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Geschichte
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Dieses Museum ist bundesweit einzigartig – und es gibt es nur im Netz: Das Online-Migrationsmuseum Rheinland-Pfalz "Lebenswege" ermöglicht die Begegnung mit den Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus Südeuropa, die ab 1955 nach Rheinland-Pfalz einwanderten.
Ausländer, Gastarbeiter, Migranten, Zuwanderer – im Laufe der Jahrzehnte haben Staat, Gesellschaft und Medien unterschiedliche Bezeichnungen für die Personen gefunden, die aus der bundesrepublikanischen Geschichte und Gegenwart nicht mehr wegzudenken sind. "Zuallererst sprechen wir hier aber von Menschen mit ihrer jeweils eigenen Geschichte", betont Clarissa Haenn von der History Marketing Agentur hpunkt kommunikation, "und das möchte unser Museum besonders deutlich machen."
Dieses Museum ist ein außergewöhnliches, denn es ist ein rein virtuelles – wer die Daueraustellung des Lebenswege-Museums betreten möchte, durch die Sonderausstellungen flanieren oder sich im Kultur-Raum über Literatur, Filme oder Zeitschriften kundig machen will, der muss sich zunächst ins Internet einwählen. Unter der Adresse http://lebenswege.de findet man das Portal, das Clarissa Haenn und ihr Team für das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur (MBWWK) Rheinland-Pfalz und das Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen (MIFJKF) Rheinland-Pfalz realisieren.
Das Lebenswege-Museum ist auch in seiner Form einzigartig. Zwar gibt es in Köln das von einem Verein getragene Museum über die Migration in Deutschland, das im vergangenen Jahr sein 20-jähriges Bestehen feierte. Aber mit einem von einer Länderregierung initiierten und verantworteten Migrationsmuseum ist Rheinland-Pfalz der Vorreiter in der Bundesrepublik.
Würdigung der Lebensleistungen der Migrantinnen und Migranten
Migrationsmuseen sind ein relativ neues Phänomen; weltweit haben viele innerhalb der letzten 20 Jahre ihre Pforten geöffnet – siehe Köln. Die meisten westlichen Nationen sind inzwischen Dienstleistungs-, weniger Industrieländer. Nun sind engagierte Bürgerinnen und Bürger wie auch Politikerinnen und Politiker bestrebt, auf diese vergangene Wirtschaftsepoche zurückzublicken, die in Deutschland und damit auch in Rheinland-Pfalz entscheidend durch die Migrantinnen und Migranten geprägt, wenn nicht gar ermöglicht wurde. Ihr Beitrag soll gewürdigt werden, und dem immer wieder und immer noch zu verschiedenen Gelegenheiten aufflackernden Stammtischdunst, der verbreitet, "die" gehörten doch gar nicht in "unser" Land, soll ein Zeichen entgegengesetzt werden.
Ein solches Signal, ein Bekenntnis zur gemeinsamen bundesdeutschen Geschichte, wollte die Landesregierung im Jahr 2009 setzen, als sie die Gründung des Lebenswege-Museums beschloss. "Die Biographien der im Rahmen der Anwerbeabkommen der fünfziger und sechziger Jahre nach Rheinland-Pfalz emigrierten Südeuropäer drohten in Vergessenheit zu geraten", erklärt Clarissa Haenn. "Gerade um dies zu verhindern, hat sich die Landesregierung entschlossen, diesen innovativen Weg der Musealisierung von Migrationsgeschichte im Internet zu gehen."
Am 16. Dezember 2009 startete das Lebenswege-Museum im Netz. Den thematischen Schwerpunkt in der so genannten Dauerausstellung bildete und bildet die erste Phase der Arbeitsmigration in die Bundesrepublik. Diese umfasst den Zeitraum von 1955, als Deutschland und Italien ein bilaterales Anwerbeabkommen unterzeichneten, bis 1973, als die Bundesrepublik auf dem Höhepunkt der Zuwanderung den Anwerbestopp verhängte, als Folge der rasant steigenden Ölpreise und der daraus resultierenden Weltwirtschaftskrise.
Recherche-Pionierleistung in vier Monaten
Die Dauerausstellung erhellt die Gründe für das Anwerben der so genannten Gastarbeiter aus Italien, Griechenland, Spanien, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien; sie beschreibt das Anwerbeprocedere und die politische und wirtschaftliche Lage in den Herkunftsländern sowie die Situation in den deutschen Firmen und Unternehmen, die aufgrund der Vollbeschäftigung in den Jahren des Wirtschaftswunders dringend zusätzliche Arbeitskräfte benötigten. "Wir stellen auch einige der Menschen vor, die sich um die Arbeitsmigrantinnen und -migranten bei deren Ankunft kümmerten", berichtet Clarissa Haenn. "Viele der Ankommenden waren ja der deutschen Sprache oft nicht mächtig oder gar Analphabeten." Diese Fakten würden aus verschiedenen Perspektiven alters- und zielgruppenübergreifend verständlich dargestellt.
"'Lebenswege'" soll den Anspruch einer fachlich fundierten, multimedial ansprechenden Wissensquelle für Interessierte jeden Alters erfüllen", stellt die Journalistin klar. "Wir wollen die Lebensgeschichten dieser Menschen authentisch und emotional kommunizieren, um so Verständnis, Respekt und Toleranz in unserer multikulturellen Gesellschaft zu generieren." Dies gelinge unter anderem durch die Ausstellung von Dokumenten, Bildern oder Arbeitsverträgen, die den Arbeitsalltag illustrierten, und durch die Zeitzeugeninterviews, die als Pod- und Webcast abrufbar seien.
