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Trier-Nord ist nicht irgendein Stadtteil. Historische Ambrosiuskirche und Bürgerhaus in der Nachbarschaft von Gewerbebetrieben und Sozialwohnungen mit riesigen Satellitenschüsseln. Hier liegt auch die einzige Ganztags-Grundschule Triers. Während mittags die ersten Grundschul-Kinder nach Hause gehen, schlendern die anderen über den Schulhof ins Bürgerhaus auf dem Weg zur Mensa.
So auch Michelle und Nashia, acht Jahre. Die Zwillinge an der Ambrosius-Grundschule sitzen an einem Tisch. Heute gibt es Hähnchenkeule mit Erbsen und Gemüse. Das schmeckt und hebt die Stimmung. Auch der ältere Bruder der Zwillinge besucht die Ambrosius-Grundschule. Am Nachbartisch verzehrt Dominik gerade sein Hähnchen. Er hat vier Geschwister. Die Ambrosius-Grundschule liegt im kinderreichsten Teil von Trier-Nord.
Zum Auftakt gesundes Essen
Junge
Frauen räumen Teller und Schüsseln vom Tisch. Der Umgang zwischen
Kindern und Küchenpersonal wirkt vertraut. Was nicht sichtbar ist:
Einige der Frauen sind Mütter von Ganztagsschülern. Sie arbeiten in der
Küche im Rahmen eines Qualifizierungsprojektes für Langzeitarbeitslose.
Viele Kinder essen heutzutage nicht mehr regelmäßig mit den Eltern zu Mittag. Insofern ist es etwas besonderes, wenn Kinder im Bürgerhaus gemeinsam an einem Tisch sitzen. Am Nachmittag lernen die Kinder einige wichtige Verhaltensregeln. Täglich gemeinsam essen – für manche Kinder war das unvorstellbar. Wechselnde Gerichte mit Fisch, Fleisch und Gemüse sowie Salat kannten viele gar nicht. Ihr monotoner Speiseplan enthielt nur Fischstäbchen, Hamburger und Pommes. Auch das Essen mit Löffel und Gabel war nicht selbstverständlich. Immer wieder stehen Kinder plötzlich auf und rennen um die Tische. Doch erst wenn alle Kinder am Tisch sitzen, dürfen sie mit dem Essen beginnen. Als die Kinder endlich satt sind, schnappen sich einige freiwillig einen Eimer und Lappen, wischen über die Tische und stellen die Stühle anschließend auf die Tische.
„Trier-Nord weckt Engagement“
Die
Ambrosius-Grundschule liegt in einem so genannten sozialen Brennpunkt.
Rund 70 Prozent der Eltern leben von Sozialhilfe. Doch nicht alle
Eltern können die 2,55 Euro für das tägliche Mittagessen bezahlen. Da
das Mittagessen im Bürgerhaus verpflichtend ist, musste ein Lösung her.
Die Trierer Nothilfe e.V. erstattet besonders bedürftigen Familien die
Hälfte des Beitrags.
Die Ambrosius-Grundschule ist
Ganztagsschule in Angebotsform seit 2002. Von den 142 Kindern gehen 96
nachmittags zur Schule, das sind rund 70 Prozent. Im ersten Jahr lag
die Quote von Ganztagsschülerinnen und – schülern bei über 80 Prozent.
10
Lehrkräfte, eine Förderlehrerin sowie eine Heilpädagogin für den
Schulkindergarten der Schule stemmen den Schulbetrieb am Vormittag. Für
den Nachmittag plant die Schule zusätzlich 25 pädagogische Kräfte ein.
