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Die Ganztagsschule in Rheinland-Pfalz aus der Sicht der beteiligten Eltern

Pädagogisches Landesinstitut Rheinland-Pfalz

Pädagogisches Landesinstitut Rheinland-Pfalz
 
Schüler der Lutherschule in Erfurt bei einer Nikolausfeier
01.12.2011

Inklusion in der Lebens- und Lernwelt Ganztagsschule

Bundeskongress 2011 des Ganztagsschulverbandes fand in Erfurt statt

Nicht nur der Ganztagsschulkongress des Bundesbildungsministeriums, auch der Bundeskongress des Ganztagsschulverbandes erfreut sich ungebrochener Nachfrage. Rund 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmer reisten in diesem Jahr nach Erfurt, um sich vom 16. bis 18. November 2011 unter der Überschrift "Ganztagsschule: Lebens- und Lernwelt" auszutauschen. Diesmal stand besonders das Thema Inklusion im Vordergrund.

Der thüringische Bildungsminister Christoph Matschie sprach vor den rund 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmern das Thema in seinem Grußwort zwar nicht an – ansonsten beherrschte es aber viele der Reden, Diskussionen und auch Schulbesuche des diesjährigen Bundeskongresses des Ganztagsschulverbandes vom 16. bis 18. November 2011 in Erfurt: Die Inklusion beziehungsweise die durch Bund und Länder gegenüber den Vereinten Nationen eingegangene Verpflichtung, jeder Schülerin und jedem Schüler den Besuch einer Regelklasse zu ermöglichen.

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen hatte Anfang November auf dem Landeselterntag in Enkenbach-Alsenborn offen eingeräumt, dass sich das Land hier einer gewaltigen Herausforderung gegenübersehe, bei der noch nicht abzuschätzen sei, wie man ihr begegnen werde. Der Blick über den Gartenzaun nach Thüringen konnte hier je nach Betrachtung er- oder entmutigen: Dort weiß man es offenkundig auch noch nicht. So erklärte Bürgermeisterin Tamara Thierbach, Beigeordnete für Soziales, Bildung und Kultur, in ihrem Grußwort für die Stadt Erfurt: "Wir haben eine Menge an Problemen, die Inklusion steht dabei ganz vorne."

Prof. Dr. Matthias von Saldern von der Universität Lüneburg in Niedersachsen, formulierte den Anspruch wahrer Inklusion für eine Schule in seinem Impulsvortrag am ersten Tagungstag im Radisson Blu Hotel so: "Du bist hier willkommen, egal was du kannst." Der Erziehungswissenschaftler, der unter anderem auch schon zwei Jahre im Bildungsministerium Rheinland-Pfalz gearbeitet hatte, stellte sich der Frage "Eigenverantwortliche Schule – eine Chance für die Ganztagsschule?". Von Saldern kam zu dem Ergebnis, dass es sich hier nicht um eine Chance, sondern geradezu die Notwendigkeit handele, mit mehr Freiheit Schulentwicklung voranzutreiben: "Schulentwicklung ist wie Treibsand: Wer sich nicht bewegt, geht unter. Wer sich hektisch bewegt, geht auch unter. Mit langsamen, kontinuierlichen Bewegungen bleibt man oben."

"Jedes Kind bedauern, das nicht an einer Ganztagsschule ist"

Die in der Schule vermittelte Bildung sollte sich dem Wissenschaftler zufolge am Humboldtschen Bildungsideal orientieren, vor allem also Selbstbildung ermöglichen. "Die Lehrkraft kann dazu anregen, motivieren und interessieren." Dem Ideal dieser Bildung könne die Ganztagsschule mit ihrem Mehr an Zeit und der Möglichkeit, unterschiedliche Lern-Settings zu ermöglichen, näher kommen. Auch die Persönlichkeitsentwicklung, die ein Teil von Bildung sei, das Entwickeln von innerer Stärke, von Selbstwirksamkeit, von Demokratiebewusstsein oder Zivilcourage ließen sich in weiten Teilen überhaupt nur in Ganztagsschulen ermöglichen. "Hier bestehen die Möglichkeiten, mit Klassenräten und Schülerparlamenten zu arbeiten", so der Erziehungswissenschaftler.

