Rubrik: Lehrende
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Format: Reportage
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Thema:
Individuelle Förderung
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Am 3. Dezember 2007 fand der Jahreshöhepunkt des Programms „SINUS-Transfer Grundschule“ im Herz-Jesu-Kloster in Neustadt an Weinstraße statt. Die gut besuchte Fachtagung, die Burkhard Hecker und seine Kollegen vom Pädagogischen Zentrum Rheinland-Pfalz maßgeblich organisiert hatten, verdeutlichte den großen Stellenwert, den die Förderung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenzen in den Grundschulen des Landes genießt. SINUS ist in Rheinland-Pfalz zu einem Synonym für den erfolgreichen Transfer von Unterrichtsentwicklung in die Fläche geworden. Man hatte, so Hecker, erkannt, dass der SINUS-Gedanke, der ursprünglich in der Sekundarstufe I zur Anwendung kam, bereits in der Grundschule, wenn nicht sogar im Elemantarbereich, beginnen müsse.
„SINUS ist eine Graswurzelbewegung, eine Reform, die von der Basis ausgeht“, so kennzeichnete Prof. Wilhelm Schipper die Bedeutung des Programms „SINUS-Transfer Grundschule“. Der Erziehungswissenschaftler vom Institut für Didaktik der Mathematik an der Universität Bielefeld fügte hinzu: „Mit Ausnahme des SINUS-Transfer-Programms sehe ich in Deutschland nur Maßnahmen zur Entwicklung von Tests, die nicht die Entwicklung von Kompetenzen in den Vordergrund stellen.“
Das Interesse an einem
besseren mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht in
Rheinland-Pfalz war augenscheinlich, denn aus allen Teilen des Landes
waren über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gekommen, um das
Programm „SINUS-Transfer Grundschule“ mit Leben zu erfüllen.
„SINUS“ wurde vor sechs Jahren von der Kultusministerkonferenz
(KMK) als Reaktion auf die Ergebnisse der TIMS-Studie beschlossen,
die deutschen Schülerinnen und Schülern signifikante
Schwächen im mathematisch- naturwissenschaftlichen Verständnis
bescheinigte.
SINUS-Transfer in die Fläche
Im
Rahmen eines Sieben-Punkte-Programms hat die KMK auch die
Verbesserung der Professionalität, insbesondere mit Blick auf
die Entwicklung der Diagnostik des
mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichtes beschlossen. Das
bundesweite Programm SINUS-Transfer ist das Nachfolgeprojekt von
SINUS („Steigerung der Effizienz des
mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichtes“) und soll die
mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenzen nun in
Eigenverantwortung der Länder in die Fläche tragen.
Auf
der Fachtagung in Neustadt waren von den insgesamt rd. 1.000
Grundschulen in Rheinland-Pfalz über 101 SINUS-Pilotschulen
vertreten, darunter etliche Ganztagsschulen in Angebotsform. „Das
sind 10 Prozent aller Grundschulen, eine imponierende Zahl“, meinte
Hans-Josef Dormann vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft,
Jugend und Kultur zur Begrüßung. „In den SINUS-Schulen
haben sich Erfahrungen und Kompetenzen gesammelt, die man nicht
einfach von der Stange nehmen kann“. Ein thematischer Schwerpunkt
im letzten Jahr war die Experimentierkunst.
Frühe
mathematische und naturwissenschaftliche Bildung
„Wir wollen
unsere Grundschulkinder befähigen, die vielfältigen, sie
umgebenden mathematischen und naturwissenschaftlichen Phänomene
wahrzunehmen und den darin eingebundenen Fragen und Phänomenen
auf den Grund zu gehen“, sagt Doris Ahnen, Ministerin für
Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, im Vorwort zum
Zwischenbericht des Programms SINUS-Transfer. Für die
Verankerung des Modellvorhabens in der Praxis hat das Land starke
Partner gefunden. Dazu gehören: das Leibnitz-Institut für
die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel, das
Institut für schulische Fortbildung und schulpsychologische
Beratung des Landes Rheinland-Pfalz (IFB), der Dudenverlag, die
Wissensfabrik (Unternehmen für Deutschland), schließlich
die Chemieverbände als Repräsentanten des größten
Wirtschaftszweiges in Rheinland-Pfalz.
