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Pädagogisches Landesinstitut Rheinland-Pfalz

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Steffen Jung
25.08.2011

"Lebensfreude spüren und Selbstverantwortung übernehmen"

Interview mit Landesjugendpfarrer Steffen Jung von der Evangelischen Kirche Rheinland-Pfalz

Die Evangelische Kirche ist Kooperationspartner in vielen Ganztagsschulen. Landesjugendpfarrer Steffen Jung spricht im Interview von den Voraussetzungen einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit Schulen, von den Zielen der Kirche in der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen und wie ein Tag aussehen sollte, an dem man zufrieden nach Hause geht.

Online-Redaktion: Herr Jung, Sportvereine haben mitunter immer noch Schwierigkeiten, sich mit der Ganztagsschule anzufreunden, weil sie diese als Konkurrenz zu den am Nachmittag stattfindenden Trainingseinheiten sehen und um ihren Nachwuchs bangen. Bereiten die Ganztagsschulen der Evangelischen Kirche wegen der zeitlichen Kollision mit dem Konfirmandenunterricht ähnliche Kopfschmerzen?

Steffen Jung: Nach meiner Wahrnehmung sorgen Absprachen vor Ort zwischen Schule und Kirche weitgehend dafür, dass es in diesem Bereich wenig Reibungspunkte gibt. Die Beteiligten finden teilweise kreative Lösungen, so dass Ganztagsschule und Konfirmandenarbeit nebeneinander bestehen können. Von Seiten des Ministeriums für Bildung gibt es ja sogar die Möglichkeit, die Konfirmandenarbeit an der Schule zu organisieren.

 

Online-Redaktion: Die Zahl der Ganztagsschulen nimmt seit Jahren beständig zu. Hat sich die Quantität der Zusammenarbeit Ihrerseits entsprechend erhöht?

Jung: Durch das starke Engagement des Diakonischen Werks im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) an Ganztagsschulen erhöhte sich die Zahl der Kooperationen tatsächlich. Dies sehe ich allerdings kritisch, da der Ansatz der Landeskirche ursprünglich vorsah, ausgebildete pädagogische Fachkräfte in die Schulen zu schicken.

 

Online-Redaktion: Wie ist es um die Qualität der Zusammenarbeit der Evangelischen Kirche mit den Ganztagsschulen bestellt?

Jung: Ursprünglich sind wir mit einem hohen Eigeninteresse in die Kooperation eingestiegen. Wir wollten diese zur Personalentwicklung nutzen. Ältere Mitarbeiter über 45 Jahren sollten ihre Erfahrungen mit Jugendarbeit in die Ganztagsschulen einbringen. Dieses Konzept konnte nicht umgesetzt werden, denn viele unserer Mitarbeiter zogen ihre Gestaltungsfreiheit vor, die sie in der Jugendarbeit genossen.

Jetzt arbeiten wir mit speziell an Schulen organisierten Fachkräften, die seit Jahren eine hervorragende pädagogische Arbeit an vielen Standorten leisten – aber auch leisten müssen, denn sie kosten die Schule auch dementsprechend mehr als zum Beispiel ein junger Mensch im Freiwilligen Sozialen Jahr oder eine ungelernte Kraft. Da schauen Schulleitung und Kollegium schon genauer hin.

 

Online-Redaktion: Sie erwähnten eine Motivation der Evangelischen Kirche in der Pfalz, sich in Ganztagsschulen zu engagieren. Welche weiteren Gründe gibt es?

Jung: Wir halten die Ganztagsschule aus vielen Gründen für sinnvoll, gerade auch hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit, denn Kinder aus nicht privilegierten Verhältnissen haben hier größere Chancen, Bildungsfortschritte zu erzielen. Erste Studien deuten an, dass das gelingt – und auch wir haben diesen Eindruck. Alles in allem ergänzen wir den Bildungsansatz der Schule durch unser Angebot zum Wohl der Kinder und Jugendlichen. Ich sehe noch große Chancen in dieser Zusammenarbeit.

 

Online-Redaktion: Welche inhaltlichen Angebote unterbreiten die Fachkräfte den Schülerinnen und Schülern?

Jung: Das variiert von Schule zu Schule. In einer Grundschule in Bad Dürkheim gibt es zum Beispiel ein erlebnispädagogisches Angebot, oder in einer weiterführenden Schule in Grünstadt findet ein Spielangebot mit spirituellen Aspekten statt. Es gibt auch Pfadfinderangebote. Insgesamt bieten wir viele alterspezifische Spiele und Übungen im Bereich des sozialen und emotionalen Lernens an.

