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Die Ganztagsschule in Rheinland-Pfalz aus der Sicht der beteiligten Eltern

Pädagogisches Landesinstitut Rheinland-Pfalz

Pädagogisches Landesinstitut Rheinland-Pfalz
 
Die rheinland-pfälzische Delegation auf dem Berliner Ganztagsschulkongress 2011
10.11.2011

Veränderung als Chance

8. Ganztagsschulkongress unter dem Motto "Ganztagsschule verändert"

Der 8. Ganztagsschulkongress des BMBF, der KMK und der DKJS am 4. und 5. November 2011 in Berlin stand unter dem Motto "Ganztagsschule verändert". Unter den rund 1.200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter rheinland-pfälzischer Schulen.

"Ganztagsschule verändert!" - Das Motto des diesjährigen Ganztagsschulkongresses kann Ulrike Dagne aus eigener Erfahrung bestätigen. Die Direktorin der Nelly-Sachs-Integrierten Gesamtschule in Worms ist jedes Jahr aufs Neue mit Veränderungen konfrontiert, denn sie leitet eine Schule im Aufbau. 2008 startete die IGS mit dem 5. Jahrgang, und seitdem heißt es, jedes Jahr ein neues Team für den folgenden Jahrgang zu finden und neue Konzepte umzusetzen.

Kein Wunder, dass Katja Groß-Minor vom Pädagogischen Landesinstitut Ulrike Dagne anrief, als es darum ging, eine zum Kongressthema passende Schule zu finden, die sich am 4. und 5. November 2011 am Rheinland-Pfalz-Stand im bcc Kongresszentrum am Alexanderplatz präsentieren würde. Für Ulrike Dagne ist es nicht der erste Ausflug in die Hauptstadt: "Ich bin Ganztagsschulberaterin der ersten Stunde und als solche war ich bereits auf den ersten beiden Kongressen dabei." Nach einigen Jahren Pause kehrte sie nun in "offizieller Mission" zur 8. Auflage des Kongresses zurück, wobei sich eins nicht geändert hat: "Meine beiden Kolleginnen und ich sind auch hier, um selbst etwas zu lernen."

Ungebrochenes Interesse

Die Rektorin kann grundlegende Tipps geben, was man als Schulleitung und Kollegium in einem Veränderungsprozess beachten sollte: "Grundsätzlich erstmal Nerven bewahren! Und dann nicht den Fehler machen, an Entscheidungen, die man am Anfang getroffen hat, um jeden Preis festzuhalten, sondern auch die Veränderungen suchen." Sehr wichtig seien eine "offensive Elternarbeit, bei der man ständig im Gespräch bleibt" und ein "passendes Hausaufgabenkonzept". An der IGS Worms zum Beispiel sei man überein gekommen, statt Hausaufgaben eine differenzierte Wochenplanarbeit einzusetzen.

Der Ganztagsschulkongress des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der Kultusministerkonferenz (KMK) und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) bot zu diesen und allen anderen erdenklichen Themen die Möglichkeit der Information und des Austausches in den rund 40 Workshops, Vorträgen und Diskussionsrunden mit über 30 Ganztagsschulen als Experten. Das Interesse ist dabei auch nach acht Jahren noch ungebrochen: Laut Angabe der DKJS waren die rund 1.200 Teilnehmerplätze nach zwei Tagen vergeben; viele Anfragen mussten abgelehnt werden.

Sicherlich hat die Nachfrage auch mit der enorm gestiegenen Zahl von Ganztagsschulen zu tun: Waren 2002 lediglich 16 Prozent der Schulen Ganztagsschulen, waren es 2009 bereits rund 50 Prozent. Seitdem dürfte die Anzahl bundesweit weiter gestiegen sein. "Es kommt aber nicht nur auf die Quantität an, sondern natürlich auch auf die Qualität", betonte Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium, zur Eröffnung des Kongresses. "Ganztagsschulen können Orte der pädagogischen Erneuerung sein, sie können die Bildungschancen der Schülerinnen und Schüler verbessern und zu lokalen Zentren der Begegnung werden."

"Wir werden in einer Ganztagsschullandschaft leben"

Ganztagsschulen sind laut der Staatssekretärin "kein Allheilmittel, aber ein zentraler Baustein für mehr Bildungsgerechtigkeit": So nutzten 50 Prozent der Ganztagsschülerinnen und -schüler die Hausaufgabenbetreuung, was positive Effekte auch auf das Familienleben ausübe. Darüber hinaus erreichten die kulturellen und sportlichen Angebote der Arbeitsgemeinschaften auch Kinder und Jugendliche, die sonst nicht in den Genuss solcher Aktivitäten kommen würden.

Als amtierender Vorsitzender der Kultusministerkonferenz bezeichnete der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann den Ausbau der Ganztagsschulen als einen "Paradigmenwechsel". Die Weiterentwicklung der Ganztagsschulen sei wichtig. Deshalb erarbeite die Kultusministerkonferenz derzeit eine Empfehlung 'Qualität von Ganztagsschulen'. Sie soll Rahmenbedingungen des Gelingens von Ganztagsschulen festlegen und sich dabei an den Maßgaben für Schulqualität orientieren, die in vielen Ländern bereits vorhanden sind. Der Minister weiter: "Ich hoffe darauf, dass wir in einigen Jahren in einer Ganztagsschullandschaft leben werden. Daher gilt es, den Ausbau weiter voranzutreiben."

Auch - aber nicht nur - um dies zu erleichtern, forderte Rita Süssmuth, die ehrenamtliche DKJS-Vorsitzende, dass das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern im Bildungsbereich wieder aus dem Grundgesetz entfernt werden müsse.

