LMZ
15.05.2008

Chancen und Risiken der Neuen Medien

Medienethik und Jugendschutz auf der 4. i-Media

Nach Angaben der EU-Kommission besitzen bereits neun von zehn Schülerinnen und Schülern im Alter von zwölf bis 14 Jahren ein Handy. Im Alter von 14 bis 17 Jahren sind es gar 99 Prozent. Zwei Drittel der Schulen sind an das Hi-Speed-Internet angebunden, und 74 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer nutzen das Internet im Unterricht. Einerseits bietet dies viele Chancen: Einen abwechslungsreichen, von Neuen Medien unterstützten Unterricht mit einer Generation, die wie ganz selbstverständlich mit einer Technik umgeht, die der „Generation Kassettenrecorder“ wohl stets ein Rätsel bleiben wird.

Andererseits steigen aber auch die Risiken: Kinder und Jugendliche geben in Chats oder Foren im Internet unbefangen Adressen, Telefonnummern und Details aus ihrem Leben preis. Sie hänseln andere Mitschüler virtuell im Internet, stellen sie bloß oder belästigen ihre Lehrerinnen und Lehrer mit SMS von fiktiven Absendern oder fingierten Filmen und manipulierten Bildern. Mit Hilfe von Handys und bluetooth-Funkverbindungen können diese Inhalte dann in Windeseile in der ganzen Schule verbreitet werden. Darüber hinaus bleiben Killerspiele oder Rollenspiele mit Suchtpotenzial auf der Agenda besorgter Eltern und Lehrkräfte – zumal die Machart dieser Spiele immer raffinierter wird.

„Wir sollten nicht zulassen, dass kleine Probleme große Vorteile zunichte machen“, meinte jüngst EU-Medienkommissarin Viviane Reding. Statt von Belästigung, Beleidigung oder Bedrohung sollte im Zusammenhang mit den Neuen Medien und Technologien von den Möglichkeiten des Umgangs im Unterricht die Rede sein. Dazu müsse man den Lehrerinnen und Lehrern helfen, ihren Schülerinnen und Schülern einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet oder Handy zu vermitteln.

Das Programm „Medienkompetenz macht Schule“
Gerade dieses Thema und die Unterstützungsangebote prägten viele der Workshop-Angebote der 4. i-media – Forum Integrative Medienbildung des Landesmedienzentrums Rheinland-Pfalz und des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, die am 8. Mai 2008 in Mainz stattfand. 650 Lehrerinnen und Lehrer aus ganz Rheinland-Pfalz waren in das Gymnasium Theresianum gekommen, um sich über unterschiedlichste Themen wie Bildungssoftware, Schulnetze und medientechnische Entwicklung zu informieren. Der Jugendmedienschutz bildete dabei ein eigenes Oberthema.

„Die Resonanz zeigt, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer den Herausforderungen durch die Neuen Medien stellen“, begrüßte Staatssekretär Michael Ebling das Plenum in der Turnhalle. Dass die Lehrerinnen und Lehrer den technischen Finessen ihrer Schülerschaft oft nicht mehr gewachsen sind, wunderte Ebling angesichts der rasenden Entwicklung in diesem Bereich nicht. „Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor 25 Jahren Kopien mit Matritzen und Rasierklinge gemacht habe. Heute kann man mit einem Klick E-Mails in die ganze Welt verschicken.“ Für diese Medienlandschaft benötige man ein gutes Koordinatensystem: „Die wahre Kunst ist es, in diesem Dschungel das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.“

Neben der I-Media trägt das Land auch mit seinem Programm „Medienkompetenz macht Schule“ dazu bei, die Schulen bei dieser Aufgabe zu unterstützen. Bis 2011 werden 10 Millionen Euro für technische Ausstattung investiert. Nach den zehn Schulen, die seit vergangenem Jahr dabei sind, wurden nun 40 weitere aufgenommen. Die Veranstaltung bildete den passenden Rahmen für die Verkündung und die Auszeichnung dieser neuen Medienkompetenz-Schulen, die mit einer Fördersumme von jeweils 40.000 Euro bedacht wurden. „In den kommenden Jahren wird das Programm mitwachsen, dann werden auch bisher leer ausgegangene Schulen in den Genuss der Förderung kommen“, tröstete der Staatssekretär die im zweiten Durchgang leer ausgegangenen Schulen. Insgesamt 78 hatten sich beworben.

