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Die Grund- und Hauptschule „Am Lemmchen“ in Mainz-Mombach ist seit 2003 eine Ganztagsschule in Angebotsform. In diesem Jahr stehen der Schule erneut große Veränderungen bevor. Als erste Schule in Mainz wird sie gemeinsam mit der GHS Budenheim zur Realschule PLUS umgewandelt. Die Online-Redaktion sprach mit dem Schulleiter, Helmut Wagner, über diese neue Herausforderung und das Profil seiner Schule.
Online-Redaktion: Der Schule „Am Lemmchen“ stehen mit der Realschule PLUS in diesem Jahr große Veränderungen bevor. Mit welchen Herausforderungen ist das für Sie als Schulleiter verbunden?
Wagner: Zunächst wurde das Kollegium in die Planung, Organisation und den Aufbau der neuen Schulform eingebunden. Als Schulleiter hatte ich die Aufgabe, zusammen mit unserer schulischen Steuerungsgruppe ein realisierbares und überzeugendes Konzept zu erstellen. Danach wurden Eltern sowie die Schülerinnen und Schüler informiert. Die größte Herausforderung wird in den nächsten Wochen und Monaten kommen, wenn es gilt, unser Konzept mit „Leben“ zu füllen, d. h. konkrete Planungsentscheidungen für das kommende Schuljahr zu treffen und mit einer benachbarten Schule zu einer gemeinsamen Realschule PLUS zusammenzuwachsen.
Online-Redaktion: Ihre Schule wird eine integrative Realschule PLUS. Was bedeutet das für Ihre Schule, die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte?
Wagner: Die neue Schulform eröffnet die Chance, „unter einem Dach“ den Bildungsgang der „Berufsreife“ und den der „Mittleren Reife“ anzubieten. In unserer integrierten Realschule Plus erhalten die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, sich bis zur siebten Klasse für eine der beiden Bildungsgänge zu entscheiden. Bis zur neunten Klasse können sie – mit entsprechenden Leistungen – zwischen beiden Bildungsgängen wechseln. Somit ist eine unsoziale und wenig aussagekräftige „Selektion“ zu einem frühen Zeitpunkt nicht gegeben. Die größte Herausforderung liegt darin, der Öffentlichkeit zu beweisen, dass diese neue Schulform – im Gegensatz zur „alten“ Realschule – allen Schülerinnen und Schülern durch ein erweitertes und differenzierteres Angebot bessere und fairere Chancen bietet.
Wir sind sicher, unsere Schülerinnen und Schüler durch kleinere Lerngruppen (25 Kinder pro Klasse in Klassen 5 und 6), ein differenziertes Lehr- und Lernangebot, ein motiviertes Kollegium und eine ausreichende (Realschul-) Lehrerzuteilung auf ihr späteres (Berufs-) Leben erfolgreich vorzubereiten.
Online-Redaktion: Welche Veränderungen in der Schulentwicklung haben sich an der „Lemmchenschule in den letzten Jahren vollzogen und wie hat die Ganztagsschule den Schulalltag verändert?
Wagner: Die gesellschaftlichen Veränderungen – beide Eltern berufstätig, alleinerziehend, arbeitslos, hohe Anzahl von Migrantenkinder etc. – waren auch in unserer Schülerschaft spürbar.
Daraufhin haben wir 2003 begonnen, unsere Ganztagsschule aufzubauen. Schulleitung, Kollegium und Elternschaft standen von Anfang an hinter dem Konzept. Ungewohnt war für die Lehrerschaft der „Einsatz“ am Nachmittag. Durch ein roulierendes System wurde diese gebundene Arbeitszeit auf alle Schultern verteilt. Gerne hätten wir „reine“ Ganztagsschulklassen in rhythmisierter Form gebildet. Diese waren jedoch auf Grund der Anmeldezahlen leider nicht möglich. Wir haben daher für die ca. 130 Schülerinnen und Schüler der Ganztagsschule die so genannte additive Form gewählt, d. h. die Ganztagsangebote wurden am Nachmittag im Anschluss an den regulären Unterricht durchgeführt. Viele unserer Kinder erhalten damit die Möglichkeit, ihren Nachmittag sinnvoll zu gestalten.
In den ersten und zweiten Klassen wurden „Familienklassen“ eingerichtet. Hier sind die Kinder den ganzen Nachmittag unter fachkundiger Obhut von staatlich anerkannten Erzieherinnen, was die beabsichtigte Kontinuität gewährleistet. Nach einer warmen Mahlzeit werden die Hausaufgaben unter kompetenter Aufsicht erledigt; zusätzlich können schwächere und/oder leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler gefördert werden. Attraktive Angebote für Arbeitsgemeinschaften runden den Nachmittag ab.