Galt
in der Vergangenheit ihr Augenmerk den weiterführenden Schulen,
hat sich der Fokus der Chemieverbände auf die frühe Bildung
verschoben. Laut einer Studie entschieden sich nämlich 22
Prozent aller befragten Studierenden bereits in der Vorschule für
die Chemie, nur fünf Prozent dagegen in der Oberstufe. „Wir
brauchen jedoch gute Forscherinnen und Forscher in den Labors und
eine für die Chemieindustrie aufgeschlossene Gesellschaft“,
erläuterte Dr. Christine von Landenberg, die Intention der
Chemieverbände, sich im Rahmen des SINUS-Transfer Programms zu
engagieren. Die Chemieverbände fördern den
mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht mit
Lehrerwochenseminaren, Fortbildungen für Erzieherinnen und
Grundschulpädagogen, Betriebsbesichtigungen bis hin zu einem
Fonds der chemischen Industrie, der einzelne Schulen mit bis zu 1.500
Euro unterstützt.
Unterrichtsentwicklung durch
Kooperationsnetzwerke
Ein
Rückgrat von SINUS ist die Kooperation zwischen den Pädagogen
und den Schulen im Rahmen von Netzwerken bzw. Schulverbünden
oder so genannten Sets. Sie werden wissenschaftlich begleitet und von
Koordinatoren gesteuert. „Das SINUS-Konzept betrachtet
die Zusammenarbeit aller Beteiligten als wichtigste Bedingung für
die Veränderung von Unterricht. Die Zusammenarbeit dient der
Information über den Stand der Arbeit einzelner und des
Gesamtprojektes. Sie beinhaltet das Beraten und Abstimmen von
Vorhaben und das Aushandeln von Regeln und Vereinbarungen“, ist auf
dem Portal des Modellvorhabens nachzulesen.
Da die Programmelemente von SINUS modular aufgebaut sind, lassen sie Raum für die individuellen Entwicklungen der Schulen. Zu den Basismodulen gehören: Eine Sammlung „Guter Aufgaben“; „Entdecken, Erforschen und Erklären“ (im Rahmen von Geometrietagen oder Entdeckertagen) und das Aufgreifen von Schülerideen.
So genannte Kombinationsmodule befassen
sich mit „Lernschwierigkeiten“ oder den Bereichen „Talente
entdecken“ beziehungsweise „Übergänge gestalten“. Die
Module erlauben ferner die Anpassung an lokale, regionale oder
länderspezifische Anforderungen der Schule.
“SINUS
ist an jeder normalen Schule möglich“
“Das
SINUS-Konzept lässt sich an jeder normalen Schule umsetzen“,
erläuterte der Koordinator des Programms „SINUS-Transfer
Grundschule“ für Rheinland-Pfalz Mario Spieß. Eine
besondere Bedeutung kommt dabei den Lehrerinnen und Lehrer zu, die im
Rahmen des Vorhabens zur intensiven Kooperation aufgefordert werden:
„Die Lehrkräfte sind der Schlüssel zur
Qualitätsentwicklung“, bekräftigte Heike Wadehn vom
Projekt SINUS-Transfer.
Die
Schlüsselrolle, die der Qualifikation von Lehrerinnen und
Lehrern zukommt, unterstrich auch Wilhelm Schipper. Zu Beginn seines
Vortrages „Förderung diagnostischer Kompetenzen für den
Mathematikunterricht in der Grundschule“ verwies er auf das Recht
auf Verwirklichung nicht selektiver individueller Förderung. Es
beinhaltet das Recht der Schülerinnen und Schüler auf eine
gute schulische Förderung.