„Nicht die Technik ist das Problem, sondern die Ethik“
Das Programm „Medienkompetenz macht Schule“ wird wissenschaftlich begleitet Prof. Dr. Stefan Aufenanger von der Universität Mainz. Er stellte in seinem Vortrag „Medienkompetenz macht Schule – Wie Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schüler mit Medien im Unterricht arbeiten“ erste Ergebnisse vor. „Das Projekt hat auch in die Lehrerausbildung ausgestrahlt“, stellte er eingangs fest. „Rheinland-Pfalz ist eines der wenigen Bundesländer, in der die Medienkompetenz Teil der Lehrerausbildung ist.“ Es sei wichtig, bei Medienkompetenz auch ethisch-moralische Konzepte mitzudenken und Chancen wie Risiken gleichermaßen im Blick zu behalten, mahnte der Medienpädagoge.

Bei der Befragung der im Oktober 2007 begonnenen Evaluation waren 239 Lehrerinnen und Lehrer und 3.169 Schülerinnen und Schüler beteiligt. Als vorläufige Ergebnisse hielt Aufenanger fest, dass in den zehn Projektschulen „vielfältige praktische Projekte zur Förderung der Medienkompetenz mit unterschiedlichen Schwerpunkten“ angeboten würden. Allerdings gebe es dabei häufig eine „Zentrierung auf die Vermittlung technischer Fertigkeiten“ und einen „sehr schmalen Begriff von Medienkompetenz“. Die Schulen seien zwar auf einem guten Weg, aber die eigentliche Herausforderung des Projekts – „Nicht die Technik ist das Problem, sondern die Ethik“ – müsse verstärkt angegangen werden.

Die Forderung des Wissenschaftlers, die Eltern stärker einzubinden, ist von den Verantwortlichen von „Medienkompetenz macht Schule“ bereits aufgenommen worden. Am 21. April 2008 startete das Internet-Elternportal www.eltern.medienkompetenz.rlp.de, das laut Gabriele Lonz, Leiterin der Geschäftsstelle „Medienkompetenz macht Schule“, genau dieses Ziel verfolgt. Dazu wird jeder Projektschule ein Etat von 200 Euro für Elternabende mit externen Referenten zur Verfügung gestellt. Hier können sich die Erziehungsberechtigten über Themen wie „Internetkommunikation und Web 2.0“, „Chat und Instant Messaging“, „Handy – Chancen und Risiken“, „Kostenfallen Handy und Internet“, „Computerspiele“ und „Umgang mit jugendgefährdenden Inhalten“ informieren.

Kinder da abholen, wo sie zu surfen beginnen
„Die Verbraucherzentrale hat fünf bis zehn Referenten in unseren Pool entsandt“, berichtete Gabriele Lonz in ihrem Workshop, „worüber wir sehr glücklich sind, denn Lehrerinnen und Lehrer dürfen keine rechtlichen Ratschläge geben.“ Die Elternabende seien häufig die Inititalzündung für neue Ideen, und zu allen sechs Themenkreisen sei weiterführendes Material vorhanden. Die Problematik, wie man bildungsferne Eltern für solche Abende gewinnen könne, kam auch zur Sprache. „Solche Eltern kann man nur mit finanziellen Themen wie ‚Kostenfalle’ locken, sonst sitzt man da abends mit zwei Personen“, berichtete eine Lehrerin aus eigener Erfahrung. Hier helfen nur der persönliche Kontakt und Hausbesuche, die man auch zu Einweisungen am Computer nutzen könne.

Der Medienpädagoge Stefan Linz präsentierte mit jugendschutz.net einen weiteren Service im Internet, der auf die Gefahren im Internet hinweist, aber mit der Rubrik „Klick-Tipps“ auch einen Besprechungsdienst für gute Kinderseiten anbietet. „Wöchentlich finden Sie auf unseren Seiten acht Links zu drei aktuellen Themen“, erläuterte Linz in seinem Workshop. Die „Klick-Tipps“ könne man auch in die eigenen Schulhomepages einbauen. „Wir wollen die Kinder dort abholen, wo sie zu surfen beginnen und gute Kinderangebote sichtbarer und bekannter machen“, erklärte der Medienpädagoge. Das sei auch präventiver Jugendschutz. Dazu recherchieren Medienpädagogen geeignete Seiten im Internet, und auch eine „Kinderredaktion“ mit Schülerinnen und Schülern im Alter von acht bis zwölf Jahren bewertet aktuelle Kinderseiten und schlägt eigene Favoriten vor.

Für das Dauerbrennerthema „Videogewalt und -killerspiele“ bietet die Hessische Landesmedienanstalt für privaten Rundfunk und Neue Medien eine Orientierungshilfe an. Im Rahmen der Lehrerbildungsreihe „Schule des Hörens und des Sehens – Medienkompetenz für Lehrer“ ist eine DVD mit dem Titel „Digitale Spielwelten – Computer- und Videospiele als Unterrichtsthema“ erschienen, die Michael Fingerling von der Landesmedienanstalt vorstellte. „Bei 44 Millionen verkaufter Computer- und Videospiele im Jahr 2006 hilft kein Klagen und Verdammen, sondern man muss sich mit dem Thema auseinandersetzen“, fand der Referent für den nichtkommerziellen lokalen Hörfunk.