Online-Redaktion: Woher kommt eigentlich die Bezeichnung „Lemmchen“?
Wagner: Die Bezeichnung „Lemmchen“ entstammt einem Gemarkungsteil. Die Region um unsere Schule wurde früher so bezeichnet. Da die Straße, an der die Schule liegt, „Am Lemmchen“ heißt, wird die Schule seit Jahren in Mainz und Umgebung als „Lemmchenschule bezeichnet. Hieraus leitet sich der offizielle Name „Am Lemmchen“ ab. Bei telefonischen Adressenangaben machen uns die Zuhörer meistens zu postalischen „Lämmchen“.
Online-Redaktion: Warum sind Sie Schulleiter geworden? Welches Rüstzeug braucht man als Schulleiter einer Ganztagsschule?
Wagner: Ich bin Schulleiter geworden, weil ich gerne Verantwortung übernehme und bereits während meines Studiums an organisatorischen Vorgängen beteiligt war. Im Laufe meines Lehrerdaseins haben mich vor sechzehn Jahren das Interesse am Organisieren von Unterricht und Handlungsabläufen sowie der Kontakt zu allen Beteiligten in die Schulleitung geführt. Was man hierzu unbedingt braucht ist - neben organisatorischem Geschick und planerischem Können sowie der Liebe zum Beruf - der richtige Umgang und Bezug zu Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern, Eltern, schulischen und außerschulischen Institutionen und Partnern.
Wichtig ist, dass die Schulleitung den Begriff Arbeitszeit nicht aus einem zeitgebundenen Blickwinkel sieht. Meines Erachtens kann eine erfolgreiche Schulentwicklung nur dann gelingen, wenn die Schulleitung - und mit ihr das Kollegium - bei anstehenden Aufgaben „nicht auf die Uhr schaut“ und Schule zu einem „Fulltime-Job“ macht. Dies ist besonders von Bedeutung in einer Ganztagsschule, die Angebote bis um 16.00 Uhr anbietet.
Online-Redaktion: An Ihrer Schule gibt es solch interessante Projekte wie z. B. Jobfux. Welche Erfolge konnten Sie bisher mit der „Jobfüxin“ erzielen?
Wagner: Das Jobfux-Projekt ist an der Grund- und Hauptschule Am Lemmchen seit dem Jahr 2000 etabliert, Träger ist der Förderverband Mainz e.V. Unsere Jobfüxin, Frau Kalisch, unterstützt die Jugendlichen der 8. und 9. Klassen beim Übergang von der Schule in den Beruf. Auch Jugendliche, die die Schule bereits (mit oder ohne Hauptschulabschluss) verlassen haben, können noch zu ihr kommen. Sie unterstützt die Jugendlichen rund um das Thema der Berufsorientierung, bei der konkreten Stellensuche, dem Erstellen von Bewerbungsunterlagen und beim Kontakt zu den Firmen. Selbstverständlich besucht und begleitet die Jobfüxin die Jugendlichen während der Schulpraktika und ist Ansprechpartnerin für die Praktikumsbetriebe. Vormittags informiert die Jobfüxin im Klassenverband über Praktika, Berufsbildende Schulen, Ausbildungsmessen etc. Außerdem begleitet Sie die Jugendlichen gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern ins Berufsinformationszentrum (BIZ). Die Jugendlichen erfahren durch die Jobfüxin Beistand und Unterstützung im „Bewerbungs-Dschungel“. Sie werden darin bestärkt und ermutigt, sich mit ihrer eigenen beruflichen Zukunft zu befassen und erste Schritte auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu gehen und „dranzubleiben“.
Für die Jobfüxin ist die enge innerschulische Zusammenarbeit mit dem Lehrerkollegium, dem Rektorat sowie der Schulsozialarbeit selbstverständlich. Darüber hinaus gibt es eine enge Kooperation mit der zuständigen Berufsberaterin der Arbeitsagentur, mit den Betrieben der Region, umliegenden Berufsbildenden Schulen sowie anderen Akteuren im Bereich des Übergangs Schule/Beruf. Auch der Kontakt zu Eltern ist für die Jobfüxin sehr wichtig und wird im Rahmen von Elternabenden, der Teilnahme am Elternsprechtag sowie Gespräche im Einzelfall, gepflegt.
Nicht zuletzt durch die Unterstützung der Jobfüxin haben rund 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die im Jahr 2008 die Grund- und Hauptschule Am Lemmchen mit einem Hauptschulabschluss verlassen haben, direkt im Anschluss ein Ausbildungsverhältnis begonnen. Alle anderen sind in die Berufsbildende Schule gewechselt.
