Rubrik: Schüler/innen
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Vorlesen, backen, singen oder basteln - in manchen Elternhäusern gibt es das nicht mehr. Wenn Schülerinnen und Schüler den "Geist der Weihnacht" erfahren möchten, sind sie auf die Ganztagsangebote einer Schule wie der Grundschule am Königsberg in Wolfstein angewiesen. Acht Wochen lang wird hier "Weihnachten mit allen Sinnen" gefeiert.
Für die Dritt- und Viertklässler der Grundschule am Königsberg in Wolfstein (Landkreis Kusel) hat die Weihnachtszeit in diesem Jahr schon früh begonnen - nicht so früh wie im Einzelhandel, aber doch immerhin seit Anfang November klingen Weihnachtsweisen und zieht Keksduft durch die Schulgebäude unterhalb des Königsbergs. Das hat einen einfachen Grund: Wollen alle Schülerinnen und Schüler der 3. und 4. Jahrgangsstufen jeweils am "besonderen Dienstag" in den Genuss der acht verschiedenen Projekte kommen, muss "Weihnachten mit allen Sinnen" so früh starten.
Der "besondere Dienstag" ist eine Innovation und Institution der Grundschule am Königsberg, auf die Schulleiterin Birgit Gehm-Schmitt und das Kollegium stolz sind und das niemand missen möchte. Er findet seit November 2007 statt: Nicht nur die 101 Ganztagsschülerinnen und -schüler sind dann wie üblich über den regulären Schulvormittag bis 12.40 Uhr hinaus im Haus, sondern auch rund 50 weitere Dritt- und Viertklässler. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen finden besondere Angebote im sportlichen, mathematisch, sprachlichen und musikalischen Bereich statt: So drehten sich die Projekte schon um "Astrid Lindgren", "Experimente", "Kunst" oder "Olympia".
Für die Dienstagsprojekte werden die Gruppen vor Beginn einer neuen Projekteinheit klassen- und jahrgangsübergreifend gemischt. Schulleiterin Brigit Gehm-Schmitt hält dieses vor eineinhalb Jahren eingeführte Verfahren für ideal: "So lernen sich alle Kinder untereinander kennen, und ein 'Mit dem will ich aber nicht!' gibt es nicht. Auch für die Kolleginnen und Kollegen ist es spannend, einmal andere Kinder zu erleben." Die Klassenlehrerinnen und -lehrer hängen in den Klassen die Listen mit den Namen aus, so dass jede Schülerin und jeder Schüler weiß, welches Projekt sie oder er am Dienstagnachmittag aufsuchen wird. Das funktioniert reibungslos.
Kulturelles Erbe und Brauchtum vermitteln
Der "besondere Dienstag" ist der Schulleiterin zufolge "projektorientiert" und "wir versuchen, ihn auch an den Jahreszeiten auszurichten". So war es nur folgerichtig, dass die Schule vor drei Jahren erstmals ein Weihnachtsprojekt startete, bei dem alle Klassenlehrerinnen und -lehrer Angebote unterbreiten. "Der Vorteil ist, dass sich alle nur einmal vorbereiten müssen und ihr Projekt dann achtmal mit den unterschiedlichen Gruppen durchführen." Dabei ist laut Birgit Gehm-Schmitt "kein Dienstag wie der andere, und die Lehrerinnen und Lehrer haben viel Spaß und machen das gerne." Dass dies keine Lippenbekenntnisse sind, zeigte sich bei den Diskussionen, ob der "besondere Dienstag" wegen des personalintensiven Einsatzes gehalten werden sollte. "Die Kolleginnen und Kollegen haben gebeten, bitte nicht an den Dienstag ranzugehen - und alle waren froh, als er blieb."
Es ist halt wirklich ein besonderer Tag: "Er unterscheidet sich von allen anderen Tagen, weil man nun ja auch die Schülerinnen und Schüler, die man sonst nur aus dem Vormittagsunterricht kennt, anders erlebt. Es ist die Chance, fast alle Kinder hier zu haben", erläutert Birgit Gehm-Schmitt.
Beim Weihnachtsprojekt ist es auch nicht unerheblich, dass hier einige Schülerinnen und Schüler die einzige Gelegenheit bekommen, mit dem "Geist der Weihnacht" in Kontakt zu kommen, also eine gewisse Feierlichkeit, Stille und Rituale kennen zu lernen. "Weihnachten ist in manchen Elternhäusern nicht mehr das, was wir Erwachsenen noch aus unserer Kindheit kennen", hat die Schulleiterin erfahren müssen. "Warum wir überhaupt Weihnachten feiern, ist nicht mehr allen klar, der Bezug zum Fest ist verloren gegangen. Und auch backen, vorlesen, basteln und singen - das gibt es zuhause oft nicht mehr." Hier übernehme die Schule die Aufgabe, kulturelles Erbe und Brauchtum zu vermitteln. Dies sei selbst einigen muslimischen Eltern wichtig, so Birgit Gehm-Schmitt.
