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16.07.2003

Hauptschule Remagen - Brücke in die Zukunft

Ein Team aus Lehrern und freien Mitarbeitern baut Brücken zur Außenwelt für Kinder und Jugendliche

Vom Frust zur Lust
Seinen rechten Arm stellt Christian, 17 Jahre, wie eine Trophäe zur Schau. Er ist in Gips verpackt. Nachmittags beim Fußball wollte er den Ball fangen. „Da hat mir einer voll gegen die Finger getreten“, sagt Christian. Nun ist ein Finger gebrochen und Christian muss eine Weile kürzer treten. Abgesehen davon, dass für ihn die Ganztagsschule ein „bisschen zu lang“ ist, findet er den Unterricht an der Ganztagsschule in Remagen „okay“.

Auch für Dominik, 13 Jahre, waren die Stunden am Nachmittag zunächst zäh wie Kaugummi: „ Am Anfang war es ziemlich anstrengend: Ich habe immer gewartet, bis die Stunde zu Ende war“, sagt Dominik. Aus seiner Sicht galt es, sich von Stunde zu Stunde zu hangeln, nur von der Hoffnung auf den befreienden Gong beseelt. Das war am Anfang. Zum Ende des Schuljahres hat sich seine Einstellung geändert: „Mittlerweile macht es mir Spaß, die Stunden nachmittags zu bleiben“ – so Dominik.

So wie Dominik, ist es vielen der 155 Schülerinnen und Schülern ergangen, die nachmittags in Remagen zur Schule gehen. Bemerkenswert ist, dass nicht nur die Älteren mit der verlängerten Schule nach einer Zeit der Gewöhnung zurecht kommen, sondern auch Jüngere. Ufok, 12 Jahre, geht ganz gerne nachmittags zur Schule und auch Marcel, 12 Jahre, sagt, dass ihm die Ganztagsschule „mittlerweile sehr gut gefällt“.

Die Hauptschule Remagen, HS Remagen, liegt in der Nachbarschaft der legendären „Brücke von Remagen“, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Lediglich die dunklen Brückentürme erinnern auf beiden Seiten des Rhein an den Krieg. Die HS Remagen ist ein typischer Bau aus den siebziger Jahren. Große Fenster, viel Beton, lichtarme Flure. In den Büros erkennt man die Form der Holzverschalungen, die den Beton in Quadern gerinnen ließen. Wie zum Ausgleich für die wenig einladende Architektur winkt das Sportstadion und das Schwimmbad gleich nebenan. In den heißen Sommermonaten ein Segen für alle an der Ganztagsschule, Lehrer und Schüler.

Verführung zum Lernen
Nicht nur das Schwimmbad lockt, sondern auch die Arbeitsgemeinschaften dienstags und donnerstags mit Fußball, Basketball, Gitarre aber auch die Projekte zur Zeitgeschichte. Etwa das Kennen lernen des Friedensmuseums in der „Brücke von Remagen“. Zwei Tage schuften, zwei Tage entspannen – das ist das Geheimnis einer funktionierenden Ganztagsschule, die von den Schülerinnen und Schülern auch angenommen wird.

An anderen Ganztagsschulen ist jeder Tag gleich: sowohl Unterrichtsstunden stehen auf dem Stundenplan als auch Arbeitsgruppen. Die HS Remagen hingegen hat Unterricht und Freizeit getrennt. Montags und mittwochs gibt es die unterrichtsbezogenen Trainingsstunden, mit den Schwerpunkten, Deutsch, Englisch und Mathematik. Diese Tage sind lehrerzentriert, das heißt diese Tage gehören den Klassen- und Fachlehrern. Dienstags und donnerstags hingegen können die Schüler aufatmen: Kein Unterricht! Stattdessen viele Lehrer, die keine „echten“ Lehrer sind: Die außerschulischen Mitarbeiter, der Trainer aus dem Fußballverein, die Künstlerin aus dem Atelier.

Bereits in den neunziger Jahren hat das Kollegium der Schule erkannt, dass „Schulleistungen und das Sich-Selbst-Überlassen-Sein in engem Zusammenhang stehen“, sagt Regina Pies, Konrektorin. So hat die Schule gemeinsam mit dem Jugendamt im Jahr 1990 eine Initiative auf den Weg gebracht. Danach sollten Kinder der fünften und sechsten Klassen ganztägig gefördert werden, an zwei Tagen, jeden Dienstag und Donnerstag. Vorgesehen waren Betreuung bei den Hausaufgaben, künstlerische, musische und vor allem sportliche Arbeitsgruppen. Besonders die „Eltern waren von den Erfolgen angetan“, sagt Pies.

Außerschulische Mitarbeiter - Brücken zur Außenwelt
Heute ist die HS Remagen eine Ganztagsschule in neuer Form. Sie wurde es beinahe „zwangsläufig“, wie Direktor Lothar Rosenmüller meint. Neben den Lehrerinnen und Lehrern hat die Schule über 20 Mitarbeiter engagiert, die keine Beamten sind: Außerschulische Mitarbeiter. So hat der Staat seine Schultüren für Fachleute geöffnet, die das ganze breite Spektrum des Lebens verkörpern. Es gibt unter den Außerschulischen Arzthelferinnen, Psychologen, Künstlerinnen und Polizisten und viele mehr. „Dadurch wird unser Haus farbiger“, sagt Rosenmüller. Bei Stadtfesten könne die Schule ihr ganzes Spektrum an Arbeiten zeigen.

