Rubrik: Lehrende
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Format: Im Gespräch
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Thema:
Leseförderung
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Auch an Gymnasien ist es nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder und Jugendliche über eine ausreichende Lesekompetenz verfügen. Das Thema Leseförderung betrifft sämtliche Schulformen und alle Fächer. Lehrerin Eva Besteck, im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur zuständig für den Bereich "Lesen in der Schule", berichtet im Interview über eine gerade gestartete Fortbildungsreihe, für die bereits Wartelisten eingerichtet werden mussten.
Online-Redaktion: Frau Besteck, sehen Sie bei Ihrer Arbeit als Geschichts- und Englischlehrerin am Gymnasium am Römerkastell in Bad Kreuznach den Bedarf an Leseförderung?
Eva Besteck: Meine Kolleginnen und Kollegen und ich haben festgestellt, dass es einige Kinder gibt, die wenig bis gar nicht mehr lesen. In meinen Geschichtsleistungskursen lasse ich nicht nur mit Quellentexten arbeiten, sondern binde zwischendurch auch historische Romane ein. Da ist es vorgekommen, dass mir Schüler erzählten, dies sei das erste Buch gewesen, das sie komplett durchgelesen hätten. Die Lektüre eines gesamten Textes – unabhängig davon, wie dick oder dünn das Buch ist – stellt für manche Schülerinnen und Schüler eine echte Herausforderung dar.
Online-Redaktion: Solche Klagen hört man häufig von Hauptschulen und Realschulen plus. Im Rücken der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten vermutet man dagegen überwiegend bildungsnahe Elternhäuser mit vollen Bücherregalen…
Besteck: Lesekompetenz ist eben nicht nur eine Frage des familiären Bildungshintergrundes, sondern in unserer Gesellschaft hängt diese Frage zunehmend mit dem Zeitmanagement der Kinder zusammen. Die Schülerinnen und Schüler haben heute viel mehr Möglichkeiten als früher, ihre Freizeit zu gestalten, so dass es an Reizüberflutung grenzt: Neben den vielen Fernsehsendern und DVD gibt es Computer, Internet und Handys, die alle um Aufmerksamkeit buhlen. Die Kinder eignen sich dann für EDV und Internet Expertise an, was natürlich auch wichtig ist, aber problematisch wird es, wenn dadurch die Zeit zum Lesen eines kompletten Buches fehlt.
Online-Redaktion: Wie kann man die Kinder und Jugendlichen wieder für das Lesen gewinnen?
Besteck: Um es einfach zu sagen: Wir müssen viel lesen. Die Auswahl der Stoffe ist wichtig, und natürlich kann man den Kindern nicht gleich einen 1.000 Seiten-Wälzer vorsetzen, sondern muss sich langsam herantasten. Man sollte mit den Schülerinnen und Schülern gemeinsam schauen, was sie interessiert, und als Lehrkraft dabei darauf achten, was sich mit dem Lehrplan und den Fachinhalten verknüpfen lässt. Da aber nicht nur für die Kinder der Tag eine begrenzte Anzahl an Stunden hat, sondern auch für die Lehrerinnen und Lehrer, ist es wichtig, dass man ihnen bei der Lektüreauswahl Hilfen anbietet. Lehrerinnen und Lehrer haben nicht die Zeit, alle in Frage kommenden Bücher selbst zu lesen und ständig den Literaturmarkt zu sondieren.
Online-Redaktion: Wie helfen Sie nun von Ministeriumsseite, die Schulen bei der Leseförderung zu unterstützen?
Besteck: Im Rahmen der "Leseförderung an Ganztagsschulen" können Schulträger in Abstimmung mit den Schulen die Einrichtung von sogenannten "Leseecken" beantragen. Bei den Leseecken handelt es sich um kleine Schulbibliotheken, die mit Büchern unter anderem Medien, Bibliotheksmöbeln und einem EDV-Bibliotheksprogramm ausgestattet werden.
Wir haben ein Leseförderkonzept erstellt und basteln derzeit an einer eigens eingerichteten Website lesen.rlp.de. Hier stellen wir Leseförderaktionen vor, haben nützliche Links zu diesem Thema zusammengestellt und weisen auf interessante Kinder- und Jugendliteratur hin. Die Lektüreempfehlungen sind alters- und auch fachspezifisch zusammengestellt.