Wie Monique den Anschluss
in Mathe verpasste
Im
Mittelpunkt seiner weiteren Ausführungen stellte er Monique, ein
Mädchen aus der sechsten Klasse einer Hauptschule, das von ihrer
Mutter an das Institut für Didaktik der Mathematik gebracht
wurde, als es eigentlich schon zu spät war: „Monique hatte
bereits im zweiten Schuljahr den Anschluss an das Klassenniveau
verloren.“ Allerdings gingen die Diagnosen, die man dem Mädchen
gestellt hatte, an den eigentlichen Ursachen ihrer Rechenstörungen
vorbei. Er machte deutlich, wie fraglich diese Diagnoseverfahren und
deren Ergebnisse sind. So müssten sich die Probanden große
Zahlenmengen in Sekundenbruchteilen merken, was den Teilnehmerinnen
und Teilnehmern vor Ort in der Demoversion selbst gewisse
Schwierigkeiten bereitete: „Die habe ich auch“, bekannte der
Wissenschaftler. Rund 15 Prozent der Gesamtpopulation bekommt von
diesen Tests den Stempel der „Dyskalkulie“ aufgedrückt:
„Solche Verfahren sind für den Einsatz in der Schule nicht
geeignet“, warnte der Erziehungswissenschaftler. „Mein Kind
leidet an Dyskalkulie“, laute der Eingangssatz von 80 Prozent aller
Eltern, die in seine Beratungen kommen. Die Nutznießer solcher
„Etikettierungstests“, aus deren Diagnosen keinerlei Förderplane
abgeleitet werden könnten, seien private Nachhilfeinstitute.
Eine
zweite Gruppe von Tests wie beispielsweise der Osnabrücker Test
zur Zahlbegriffsentwicklung diene zwar dem Auffinden von
Risikokindern, doch ließen sich aus ihnen ebensowenig
Förderpläne ableiten. Lediglich die so genannte
Prozessorientierte Diagnostik erlaube begründete Rückschlüsse
auf die tieferliegenden Defizite der Schülerinnen und Schüler
und die Erarbeitung von Förderplänen. Diese Verfahren
zeichneten sich durch das Beobachten von Lösungswegen der Kinder
aus. Mit Hilfe eines solchen diagnostischen Verfahrens war es
möglich, die tieferen Ursachen für Moniques Rechenstörung
zu erkennen.
Frühe
Diagnostik und individuelle Förderung
Frühes
Erkennen von Rechenstörungen sei aber elementar, denn auf die
Verliererstraße gerieten viele Kinder häufig bereits vor
der Einschulung. Ihre Situation verschlimmere sich aber, wenn die
Defizite in der ersten Klasse nicht erkannt und behoben würden.
„Am Ende des ersten Schuljahres operieren viele Kinder nur mit
Ziffern, nicht mit Zahlen und Bedeutungen“, so Schippers. Das hat
viele Gründe. Wenn Kinder beispielsweise nicht frühzeitig
bestimmte Alltagsgewohnheiten lernen, wie Links von Rechts zu
unterscheiden, hat dies Auswirkungen auf ihr Zahlenverständnis.
Dann werden sie mit Beginn ihrer Schullaufbahn schnell abgehängt.
„Die Probleme im Fach Mathematik verschwinden nicht von
selbst, sie eskalieren“, erläuterte der
Erziehungswissenschaftler. Mathematik baue wie kein anderes Fach
aufeinander auf. „Echte Rechenstörungen in der weiterführenden
Schule sind verschleppte Probleme an der Grundschule. Auch Moniques
Lehrer habe die tatsächlichen, tiefer liegenden Probleme in
seinem Gutachten nicht erkannt. Dem Mädchen selbst hätte
intensiver Nachhilfeunterricht nicht weitergeholfen. „Nur eine
frühe Diagnostik und präventive Förderung können
den Teufelskreislauf durchbrechen und Rechenstörungen
verhindern“, so Schipper. Der Wissenschaftler erinnerte an die
große Verantwortung, die insbesondere die Lehrerinnen und
Lehrer in den ersten Klassen der Grundschule tragen: „Dort werden
die Grundlagen gelegt.“
SINUS-Wege
zur Kunst der Mathematik
Welchen
Mathematikunterricht brauchen Kinder wie Monique? Aufschluss darüber
gaben auf der Fachtagung SINUS-Beispielschulen, die ihren Reichtum an
Themen und Projekten im Herz-Jesu-Kloster ausstellten. Zwei
SINUS-Wege wurden dort vorgestellt: der innovative mathematische und
der naturwissenschaftliche Weg.