Hervorragende Arbeit leisten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter insbesondere dann, wenn sie evangelische Jugendarbeit passgenau auf die Situation in einer Schule zuschneiden können. Ein entsprechendes Beispiel ist die Jakob-Muth-Schule, eine Förderschule in Kusel. Unsere Ganztagsschulkraft holt die Jugendlichen in der Förderschule ab und geht mit ihnen ins Jugendzentrum, wo das Angebot in den Räumen der Evangelischen Jugend stattfindet. Für die Schülerinnen und Schüler ist es wichtig, ihre Schule zu verlassen und in Kommunikation mit anderen Jugendlichen zu kommen.

Spannend ist es, wenn wir an der Schulentwicklung beteiligt werden. Die Realschule in Annweiler ist davon abgegangen, am Nachmittag Arbeitsgemeinschaften durchzuführen. Stattdessen finden ein Schülertreff der Evangelischen Jugend sowie offene Angebote für Computer, Sport und Förderung statt. Unser Mann vor Ort koordiniert diesen gesamten Nachmittagsbereich. Er kann dort umsetzen, was wir für wichtig halten: selbstständiges Lernen, Offenheit und Partizipation von Jugendlichen. Wenn Schulen also ihr Bildungsverständnis erweitern wollen und ihren Schülerinnen und Schülern mehr Selbstverantwortung einräumen möchten, dann sind wir die Fachleute.

 

Online-Redaktion: Oftmals hakt es bei der Kooperation mit den Ganztagsschulen bei der Anbindung an das Kollegium. Welche Erfahrungen machen Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Jung: In der Tat ist die Kommunikation mit der Schulleitung, dem Kollegium, aber auch mit den Eltern eine Voraussetzung und eine absolute Gelingensbedingung für eine funktionierende Zusammenarbeit. Wir raten unseren Kolleginnen und Kollegen daher, auch immer an Elternabenden teilzunehmen, um die Kommunikation nach allen Seiten aufrecht zu erhalten. Bleibt unser Beitrag auf eine isolierte AG am Nachmittag beschränkt, von der die Lehrerinnen und Lehrer noch nicht mal etwas wissen, dann macht unser Engagement weder für die Schule, noch für uns oder die Kinder Sinn.

 

Online-Redaktion: Gab es Fälle, an denen Sie aus einer solchen Konstellation die Konsequenzen gezogen und eine Zusammenarbeit beendet haben?

Jung: An einer Schule sind wir nach einem dreijährigen Prozess mit vielen Gesprächen und Beratungen ausgestiegen. Aber es gibt auch umgekehrte Beispiele. So ist es an einer Hauptschule gelungen, ein Schülercafé für Zehntklässler aufzubauen.

Generell kann man konstatieren, dass es an solchen Standorten schwierig ist, an denen die Schule in den Köpfen der Beteiligten noch immer Halbtagsschule ist. Das ist überhaupt die größte Herausforderung für das System Schule, hier den Schalter umzulegen und die Schule als Ganztagsschule zu denken. Es ist daher kein Wunder, dass es meine Kolleginnen und Kollegen in gebundenen, ganztägig rhythmisierten Ganztagsschulen leichter haben.

 

Online-Redaktion: Welche aktuellen Entwicklungen beobachten Sie in den Ganztagsschulen und in der Bildungspolitik des Landes?

Jung: Man muss anerkennen, dass in Rheinland-Pfalz eine gute Schulpolitik gemacht wird. Wir haben Kontakt zu unseren Kolleginnen und Kollegen in den Nachbarländern Saarland und Hessen. Da erkennt man schnell, was hier Gutes bewegt wird. Wir schätzen auch die offene Kommunikation mit dem Bildungsministerium.

 

Online-Redaktion: Wie muss ein Arbeitstag aussehen, damit Ihre Pädagogischen Fachkräfte am Nachmittag zufrieden nach Hause gehen können?

Jung: Wenn man Schule aus der Enge des Unterrichts zu einem Lebensort erweitern konnte, an dem die Kinder einen gelingenden Tag verbringen, dann ist das für alle positiv. Schule ist dann mehr als eine reine Lerninstitution, sondern ein wirklicher Lebensort, an dem man zusammen etwas Neues entdeckt, Konflikte löst, schöne Spiele spielt, Lebensfreude spürt, aber auch von seinen Sorgen erzählen und sich mal ausheulen kann. Wer dann die Kinder in solch schwierigen Situationen auch noch auffangen und stärken kann, der dürfte zufrieden mit seinem Arbeitstag sein.

Autor: DZ Online-Redaktion - Ralf Augsburg

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