Das Gleiche betreffe die Inklusion; auch hier könnten Ganztagsschulen mit mehr Zeit einen besseren Umgang mit Heterogenität und durch das „Aufweichen des Gleichzeitigkeitsdenkens mit Jahrgangsstufen und Tests für alle zu festen Zeitpunkten“ mehr erreichen. "Gute Ganztagsschulen können gegenüber der Gruppierungsmanie des deutschen Schulwesen zumindest kompensatorisch wirken", erklärte der Wissenschaftler. "Hier wäre mehr Zeit für differenzierte Lerndiagnosen vorhanden. Es kann nicht sein - wie es immer wieder vorkommt - dass beispielsweise erst nach zwei Jahren bei einem Kind eine Hörbehinderung entdeckt wird." Ebenso bestünden größere Möglichkeiten, statt der "Gießkannen-Elternsprechtage" gezielte Schüler-Eltern-Gespräche zu führen.

"Ich kann nur jedes Kind bedauern, dass nicht an einer Ganztagsschule ist", erklärte von Saldern. "Die große bundesweite StEG-Studie hat den Nutzen von Ganztagsschulen unter anderem bezüglich Schulleistungen und Sozialverhalten erwiesen." Allerdings gelte dies nicht für "offene Halbtagsschulen", in denen der Vormittagsunterricht völlig unverändert und unverbunden neben Nachmittagsangeboten bestehe.

Thüringen: Überalterte Kollegien, Riesenachfrage nach Ganztagsschulen

Christoph Matschie hält das Thema Chancengerechtigkeit für das dringlichste im Land Thüringen, wie er in seinem Grußwort ausführte: "20 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler kommen aus HartzIV-Elternhäusern; in Großstädten wie Erfurt liegen die Zahlen noch deutlich höher. Hier sind wir Bildungspolitiker besonders gefordert. Wir haben deshalb die individuelle Förderung besonders in den Vordergrund gerückt, die bereits im Kindergarten einsetzen soll, wie unser neues Kindergartengesetz vorschreibt." Auch deshalb würden trotz eines insgesamt rückläufigen Etats die Ausgaben für Bildung im nächsten Haushalt steigen.

Thüringen verfüge über eine sehr gute Schüler-Lehrer-Korrelation, aufgrund der Einsparungen der Vergangenheit in Folge der auf die Hälfte eingebrochenen Schülerzahlen im Vergleich zu 1990 sei die personelle Lage in den Kollegien wegen der Überalterung allerdings schwierig. "Das Durchschnittsalter unserer Lehrkräfte liegt bei 51 Jahren", führte Matschie aus. "Wir haben den Einstellungskorridor für das Referendariat deutlich ausgeweitet, aber es geht nur langsam voran. Wir können auch nicht so viel einstellen, wie wir eigentlich müssten."

Uneingeschränkt positiv sei dagegen die Entwicklung bei den Ganztagsschulen: 77 Prozent der Schulen verfügten über Ganztagsangebote, und die Nachfrage von Eltern sei "enorm": Über 80 Prozent der Erziehungsberechtigten meldeten ihre Kinder in einer Ganztagsgrundschule an.

"Eher die Arbeit eines Psychiaters als die eines Lehrers"

Die Lutherschule in Erfurt – Staatliches regionales Förderzentrum Erfurt-Mitte - ist ebenfalls Ganztagsschule; kein Wunder, wurden doch alle Förderzentren vom Land zu Ganztagsschulen erklärt. Die Lutherschule öffnete am zweiten Kongresstag als eine von knapp 20 Schulen ihre Türen für interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kongresses.

In dem riesigen, altehrwürdigen Gebäude von 1912 lernen derzeit 84 Schülerinnen und Schüler, teilweise nur noch sechs pro Klasse. In Hochzeiten der Schule waren es einmal 260 Kinder und Jugendliche. Von 59 Kolleginnen und Kollegen arbeiten noch 26 in der Lutherschule selbst, die anderen 33 sind in Regelschulen im Einsatz. Denn "seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts forciert das Land den gemeinsamen Unterricht", berichtete Schulleiterin Susanne Schacht. Das Land habe vorgegeben, dass nur noch 4,5 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen sonderpädagogischen Förderbedarf attestiert bekommen dürfen – "2006 waren es noch doppelt so viele", meinte die Rektorin.