Online-Redaktion: Die GHS Am Lemmchen ist seit 1999 eine der Mainzer KESch-Schulen. Was bedeutet KESch und was hat sich dadurch an der Schule verändert?
Wagner: KESCH bedeutet „Klimaschutz durch Energiesparen an Schulen“. Wir haben in unserer Schule „Schüler-Energiedetektive“, die während der Pausen und nach dem Unterricht durch die Schule gehen und prüfen, ob richtig gelüftet wird, ob die nicht nur durch offene Fenster reguliert wird und ob die Heizkörper entsprechend eingestellt wurden. Wir wollen damit erreichen, dass das Energie- und Sparbewusstsein aller in der Schule befindlichen Personen gestärkt wird. Ausgehend von einer bestimmten Bezugsgröße errechnet die Stadt Mainz als Schulträger zum Jahresende wie viel Energiekosten wir im Schnitt verbraucht haben und zahlt uns die ersparten Energiekosten aus.
Online-Redaktion: Wie funktioniert an Ihrer Schule die Zusammenarbeit mit den Eltern?
Wagner: Die in den einzelnen Klassen gewählten Elternvertreter (Klassenelternsprecher) und die gewählten Schulelternbeiräte (SEB) treffen sich regelmäßig. Dazu werden die Lehrkräfte und die Schulleitung eingeladen. In diesen Versammlungen werden alle schulrelevanten Probleme, Fragen, Verbesserungsvorschläge etc. angesprochen und diskutiert.
Der SEB ist in allen Gesamtkonferenzen zugegen und beteiligt sich aktiv und konstruktiv. Zurzeit geht es in den Gesprächen hauptsächlich um die „Fusion“ mit der benachbarten Hauptschule Budenheim zur Realschule PLUS. Beim jährlichen Tag der offenen Tür bzw. einem Schul- oder Sportfest kann man ebenfalls auf die Eltern unserer Schule zählen. Wir überlegen seit einiger Zeit, wie wir vor allem mehr Eltern aus sozial benachteiligten Familien für die Schule interessieren können. Leider sind sie oft diejenigen, die große Zurückhaltung zeigen am schulischen Werdegang ihrer Kinder.
Online-Redaktion: Was ist für Sie das Besondere an Ihrer Schule und wie sollte es weitergehen?
Wagner: Die Leitung unserer Schule trägt maßgeblich dazu bei, dass bei uns eine Kultur der Offenheit, des Vertrauens und der Menschlichkeit entsteht. Dies ist die notwendige Voraussetzung dafür, dass Schule gelingen kann.
Ich war zwei Jahre Lehrer an einer englischen und amerikanischen Schule. Dort habe ich einen ungezwungenen und informellen Umgang miteinander erlebt. Diese prägenden Erfahrungen versuche ich, in unseren Schulalltag umzusetzen. Nach anfänglichem Misstrauen, ob dieser „anderen“ Vorgehensweise sind wir in den vergangenen zehn Jahren zu einer Schule geworden, aus der Kolleginnen und Kollegen nicht mehr weg wollen.
Wichtig ist uns darüber hinaus, das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler und Elternschaft zu gewinnen, die mit jeder Angelegenheit zu uns kommen können. Wir pflegen eine Kultur der Höflichkeit und erachten es als selbstverständlich, keinerlei Handys, MP3-Player etc. mitzubringen oder zu benutzen.
Außer dem Kollegium gibt es noch eine Reihe hoch motivierter und kompetenter Helfer an unserer Schule: Vormittags und nachmittags unterstützen uns zwei junge Frauen im freiwilligen sozialen Jahr, die für ein Schuljahr in unserer Schule tätig sind. Unsere Jobfüxin leistet wertvolle präventive Arbeit bei der Berufsorientierung. Wir haben eine „klassische“ Schulsozialarbeiterin, die eine direkte Unterstützung bei akuten sozial-familiären Problemen der Kinder gibt. Darüber hinaus sind bei uns noch eine angehende Psychologin und zwei weitere Sozialarbeiterinnen des Kinderschutzbundes im Haus. Sie betreuen das Schulinterventionsprogramm unserer Schule, d. h. sie helfen und betreuen immer dann, wenn jüngere Schülerinnen und Schüler psycho-soziale Probleme aufweisen.
Helmut Wagner, Jahrgang 1952, studierte Erziehungswissenschaften und arbeitete zwei Jahre als Lehrer in einer englischen und amerikanischen Schule. Danach war er 15 Jahre an einer Hauptschule und leitete fünf Jahre eine Grundschule. Seit zehn Jahren ist er Schulleiter der GHS Am Lemmchen, Mainz-Mombach.
Autor: DZ Online-Redaktion - Ursula Münch
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