Rubrik: Schüler/innen
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Wettbewerb
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„Heute bin ich euer Günther Jauch“, sagt die blonde junge Frau auf der Bühne. Die Schülerinnen und Schüler im Publikum schauen gespannt auf die Moderatorin – nicht, weil sie davon ausgehen, dass sich Domenica Berger nun in den bekannten Showmaster verwandeln wird, sondern weil sie es kaum noch erwarten können, bis das große Lesequiz „Mit Leselust auf Klassenfahrt“ beginnt, für das sie sich an diesem 30. Juni in der Alten Patrone in Mainz eingefunden haben.
Das Quiz richtet sich an die Klassenstufen 7 und 8 und gehört zu einer Reihe von Aktionen, die das Literaturbüro Mainz im Rahmen der Kampagne „Leselust in Rheinland Pfalz“ im Auftrag des Bildungsministeriums organisiert. Seit 2003 haben sich bereits über 400 siebte und achte Klassen aller Schularten an dem Lesekompetenzwettbewerb beteiligt. Von den 50 Klassen, die sich im Mai 2009 für die Teilnahme am Lesequiz beworben hatten, wurden auch dieses Jahr wieder fünf Finalisten ausgelost: die 7b der Ludwig-Schwamb-Schule in Mainz, die 7c des Helmholtz-Gymnasiums in Zweibrücken, die 8b der Realschule im Pamina Schulzentrum Herxheim, die 8c der Erich Kästner Regionalschule in Ransbach-Baumbach und die Klasse 8 der Käthe-Kollwitz-Schule in Grünstadt.
Gut vorbereitet in den Startlöchern
Sie alle haben sich eines der Jugendbücher aus der Vorschlagsliste ausgesucht, es gelesen und sorgfältig vorbereitet. Schließlich hoffen alle Klassen darauf, das maximale Preisgeld von je 500 Euro abzuräumen, um damit einen Ausflug, eine Klassenfahrt oder ein Schulfest (teil)finanzieren zu können. Dafür müssen die Zweierteams, die jeweils ihre Klasse auf der Bühne vertreten, alle Fragen richtig beantworten, die sich das Literaturbüro zu den Jugendbüchern ausgedacht hat.
Damit nichts schief geht, haben Nicole und Noemi, die Kandidatinnen der Erich Kästner Regionalschule, den Jugendthriller „Schwindel“ von Kristina Dunker sicherheitshalber gleich zwei bis drei Mal gelesen. „Wir haben uns intensiv vorbereitet, auch mit der ganzen Klasse und haben u. a. Plakate hergestellt wie das hier“, berichtet Noemi und zeigt auf das großformatige bunt bemalte Poster, das die Klasse im Zuschauerraum angebracht hat. Damit ist für jeden gut zu erkennen: Hier sitzt die 8c und jede Applauswelle aus dieser Ecke gilt dem Zweierteam der Erich Kästner Regionalschule. Vor ihr hat die 8. Klasse der Käthe-Kollwitz-Schule Platz genommen und hinter ihr wartet die 7c des Helmholtz-Gymnasiums auf den Startschuss. Den Zuschauerblock auf der rechten Seite teilen sich die Ludwig-Schwamb-Schule aus Mainz und die Realschule des Pamina Schulzentrums aus Herxheim. Damit sind die Fronten klar abgesteckt.