Alle Kinder mit Förderbedarf werden zunächst in den Regelschulen eingeschult und dort mit Hilfe der sonderpädagogischen Fachkräfte unterrichtet; hauptsächlich verhaltensauffällige Kinder kommen als "Rückläufer" an die Lutherschule, was die Arbeit der Lehrkräfte laut Susanne Schacht oft eher der Arbeit eines Psychiaters nahekommen lässt.

Das Ziel der Lutherschule ist die "optimale Förderung aller Schülerinnen und Schüler mit dem Ziel des Hauptschulabschlusses, des Qualifizierenden Hauptschulabschlusses oder einer schulischen oder beruflichen Integration". Erreichen möchte das Kollegium dies besonders mit den Bausteinen Berufsvorbereitung und Gewaltprävention. Dabei arbeitet man mit dem Klassenleiterprinzip und in Teamarbeit, gestaltet den Unterricht individuell, offen und lebenspraktisch, streut Projektwochen ein, nutzt das schulische Umfeld mit seinen Erholungs-, Kultur- und Bildungsstätten und organisiert Feiern und Wettkämpfe. Für die Arbeitsgemeinschaften und Fördermaßnahmen haben die Lehrerinnen und Lehrer extra Räume eingerichtet.

Fingerspitzengefühl gefragt

Die multiprofessionellen Teams im Gemeinsamen Unterricht an den Grundschulen, Regelschulen und am Gymnasium Erfurt-Mitte stimmen ihre Förderpläne gemeinsam ab und beraten die Schüler und Eltern zu Fragen der Förderplanung und Schullaufbahn. Daneben finden regelmäßigen Arbeitstreffen der Schulleitungen und Beratungslehrkräfte sowie Unterrichtsbesuche und gemeinsame Fortbildungen statt. "Die Zusammenarbeit mit den Regelschulen läuft unglaublich unterschiedlich", berichtete die Schulleiterin. "Das Wichtigste ist, dass unsere Kolleginnen und Kollegen mit Feingefühl zu Werke gehen, wenn sie mit den Lehrkräften der Regelschulen kooperieren."

Dass "die Chemie der Beteiligten stimmen muss", befand auch eine rheinland-pfälzische Förderschulleiterin in einer nachmittäglichen Diskussionsrunde. Die Förderschullehrerinnen und -lehrer, die in den rheinland-pfälzischen Schwerpunktschulen eingesetzt würden, brächten ein großes Potenzial mit und könnten so die Chance gewährleisten, dass Inklusion wirklich gelinge. Ein weiterer Förderschulleiter ergänzte, dabei sei in der Tat "Fingerspitzengefühl" im Umgang mit den Kollegien der Regelschulen notwendig. Wie in Thüringen sehe man ebenfalls mit Sorge den Trend, dass sich in den Förderschulen die verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen ballten. Man registriere indes auch, dass manche Eltern wieder bewusst ihr Kind an einer Förderschule statt an einer Grundschule anmeldeten. Der Schulleiter forderte, alle Schwerpunktschulen zu Ganztagsschulen zu machen – "ansonsten vergeben wir hier eine große Chance!"

Ulrich Rother, stellvertretender Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes, zeigte sich bei all den Debatten erfreut, dass in ganz Deutschland der Ausbau der Ganztagsschullandschaft weder vom Auslaufen des Bundesinvestitionsprogramms noch von Regierungswechseln beeinträchtigt werde. "Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sähe es ohne das Bundesprogramm wahrscheinlich sehr düster in Sachen Ganztagsschulen aus – bis auf Rheinland-Pfalz. Dort hat man ja bereits vor dem Programm mit dem Ganztagsschulaufbau angefangen", lobte der Hamburger.

Autor: DZ Online-Redaktion Ralf Augsburg

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