Hausaufgaben als Podcast
Die vorgestellte DVD geht das Thema umfassend an: Ausgehend von einer kulturhistorischen Einordnung der Computer- und Videospiele, einem Überblick zur Kultur der visuellen Spielewelten, den Erzählformen und der Ästhetik interaktiver Computer- und Videospiele über die Frage, in welchem Rahmen Computer- und Videospiele zu Bildungsprozessen beitragen können bis zu Methoden zum pädagogisch sinnvollen Einsatz von Computer- und Videospielen im Unterricht. Dazu werden Anschauungsbeispiele unterschiedlicher Computer- und Videospiele und Kommentare geliefert, um Lehrerinnen und Lehrern zu zeigen, womit ein Teil ihrer Schülerschaft die Freizeit verbringt und sie dies gegebenenfalls im Unterricht können.

Den ganz praktischen Nutzen von Neuen Medien im Unterricht führte Jürgen Wagner, Gymnasiallehrer und teilabgeordnet als Referent für E-Learning und Mediendidaktik am Landesinstitut für Pädagogik und Medien in Saarbrücken, in seinem Workshop vor. Mit Podcasts, also Hördateien mit großer Datenmenge, könne man im Fremdsprachenunterricht zu verschiedenen Themen von Muttersprachlern eingesprochene Texte vermitteln. Zu jedem dieser Podcasts böten Seiten wie www.breakingnewsenglish.com, auf denen alle drei Tage neue Nachrichten-Podcasts abrufbar sind, Fragen zum Text, Lückentexte, Online-Kreuzworträtsel, Multiple Choice-Fragen oder Hausaufgabenvorschläge.

„Es ist mit Schnittprogrammen wie 'audacity’ auch spielend leicht möglich, eigene Podcasts herzustellen. Für die Schülerinnen und Schüler ist das unheimlich motivierend“, berichtete Wagner. So könnten die Jugendlichen gesprochene Hausaufgaben als podcast auf ihren heimischen Rechner geschickt bekommen und diese Aufgaben gesprochen gelöst wieder an den Lehrer zurückschicken, der sich einen schnellen Überblick verschaffen könne, wer die Aufgaben bereits erledigt habe.

Rat bei Computerproblemen
Wie eine Schule arbeitet, die Mittel aus dem „Medienkompetenz macht Schule“-Programm erhalten hat, zeigte Markus Schlegel, an der Realschule Annweiler für die Informationstechnologie zuständig, in seinem Workshop „Medienkompetenz – was nun?“. An der Ganztagsschule gelten laut Schlegel vier Grundsätze beim Umgang mit den Neuen Medien: „Wir arbeiten nicht nur am Computer. Entwürfe werden zuerst auf das Papier gebracht. Probleme lösen wir selbst, nur im Notfall hilft der Lehrer. Die Technik darf die Inhalte nicht dominieren.“

Die Arbeit mit den Neuen Medien gestaltet sich vielfältig: Die Schülerinnen und Schüler betreiben Wahlanalysen mit Excel und PowerPoint, stellen mit PowerPoint-Animation eine Art virtuelles Daumenkino her, schreiben mit Word Testberichte zu E-Learning-Programmen, halten Referate mit Laptop und Beamer oder gestalten eine neue Homepage. „Der bewusste Umgang mit diesen Medien ist das höhere Ziel“, erklärte Markus Schlegel. In der Jahrgangsstufe 5 und 6 steht Medienkompetenz auf dem Stundenplan, in den Klassen 7 und 8 Informatik und in Klasse 10 findet ein eintägiger Workshop „Neue Medien“ statt. Jeder Schüler kann zudem am Mittag unter Aufsicht am PC recherchieren.

Zwei Erkenntnisse hat Markus Schlegel seit dem Beginn des „Medienkompetenz macht Schule“-Projektes im vergangenen Sommer erfahren: „Der Aufbau der neuen IT-Strukturen wie beispielsweise die Vernetzung des Hauptgebäudes oder der Neubau des PC-Labors hat viel mehr Zeit beansprucht, als ich gedacht hatte.“ Und die Schülerinnen und Schüler fragen die Lehrerinnen und Lehrer immer häufiger wegen Internet- und Computerproblemen um Rat – für den IT-Lehrer eine Riesenchance: „Hier kann sich die Schule als ein Ort profilieren, an dem Wichtiges vermittelt wird – Wissen, das man später noch braucht.“

Autor: Ralf Augsburg - DZ Online-Redaktion

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