Das vierköpfige Team um Clarissa Haenn, zu dem Migrationshistoriker und Kommunikationsdesigner zählen, recherchierte innerhalb von vier Monaten in einer Pionierleistung diese rheinland-pfälzische Migrationsgeschichte von Grund auf. "Wir konnten das Projekt deshalb so schnell realisieren, weil die Entscheidungs- und Freigabeprozesse mit den Ministerien sehr effizient erfolgten", betont die Agenturinhaberin. "Eine solch unkomplizierte und vertrauensvolle Zusammenarbeit war und ist ein Glücksfall."
Kooperation mit dem Südwestrundfunk
Die Recherche führte das Lebenswege-Team in viele Stadtarchive, in Bibliotheken, in Universitäten, ins Bundesarchiv, zur Bundesbildstelle in Berlin, in das Haus der Geschichte in Baden-Württemberg und zu Unternehmen wie BASF oder Schott. Unterstützung erfuhr man auch durch einen Wissens- und Rechercheaustausch mit der Redaktion vom SWR International, mit der das Lebenswege-Museum eine langfristige Kooperation einging. Ebenso hilfreich war der Kontakt zur Beauftragten der Landesregierung für Migration und Integration Rheinland-Pfalz. "Diese Mitstreiter unterstützten uns, erste Kontakte zu Zeitzeugen zu knüpfen, die bereit waren, ihre persönliche Geschichte zu erzählen", erinnert sich Clarissa Haenn.
Das Portal startete neben der Dauerausstellung mit den ersten Zeitzeugeninterviews, mit der Infothek, in der unter anderem Studien, Kampagnen, Veranstaltungshinweise und Adressen aufgelistet sind, mit SWR International, wo Audio-Dateien aus dem Hörfunkprogramm abrufbar sind, und mit dem Kultur-Raum, in welchem Interessierte das sechssprachige Radioprogramm von SWR-International hören können.
In den letzten eineinhalb Jahren wuchs das Angebot konstant weiter: Neben weiteren Lebenswege-Interviews, Sonderausstellungen zum Beispiel zum Thema "50 Jahre Anwerbeabkommen Deutschland-Spanien" und dem Service-Bereich kam die Projekt-Werkstatt hinzu, welche erfolgreich umgesetzte Schul- und Hochschulprojekte präsentiert, beispielsweise "Zeitzeugen im Unterricht".
Sensibilität im Kleinen erzeugen
Besonders das letzte Modul hält Clarissa Haenn für wesentlich: "Wir möchten nicht nur über das Internet kommunizieren, sondern auch etwas bewegen. Und das schließt nach unserem Empfinden – was wir auch in unserem Konzept klargestellt haben – zwingend die Kommunikation mit den nachwachsenden Generationen ein, also mit Schülern und Studierenden. Unser Ziel ist es, in Zusammenarbeit mit den Ministerien das virtuelle Projekt langfristig als Handwerkszeug in den schul- und fächerübergreifenden Unterricht zu etablieren. Durch gemeinsame, kreative Projekte sollen junge Menschen so das vermeintlich Fremde als spannende und annehmbare Facette unserer multikulturellen Gesellschaft erfahren."
Zum Beispiel könnten die Schülerinnen und Schüler Biographiearbeit leisten: Sie lesen nicht nur die Biographien der Einwanderinnen und Einwanderer, sondern erzählen sich auch in herkunftsgemischten Gruppen die Geschichten ihrer Familien. Hierbei lernen sie andere Kulturen kennen, entwickeln Verständnis für Mitmenschen aus anderen Kulturkreisen und lernen Respekt vor dem Anderssein. "Wenn wir nicht im Kleinen eine solche Sensibilität erzeugen, wird das keine Kreise ziehen", befindet die Projektleiterin.
Das Lebenswege-Museum kooperiert mit dem Projekt "Zeugen der Zeit" des Pädagogischen Landesinstituts: Viele der "Lebenswege"-Zeitzeugen sind in den Pool jenes Projektes aufgenommen worden. "Zeitzeuginnen und -zeugen geben den Schülerinnen und Schülern einen persönlichen und damit unmittelbaren Einblick in das von ihnen erinnerte Geschehen. Geschichte erhält so ein Gesicht", erklärt Ulrich Eymann von der Koordinierungsstelle für Zeitzeugengespräche im Unterricht, die seit dem Schuljahr 2007/2008 Menschen mit ihren persönlichen Geschichten an Schulen vermittelt. "Die Emotionaliät historischen Verstehens wird beim Zeitzeugengespräch in einer viel intensiveren Weise angesprochen, als dies auf anderen methodischen Wegen möglich wäre. So werden Begegnungen mit Zeitzeuginnen und -zeugen oft zu bleibenden Erlebnissen", beschreibt Eymann.
Das Lebenswege-Portal erfreut sich derweil wachsender Bekanntheit, auch durch die gemeinsamen Verlinkungen etwa mit dem Goethe-Institut, der Heinrich-Böll-Stiftung oder der Robert-Bosch-Stiftung. Eine Studentin des Fachbereichs Migrationssoziologie der Universität Osnabrück schreibt ihre Semesterarbeit zu dem Thema Lebenswege, und viele Schulen nutzen laut Clarissa Haenn das Portal bereits als Recherchegrundlage. Von der Grundschule bis zum Gymnasium haben sich Klassen in multimedialer Projektarbeit mit dem Thema Arbeitsmigration auseinandergesetzt; die Ergebnisse werden teilweise in die Projektwerkstatt aufgenommen.
Dass das Online-Migrationsmuseum offenbar eine "Marktlücke" schließt, zeigt auch das Interesse aus dem Ausland – aus 68 Ländern haben bisher Leserinnen und Leser auf die Internet-Seiten zugegriffen, beispielsweise aus Australien, China und Russland.
Autor: DZ-Online Redaktion Ralf Augsburg
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