Schule mit Modellcharakter
Eine
Besonderheit der Grundschule: die zurzeit 16 ehrenamtlichen Kräfte, die
ohne Honorar mitarbeiten. Sie fördern die Kinder einzeln oder in ganz
kleinen Gruppen. Direktor Walter Mottl hatte im Februar dieses Jahres
eine Annonce im Trierischen Volksfreund aufgegeben. Er war überrascht
wie viele Interessenten sich gemeldet haben: Pensionäre, Studierende,
Hausfrauen, Berufstätige: „Trier-Nord weckt Engagement“ sagt Mottl. Er
erklärt sich den Zuspruch dadurch, dass viele Menschen Zeit hätten und
etwas Sinnvolles tun wollten. Die Ehrenamtlichen sind erforderlich,
weil die Schule bei vielen Kindern „ganz erheblich erzieherisch wirken“
müsse. Die Ehrenamtlichen arbeiten in ganz kleinen Gruppen. Für Mottl
hat dies Modellcharakter.
Anne-Kathrin Reinhard, Studentin der Grund- und Hauptschulpädagogik an der Universität Koblenz etwa macht „Schreibförderung“. Sie übt mit Mark Groß- und Kleinschreibung. Dem Schüler tut die Einzelförderung gut, denn er wirkt konzentriert und entspannt. Er hat schon eine ganze Seite geschrieben mit Sätzen verschiedener grammatischer Formen. Von Hausaufgaben sprechen die Trierer nicht gerne, sie bezeichnen die dafür vorgesehene Zeit seit 2003 als „Übungs- und Förderzeit“. „Fördern den ganzen Tag, nach oben und unten“ soll die Ganztagsschule. Die starken Kinder und die weniger starken. Einer Wirkung von Ganztagsschule ist sich Rektor Mottl sicher: „Kinder, die den ganzen Tag in Kontakt mit anderen Kindern sind, werden zumindest in kommunikativer Hinsicht aufs Leben vorbereitet“.
Auch Pia Voss ist eine der ehrenamtlichen Pädagoginnen. Sie betreut die Zwillinge Michelle und Nashia und Thomas im Computerraum mit nagelneuen PCs, die durch das Bundesprogramm „Investitionsprogram Zukunft Betreuung und Bildung“ finanziert wurden. Die drei Kinder im Förderkurs lernen neue Wörter zu schreiben. „Die Klassenlehrerin hat mir gesagt, dass mit ganz kleinen Schritten gearbeitet werden muss. Das hat sich bestätigt“, sagt Voss. Die Absprache mit den Lehrkräften ist Pflicht. Erst sie ermöglicht es, die Kinder individuell zu fördern.
Die Schule setzt dabei auf Kontinuität. Ehrenamtliche sollen mindestens ein halbes Jahr lang mit denselben Kindern arbeiten. „Nur so hat es Qualität“, meint Mottl. Das Engagement der ehrenamtlichen Kräfte kann man an den Wegen ablesen, die einige auf sich nehmen, um zur Schule zu kommen. Eine Mitarbeiterin fährt aus dem 30 Kilometer entfernten Bitburg an, um zwei Stunden mit Kindern zu arbeiten.
Mit dem Theater fürs Leben lernen
„Und
schafft ihn raus!“, spricht Florian Burg den Kindern in der Theater-AG
vor. „Und schafft ihn raus!“ Die Kinder in der Theater-AG sprechen laut
und deutlich, ihre Stimmen füllen die letzte Ecke des großen Saales im
Bürgerhaus. Beim Spiel der Bremer Stadtmusikanten stehen die Kinder auf
den Tischen. Genauso wie sie ihre Stimme anheben, sind sie erhoben. Der
erhobene Platz auf den Tischen macht sie selbstbewusster. „Was sie hier
lernen, lernen sie fürs Leben“, sagt Mottl. Er ist stolz auf seine
Theater-AG. Durch ihre Körpersprache und die bühnenreife Betonung
wirken die Kinder größer und vielleicht auch reifer als sie sind.
Trier-Nord zieht die unterschiedlichsten Mitarbeiter an, auch so
hochqualifizierte wie Florian Burg, der Regisseur und Schauspieler am
Theater Trier ist.