Forderungen und Wünsche der Basis formulierte Wolfgang Vogelsänger, Schulleiter der in diesem Jahr mit dem Deutschen Schulpreis prämierten Georg-Christoph-Lichtenberg- Integrierten Gesamtschule in Göttingen. "Ein großes Problem sind die fehlenden männlichen Lehrkräfte - gerade Jungen benötigen männliche Bezugspersonen", brach der Pädagoge eine Lanze für eine "Männerquote in den Schulen".

"Das deutsche Schulwirrwarr ist nicht zu verstehen"

In der Lehrerausbildung müsse man abkommen von der Ausrichtung auf Fachexperten, die "fatal" sei. Und ergänzend müssten viel mehr außerschulische Partner in die Ganztagsschulen kommen, die Themen außerhalb des Fächerkanons wie Alter, Armut, Energie oder Umwelt einbringen könnten. Während Vogelsänger von den Lehrerinnen und Lehrern eine ständige Fortbildungsbereitschaft einforderte, mahnte er Politik und Verwaltung, "vor Entscheidungen viel stärker die Weisheit der Vielen in den Schulen in Anspruch zu nehmen, anstatt Schulen lediglich als Empfänger von Erlassen und Verordnungen zu sehen."

Auch wenn Althusmann nochmals betont hatte, dass "gute Schule unabhängig von Strukturen gelingt", konnte sich der schwedische Erziehungswissenschaftler Prof. em. Dr. Mats Ekholm in seinem Impulsvortrag einen Seitenhieb auf das deutsche Schulsystem nicht verkneifen: "Das deutsche Schulwirrwarr ist nicht zu verstehen." Als einer von vier Gutachtern war Ekholm 2003 für die OECD-Lehrerstudie durch Deutschland gereist. Nun pries er die Vorzüge des schwedischen Systems, das aus der Vorschule für ein- bis sechsjährige Kinder, der Grundschule für sieben- bis 16-jährige Schülerinnen und Schüler und dem Gymnasium für 17 bis 19 Jahre alte Jugendliche besteht: "Ein Abschieben leistungsschwacher Kinder ist bei uns nicht möglich. Auch Sitzenbleiben existiert nicht."

Das schwedische Schulsystem ist als Ganztagsschulsystem konzipiert: Die Kinder lernen dort von acht bis 15 Uhr in heterogenen Klassen und nehmen auch ihr Mittagessen in der Schule ein. Voll verantwortlich für die Schulen sind die Kommunen. Die Schulen sind sehr offen und transparent: Es arbeitet viel außerschulisches Personal dort, die Lehrkräfte und Schulleitungen bilden sich regelmäßig fort, und Evaluationen sowie jährliche Qualitätsberichte werden für kritische Diskussionen über die Schulqualität genutzt. In der Grundschule führen die Lehrerinnen und Lehrer jedes halbe Jahr ein einstündiges Entwicklungsgespräch mit den Eltern über ihr Kind.

Selbstbewusst Werbung für die Schule machen

In Deutschland stehen Strukturfragen oft gezwungenermaßen noch im Mittelpunkt. So sind die Hauptschule Oranienschule und die Realschule in Diez im Schuljahr 2010/2011 zur Realschule plus fusioniert und bilden zudem eine gemeinsame Orientierungsstufe mit dem Sophie-Hedwig-Gymnasium. Kollegium und Schülerschaft müssen erst noch zusammen wachsen. Die Schülerinnen und Schüler haben die Konflikte und Animositäten in einem ironischen Kurzfilm festgehalten, der in einem Workshop auf dem Kongress aufgeführt wurde. "Das Vertrauen muss sich erst noch entwickeln", gibt Heinz-Dieter Scheid, der stellvertretende Schulleiter, zu. "In vielen kleinen Schritten bauen wir uns eine Feedback-Kultur zwischen Lehrkräften und Schulleitungen auf und holen uns dazu auch Unterstützung von außen."

Man müsse eine Fusion auch als Chance begreifen, von anderen zu lernen. "Die jungen Kollegen haben weniger Berührungsängste. Die Gymnasiallehrer sind zum Beispiel sogar dankbar über die Anregungen von Förderlehrern. Und eine Förderlehrerin sagte letztens, sie habe noch nie so viel Spaß an der Arbeit gehabt wie momentan in diesem gemischten Kollegium."

Im Nachhinein sehe er, dass es sinnvoll sei, beim ersten Anzeichen einer anstehenden Schulfusion sofort das Gespräch mit der anderen Schule zu suchen, so Scheid. Und dann gelte es, selbstbewusst Werbung bei den Eltern für die neue Schule zu machen und dafür durchaus auch wie in ihrem Fall die Arbeit von Werbeprofis in Anspruch zu nehmen, wenn es um die Gestaltung eines Flyers gehe. "Wir haben viel Arbeit investiert, um aufzuzeigen, dass auch auf unserer Schule das Fachabitur und das Abitur erreicht werden können. Vielen Eltern war und ist dies nicht bewusst", so der stellvertretende Schulleiter.

Und da Klappern zum Handwerk gehört, finden im Flyer auch das "im Rhein-Lahn-Kreis einzigartige AG-Angebot von 40 Arbeitsgemeinschaften", die von Lehrerinnen und Lehrern betreute Hausaufgabenzeit und die individuelle Förderung unter anderem durch Teamteaching zweier Lehrkräfte in der Klasse Erwähnung.

Autor: DZ Online-Redaktion Ralf Augsburg

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