Doch zu Beginn des Schuljahres war es nicht möglich, eine Auswahl zwischen den außerschulischen Mitarbeitern zu treffen: „Wir haben jeden genommen, der sich beworben hat und von dem wir sagen konnten, das funktioniert“ erinnert sich Rosenmüller. Eine Hälfte der Wochenstunden ist für freie Mitarbeiter verplant, die andere Hälfte für Lehrer. Damit hat die HS Remagen das Kontingent der Stunden für freie Mitarbeiter voll ausgeschöpft.

Einige Außerschulische hätten sich „überschätzt“, nicht in ihrem fachlichen Können, sondern im pädagogischen. Die haben sich dann gequält. Es mangelte an pädagogischen Grundkenntnissen: Wie geht man mit Kindern um? Wie sieht man Konflikte aus einer distanzierten Sicht? Wie kann man sich als Person aus Konflikten heraushalten?

Die freien Mitarbeiter haben nach Rosenmüller eine entscheidende Funktion in der HS Remagen. Sie üben eine „Brückenfunktion im übertragenen Sinne aus“. Im Unterschied zu den fest angestellten Lehrern, werden die freien Mitarbeiter weniger in der Berufsrolle gesehen, die lautet: Schüler müssen benotet werden. Die freien Mitarbeiter haben mehr eine „beratende Funktion“. Gerade nachmittags ist dies möglich, wo die Gruppengröße kaum mehr als 12 Jugendliche beträgt.

Wortscouts
Gabriele Ladzinski ist eine Lehrerin, die eigentlich keine Lehrerin im traditionellen Sinne ist. Nachdem sie ihr Studium abgebrochen hatte, war sie als Einzelhandelskauffrau tätig und hat in einem Bonner Verlagsbüro in Englisch korrespondiert. Es kommt in ihren Augen darauf an „auf die Wünsche der Schüler einzugehen“. Sie holt die Jugendlichen da ab, wo die Medien sie stehen gelassen haben: Mit Quiz auf Englisch etwa oder mit Pfade finden im Dschungel des Alltags: „Was seht ihr um euch herum. Versucht dafür ein Wort auf Englisch zu finden“ – so geht Ladzinski vor. So zieht Ladzinski mit den jungen Scouts auf der Suche nach unbekannten Wörtern durch Remagen.

Aus ihrer Sicht hat sich in der HS Remagen viel getan, seit sie Ganztagsschule ist: „In wenigen Monaten hat ein Wandel ins Positive stattgefunden“, bilanziert sie. Auch zwischen den Lehrerinnen und Lehrern, die nachmittags unterrichten und den freien Mitarbeitern herrsche ein gutes Klima.

Selbstbewusstsein und Verantwortung lernen
Im Fußballdress betritt Jan Erfurt, 36 Jahre, das Schulgelände. Über seinen Sportverein hat er erfahren, dass die Schule neue Mitarbeiter sucht. Eine günstige Gelegenheit für den Handballtrainer, der bis dahin arbeitslos war. „Momentan sind die Kinder handballbegeistert“, sagt Erfurt. Mehrere Jungen heften sich an seine Fersen. Der Umgang mit ihnen wirkt locker und freundlich, die Jungen haben sich auf ihn gefreut. Handball, Basketball, Fußball, Leichtathletik oder Fitness – Sport ist ein weiterer Brückenpfeiler im Ganztagsschuleprogramm der HS Remagen.

Selbstbewusste und verantwortliche Schülerinnen und Schüler soll der Sport hervorbringen, sagt Konrektorin Pies: „Fairness, sich überwinden, den Körper erfahren, seine Grenzen zu spüren“ das sind Werte, die Jugendliche nach Pies im Sport erfahren, um sie dann auf andere Lebensbereiche zu übertragen. Daher will die HS Remagen die Zusammenarbeit mit Sportvereinen im kommenden Schuljahr forcieren.

Stationenlernen
Im kommenden Schuljahr wird die Schule ein festes Jahresprogramm anbieten. Einer von den beiden AG-Tagen, der Dienstag oder Donnerstag, wird in Stationenlernen verwandelt. Stationenlernen ist eine offene Unterrichtsform, die häufig in der Grundschule und der Sekundarstufe I eingesetzt wird. Diese Unterrichtsform regt selbstständiges Lernen und Neugierde an. Ein Team aus Lehrern und freien Mitarbeitern führt eine Ganztagsgruppe abwechselnd durch Stationen wie: Internetrecherche, Leseprojekte, Sportkurse und schließlich musische Angebote, etwa Gitarrespielen. Der Wechsel soll alle drei Monate erfolgen. So ist gewährleistet, dass die Schüler sich die AGs nicht nur nach dem Gesichtspunkt aussuchen, ob der Freund oder die Freundin mit dabei ist.

170 Schüler haben sich bereits für das Schuljahr 2003/2004 angemeldet. Bei rund 320 Schülerinnen und Schülern sind das über 52 Prozent. Eine gute Ausgangslage für die Zukunft. Hals und Beinbruch haben die Ganztagsschüler bei der Zeugnisausgabe in dieser Woche auch nicht zu erwarten: „Mein Notendurchschnitt ist viel besser geworden“, sagt Dominik, „deswegen wollen meine Eltern, dass ich hier bleibe“.

Autor: DZ Online-Redaktion

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