Buch und Spiele
„Mit dem Lesequiz wollen wir auf spielerische Art und Weise ans Lesen heranführen“, erläutert Sigrid Fahrer vom Literaturbüro Mainz. „Gerade der kompetitive Aspekt sorgt für Begeisterung unter den Jugendlichen.“ Bei „Mit Leselust auf Klassenfahrt“ gehe es darum, eine breite Basis anzusprechen, also auch diejenigen, bei denen der Griff zum Buch nicht alltäglich ist. Die 14-jährige Noemi, die sich selbst als „Leseratte“ bezeichnet, findet es beeindruckend, dass ihre ganze Klasse das Buch „Schwindel“ gelesen hat. Ihre Mitschüler Franzo und Mert lesen nach eigener Aussage eher weniger. Sie surfen lieber im Internet. Franzo hätte außerdem lieber „Ein Traum von Fußball“ von Lieneke Dijkzeul gelesen, das Buch, mit dem sich die 7c des Helmholtz-Gymnasiums beschäftigt hat. Er habe angefangen es zu lesen, es aber nicht zu Ende gebracht, verrät er. Mit „Schwindel“ war das anders, denn damit hat die ganze Klasse gearbeitet, um sich auf das Quiz vorzubereiten. Über das geführte Lesen im Unterricht und das Gemeinschaftserlebnis rund um den Wettbewerb hat sich die Welt der Bücher auch für diejenigen ein Stück geöffnet, für die Leselust sonst eher ein Buch mit sieben Siegeln ist.
Gute Jugendliteratur macht neugierig
„Leselust hat mit Neugier zu tun“, sagt Bildungsstaatssekretärin Vera Reiß, als sie die Finalisten begrüßt. Damit lässt sie anklingen, dass die Aktion und die übergeordnete Kampagne „Leselust in Rheinland Pfalz“ bei Schülerinnen und Schülern Begeisterung fürs Lesen wecken möchte. Denn die angestrebte Verbesserung und Sicherung der Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern lässt sich langfristig nur realisieren, wenn Kinder und Jugendliche sich auch aus eigenem Antrieb, aus Neugier und mit Freude mit Büchern auseinandersetzen. An spannender Jugendliteratur fehlt es nicht. Allein für die Vorauswahl der fünf Bücher für das Lesequiz 2009 hat Sigrid Fahrer 80 Bücher gelesen, darunter vor allem Krimis und Fantasy-Romane – zwei Genres, für die sich die Schülerinnen und Schüler besonders interessieren. Lesen müssen die Jugendlichen schon selbst, aber Aufgabe des Bildungswesens muss es sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, die allen Schülerinnen und Schülern die Chance geben, ihre Neugier für Bücher zu entdecken und dieser nachgehen zu können.
Lesefenster nutzen
Sigrid Fahrer erklärt, dass wissenschaftliche Ergebnisse dafür sprechen, dass es in der Entwicklung junger Menschen zwei Lesefenster gibt: einmal zwischen drei und fünf Jahren und ein zweites Fenster zwischen acht und dreizehn Jahren. Außerhalb dieser Zeiträume falle es schwer, Kinder und Jugendliche für das Lesen zu begeistern. Deshalb wendet sich „Mit Leselust auf Klassenfahrt“ an 7. und 8. Klassen, ganz gleich welcher Schulart. So treten heute eine Real-, eine Haupt-, eine Regional- und eine Förderschule mit Schwerpunkt Lernen sowie ein Gymnasium zum Finale an. Die verschiedenen Klassen spielen nicht gegeneinander, sondern stellen sich reihum den Fragen, die Sigrid Fahrer speziell für deren jeweilige Lektüre zusammengestellt hat.
Das Quiz beginnt
Noch steht die Quizmasterin Domenica Berger vor zehn leeren Stühlen. Doch jetzt wird es endlich ernst. Rasch fasst sie noch einmal die Spielregeln zusammen. In 15 Fragerunden kann jede Klasse bis zu 500 Euro gewinnen. Mit jeder richtig beantworteten Frage erhöht sich das Preisgeld. Bei einer falschen Antwort muss das Team ausscheiden, erhält aber den Betrag, den es sich bis dahin erspielt hat. Wenn die Kandidatinnen und Kandidaten einmal nicht weiter wissen, können sie von einem „Joker“ Gebrauch machen und damit die Hilfe ihrer Klassen und der ausgewählten Expertinnen und Experten in Anspruch nehmen. Bevor Domenica Berger die jeweils zwei Kandidatinnen und Kandidaten der aufgeregten Finalisten namentlich auf die Bühne bittet, verrät sie noch das Erfolgsrezept: „Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass die Klassen am meisten abgeräumt haben, die auch am lautesten mitgemacht haben.“ Auf solch eine Ansage scheinen die Schülerinnen und Schüler nur gewartet zu haben. Unter donnerndem Applaus und ausgelassenem Jubel begeben sich die Kandidatinnen und Kandidaten auf die Bühne.