Klassenzimmer wird zum Stall von Bethlehem
Im Lehrerzimmer ist ein Tisch mit zahlreichen Bastelutensilien und Büchern aufgebaut, an dem die Lehrerinnen und Lehrer sich bedienen und durch den sie sich inspirieren lassen können. Lehrerin Anja Pressmann-Groß stellt mit den Schülerinnen und Schülern Weihnachtskarten her: Mit Gold, Glitter, Stiften, Stempeln und Stanzern basteln die Kinder aus farbigen und weißen Kartons klassische Klappkarten. Sandra Zinßmeister übt mit den Schülerinnen und Schülern das Krippenspiel ein: Mit schönen und phantasievollen Verkleidungen wird aus einem Klassenzimmer der Stall von Bethlehem.
Ganz still und bedächtig ist es in der Gruppe von Gabi Martin: Sie liest den Kindern in der Bücherei bei Kerzenschein weihnachtliche Geschichten vor. Bei Kunstlehrerin Beate Vogt basteln die Schülerinnen und Schüler Geschenkewürfel, die sie dann in die Geschenketüten stecken können, welche sie bei Jessica Weiß aus kleinen weißen Papiertüten hergestellt haben. Bei Musiklehrer Rainer Spies schmettern die Kleinen alte und neue Weihnachtslieder zur Gitarre. Die Schulleiterin selbst und ihre Sekretärin Regina Hahn backen mit den Schülerinnen und Schüler in 70 Minuten Plätzchen wie Vanillekipferl, zu denen der Teig natürlich wegen der knappen Zeit schon vorbereitet sein muss.
"So wertvoll außerschulische Partner sind", findet Birgit Gehm-Schmitt, "die methodisch-didaktische Qualität ist bei Lehrkräften einfach höher. Das spielt zum Beispiel bei den Literatur- oder Experementierprojekten eine Rolle. Wir sind immerhin eine Ganztagsschule und keine Ganztagsbetreuung - es soll hier nicht nur um Spielerei gehen."
Ganze Feier mit den Angeboten bestreiten
Andererseits sei eine außerschulische Fachkraft wie Sabine Kiefer, die mit den Kindern Fensterschmuck bastelt, nicht in Gold aufzuwiegen: "Sie ist mit Leidenschaft dabei, eine Lehrerin von Herzen", lobt die Schulleiterin die ehemalige Bankkauffrau. "Sie arbeitet elf Wochenstunden bei uns, was natürlich einen erheblichen Anteil des Personalbudgets ausmacht - aber sie ist uns lieb und teuer, sage ich dann immer." Und einen Vorteil hätten die außerschulischen Fachkräfte auf jeden Fall: "Wenn sie mittags einsteigen, sind sie im Gegensatz zu uns Lehrerinnen und Lehrern noch frisch."
Mit dem, was am Nachmittag im Dienstagsprojekt "Weihnachten mit allen Sinnen" erprobt, gebacken und gesungen wird, "können wir eine ganze Feier bestreiten", ist Birgit Gehm-Schmitt stolz. "Zwar gab es einzelne Projekte auch früher schon, aber nicht in dem Ausmaß und für so viele Kinder zugleich am Nachmittag. Wenn dann noch der Schulchor "Stern über Bethlehem" beim Krippenspiel singe, sei es einfach "schön zu sehen, wie alles ineinandergreift", findet die Pädagogin. Durch Vorführungen im Seniorenheim, auf der Adventsfeier oder im Gottesdienst könnten auch Eltern und Außenstehende erleben, was die Kinder alles in der Ganztagsschule machen. "Das hat schon einige Eltern von Halbtagsschülerinnen und -schülern neugierig auf unser Angebot gemacht", erinnert sich Birgit Gehm-Schmitt.
Abschließend meint die Schulleiterin: "Ich bin froh, dass mein Kollegium die Ganztagsschule so schätzt. Dass es im Jahr 2011 immer noch Lehrerinnen und Lehrer gibt, die um 13 Uhr zuhause sind, darf eigentlich nicht mehr wahr sein. Jede Stunde mit den Kindern ist wertvoll, und das Zwischenmenschliche spielt eine große Rolle. Ich würde mir wünschen, dass alle Schülerinnen und Schüler eine Ganztagsschule besuchten."
Autor: DZ Online-Redaktion Ralf Augsburg
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