Die Grundschule St. Castor in Koblenz, eine Ganztagsschule in Angebotsform, hat sich bereits seit dem Schuljahr 2005/ 2006 auf den Weg zur SINUS-Mathematikschule gemacht. Das Leitbild Mathematik ging aus dem informierenden Lesen hervor: „Schnell erkannten wir die besondere Problematik des Sachrechenlehrgangs und landeten bei der Mathematik“, schrieben Ilse Maluschek-Klee und Birgitt May-Hansen in ihrem Zwischenbericht zu SINUS-Transfer. Einige Themen aus den SINUS-Modulen wurden gemeinsam diskutiert und anschließend in sinnvolle Aufgaben für die Projekte am Nachmittag weiterentwickelt.
Drei
Entdeckertage zu den Themen „Zahlen unserer Schule“, „Spiegeltag“
und der „Schwerpunkt Geometrie“ stimmten die Schülerinnen
und Schüler auf das Abenteuer Mathematik ein. Sie wurde an der
Grundschule St. Castor mit moderner Kunst verknüpft. Die
Geometrie, die laut Birgitt May-Hansen ein Stiefkind des
Mathematikunterrichtes ist, erlaubte den Brückenschlag zur
modernen Kunst. Wenn man die Geometrie in bestimmte Alltagskontexte
der Schülerinnen und Schüler stellt, wird die graue Theorie
plötzlich bunt und lebendig: „Schlechte Rechner erlebten
Erfolge in der Geometrie.“
Auf den Spuren Piet Mondrians
und der Klassischen Moderne
Die Freude am Lernen sah man den
Bildern der Kinder, die sich etwa an den niederländischen Maler
Piet Mondrian (1872-1944) anlehnten, deutlich an. Mondrian gehört
mit seiner Malerei zu der Klassischen Moderne, seine Bilder drücken
Schönheit und Harmonie „durch das Gleichgewicht der
Beziehungen zwischen Linien, Farben und Flächen“ aus (Piet
Mondrian). In der fünften Klasse rechneten die Schülerinnen
und Schüler Flächen aus und sie kombinierten Grundfarben zu
abstrakten Konstruktionen aus Horizontalen und Vertikalen.
Wie sind solche Lernfortschritte möglich? Nachmittags gibt es an der Grundschule St. Castor Zeit für die Hausaufgabenbetreuung, aber auch für Projekte, die die Verbindung des Mathematikunterrichtes mit den SINUS-Modulen ermöglichen. Kinder mit Defiziten in der Mathematik werden an der Grundschule St. Castor nicht allein gelassen, sondern aktiv gefördert, erläutert Sarah Fleck, Klassenlehrerin der Erstklässler. Einmal pro Woche gestalten die Klassenlehrer von 14:10 bis 16:00 Uhr mit ihrer Klasse individuell, um Lerninhalte zu vertiefen oder Exkursionen zu unternehmen.
Die Kinder hatten also Zeit, um sich etwa im Ludwig Museum in Koblenz mit der Vielfalt moderner Kunst zu beschäftigen und diese Anregungen individuell zu verarbeiten. Kinder wie Monique, die sich laut Wilhelm Schipper gerade dadurch auszeichne, dass sie ihre Defizite auf höchst individuelle und originelle Weise kompensiere, erfahren ihre Schwäche nicht bloß als Stigma, sondern als Herausforderung und Grundlage künftiger Lernfortschritte. Im Kunstwerk können sie sich selbst als Ausdruck der eigenen Probleme und Schaffenskraft wiedererkennen.
Autor: Peer Zickgraf - DZ Online-Redaktion
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