Außerdem möchten wir zu den einzelnen Buchempfehlungen auch möglichst bald konkrete Anregungen für den Unterricht zur Verfügung stellen. Denn es reicht nicht, nur die Information weiterzugeben, dass ein Buch gerade angesagt ist oder den Jugendliteraturpreis gewonnen hat.
Online-Redaktion: Welches Interesse tragen die Schulen an Sie heran?
Besteck: Die Kolleginnen und Kollegen, die sich in der Leseförderung engagieren und auch Fortbildungen zu diesem Thema absolviert haben, sind sich bewusst, dass es sinnvoll ist, die Leseförderung fächerübergreifend zu organisieren und zum Bestandteil eines Schulkonzeptes zu machen. Diese Lehrkräfte benötigen Unterstützung bei der Planung und Durchführung von Studientagen zur Leseförderung an ihrer Schule, um möglichst das gesamte Kollegium für dieses Thema zu gewinnen. Sie sollen Anregungen erhalten, was sie in ihren Fächern zur Leseförderung beitragen können.
Das kann neben Studientagen auch durch schulinterne Fortbildungen geschehen, die sich zum Beispiel auch mit Diagnostik befassen: Was ist Diagnostik? Wie kann ich bei einer sehr heterogenen Klasse Schwächen bei Schülerinnen und Schülern feststellen und dann gezielt individuell fördern? Denn es geht nicht nur darum, zum Lesen zu motivieren, sondern oft muss zuerst an der Lesekompetenz gearbeitet werden. Und dazu muss als erstes eine Analyse des Sachstandes erfolgen. Die Instrumente hierfür können wir den Lehrkräften vorstellen.
Online-Redaktion: Sammeln Sie die Empfehlungen und Instrumente alleine oder arbeiten Sie mit anderen Stellen und Experten zusammen?
Besteck: Bei den Lektüreempfehlungen lasse ich mich von den Veröffentlichungen anderer Stellen wie der Stiftung Lesen, oder dem Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V., inspirieren. Aber ich gehe auch die Kataloge der Jugendbuchverlage durch, bestelle Rezensionsexemplare, die ich selbst lese. Und sobald es mir möglich ist, probiere ich den Einsatz der Lektüre in meinen eigenen Klassen aus. Was sich in meinem eigenen Unterricht bewährt, empfehle ich weiter.
Bezüglich der Lesekompetenz habe ich im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Landesbibliothekszentrum und dem Pädagogischen Landesinstitut eine Fortbildungsreihe entwickelt, die neun Module umfasst und im September 2011 mit einer großen Auftaktveranstaltung in Mainz gestartet ist. Dort haben wir die Reihe Schulleiterinnen und Schulleitern vorgestellt und für den Besuch geworben. Im November begann dann die eigentliche Fortbildung mit dem ersten Modul "Lesedidaktik und Lesecurriculum".
Sowohl bei der Entwicklung dieser Module wie auch bei der Durchführung der Fortbildungen haben wir Experten herangezogen. So haben renommierte Wissenschaftler und Experten im Bereich der Leseforschung und -förderung Impulsreferate gehalten, zum Beispiel die international bekannte Germanistin Prof. Christine Garbe von der Universität Köln. Bei dem Grundlagenmodul "Sachtexte in allen Fächern" arbeitet Prof. Josef Leisen vom Staatlichen Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien in Koblenz mit.
Online-Redaktion: Können die Module auch einzeln angewählt werden?
Besteck: Die neun Module werden doppelt angeboten – jeweils in Boppard und in Speyer – und können einzeln gebucht werden. Wir halten es indes für sinnvoll, möglichst viele zu besuchen, und um da motivierender zu wirken, haben wir ein Zertifikat für diejenigen in Aussicht gestellt, welche die drei Grundlagenmodulen und zwei weitere Module absolvieren.
Online-Redaktion: Welche Resonanz findet die Fortbildungsreihe?
Besteck: Eine sehr erfreuliche. Das Pädagogische Landesinstitut, das diese Fortbildung in unserem Auftrag organisiert, hat uns mitgeteilt, dass Wartelisten eingerichtet werden mussten, weil man nicht alle Interessierten aufnehmen konnte. Aufgrund dieser hohen Nachfrage wird das Pädagogische Landesinstitut die Grundlagenmodule noch einmal zusätzlich anbieten.
Autor: DZ Online-Redaktion Ralf Augsburg
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