Trier-Nord „schraubt das Kollegium der Ambrosius-Grundschule zusammen“, meint Mottl. Gerade weil die Kollegen so eng zusammenarbeiten, gute und schlechte Erfahrungen mitteilen, wächst es zusammen. „Rausschaffen“ wollen sie niemanden, einschließen schon eher. Manche Kinder würden gerne nachmittags mitmachen, so wie Steven, doch die Eltern wollen oder können nicht. Die meisten Kinder der Grundschule kommen aus einem Umfeld, das im Zuge des Modellprogramms des Bundes und der Länder „Soziale Stadt“ saniert oder neu errichtet wurde.
„Treffpunkt mit Synergieeffekten“
Im
vergangenen Jahr wurden weitere 750.000 Euro bewilligt, um Spielplätze
zu sanieren und baufällige Häuser abzureißen. Mit den Mitteln aus dem
Bund-Länder-Programm werden „Stadtteile mit besonderem
Entwicklungsbedarf“ gefördert. Das sind solche, in denen „verschärft
soziale, wirtschaftliche und städtebauliche Probleme“ vorhanden sind.
„Soziale Stadt“ trägt dazu bei, solche Stadtteile vor dem Abgleiten ins
„soziale Abseits“ zu schützen. Schulentwicklung gelingt umso besser, je
mehr die städtebaulichen Schieflagen beseitigt werden.
Das Bürgerhaus war eines der ersten Gebäude, das mit den Mitteln der „Sozialen Stadt“ vor vier Jahren saniert wurde. Bernd Weihmann, Leiter des Bürgerhauses, sieht die Trias zwischen Grundschule, Kinder- und Jugendarbeit und Bürgerhaus als „Treffpunkt mit Synergieeffekten“. Es hat mittlerweile „Vorbildfunktion für die Veränderung eines Stadtteiles“, sagt er. Weihmann möchte das Angebot gesunden Essens zu einer umfassenden Gesundheitserziehung ausbauen, die Förderung von Bewegung, Entspannung und Freizeitgestaltung einschließt. Hierzu sollen Grundschule und Bürgerhaus an einem „gemeinsamen Erziehungsstrang“ ziehen.
Zukunft durch gemischtes Kollegium
Einer
der Dreh- und Angelpunkte für die Vernetzung der Ganztagsschule mit
anderen Einrichtungen der „Sozialen Stadt“ ist Thomas Kürzwitz. Der
Ganztagsschul-Koordinator und Lehrer zieht die Fäden mit den
Kooperationspartnern, der Jugendverkehrsschule, der städtischen
Musikschule, dem Theater, dem Bürgerhaus und vielen anderen. Das
Organisieren ist Kürzwitz in Fleisch und Blut übergangen, seit er
Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) in Landau war.
Zudem ist er Ganztagsschul-Moderator für die Regionen Trier und
Trier-Saarburg. Er begleitet 15 Schulen, die in Zukunft Ganztagsschule
werden wollen und berät sie in Rechtsfragen, Fragen der
Selbstverwaltung, Organisation und der Verhandlung mit außerschulischen
Partnern.
Kurz vor Schluss kommt eine Schülerin ins Lehrerzimmer und schreibt einen Aufsatz. Alle anderen Räume sind belegt. In der Ecke stapeln sich Kisten mit Kornflakes, Aufschnitt, Tomaten und Brot, die für das Frühstück am nächsten Morgen an die Kinder bestimmt sind. Trotz der drei Räume im Bürgerhaus platzt die Grundschule auch am Nachmittag in den Augen der Lehrkräfte aus den Nähten. Die Schule würde gerne einen Pavillon bauen mit zwei weiteren Räumen um die intensive individuelle Förderung weiterzuführen. Doch für die Stadt besteht derzeit kein Bedarf.
Mottl sieht vom Lehrerzimmer aus auf den Brunnen, der den Schulhof ziert. In emsiger Kleinarbeit hat er ihn zu einem kleinen Kunstwerk ausgebaut. Er zeigt auf die schlanken Platanen, die er vor zehn Jahren gepflanzt hat. Damals kamen die Kinder gerade auf die Welt, die jetzt von dem gemischten Kollegium erzogen werden. Die Ambrosius-Grundschule hat schon viel bewegt in Trier-Nord.
Autor: DZ Online-Redaktion
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