Spannung im Zuschauerraum
Die ersten Fragen lösen die Spielerinnen und Spieler noch im Handumdrehen. Zum Glück. Denn alle wissen: Schon bei einer falschen Antwort, ist es vorbei. Kein Wunder also, dass die Mitschülerinnen und Mitschüler bei jeder Frage den Atem anhalten und bei jeder richtigen Antwort erleichterte Freude aus den Zuschauerreihen platzt. „Ihr seid die Besten“, ruft Zehra aus der 7b der Ludwig-Schwamb-Schule in Mainz und meint Tracy und Vlora, die Kandidatinnen ihrer Klasse, die Frage um Frage richtig beantworten.
In welcher Sprache ist der Koran verfasst? Was ist das Kopftuch laut der Koranlehrerin im Buch nicht? Tracy und Vlora kennen die Antworten, denn sie haben „Seidenhaar“ von Aygen-Sibel Çelik aufmerksam gelesen und gemeinsam in der Klasse und mit ihrer Klassenlehrerin Ferah Bakirca vorbereitet.
Spannung im Roman
Der Roman erzählt von der Freundschaft zweier türkischer Mädchen, die auf die Probe gestellt wird. Denn Canan und Sinem haben gegensätzliche Meinungen zum Kopftuchverbot. Canan trägt aus Überzeugung ein Kopftuch, Sinem nicht. Als Canan plötzlich verschwindet, macht sich Sinem auf die Suche nach ihr und lernt dabei den Islam neu kennen. Klassenlehrerin Ferah Bakirca hat „Seidenhaar“ aufgrund der Thematik bewusst ausgesucht. „In der Klasse haben wir 12 Schülerinnen und sechs Schüler, die sich insgesamt aus 14 verschiedenen Nationalitäten zusammensetzen“, erklärt sie. „In dem Buch spielen Vorurteile und der Umgang mit ihnen eine entscheidende Rolle. Das ist eine Thematik mit der die Schülerinnen und Schüler in ihrem eigenen Alltag oft zu tun haben, nicht zuletzt, weil sie eine Hauptschule besuchen.“ Tatsächlich scheint „Seidenhaar“ Zehra und ihre Freundinnen aus der 7b beeindruckt zu haben. „Beim Lesen haben wir viel über Vorurteile gelernt. Dass man vorsichtig sein muss und andere nicht ausschließen sollte, nur weil sie anders aussehen“, erklärt sie unter der Zustimmung von Sania und Ihra. „Und ich weiß jetzt auch besser über den Islam Bescheid“, ergänzt Luisa.
Lesetraining in der Ganztagsschule
Die Ludwig-Schwamb-Schule ist seit 1971 Ganztagsschule und damit eine der ersten in Rheinland-Pfalz. Für die Vorbereitung auf das Lesequiz war das nicht unerheblich. An einem Nachmittag in der Woche gibt es an der Ludwig-Schwamb-Schule den so genannten ‚Klassenkurs’ und damit die Möglichkeit, mit den Schülerinnen und Schülern Projekten nachzugehen, die keinen Platz in der regulären Unterrichtszeit haben. „Wir nehmen seit jeher an allen möglichen Aktivitäten teil. Als ich vom Wettbewerb erfahren habe, war klar, dass wir uns auch hierfür bewerben würden“, sagt Ferah Bakirca.
Wer wagt, gewinnt
Ihr Engagement hat sich gelohnt. Tracy und Vlora arbeiten sich bis zur letzten Frage durch und schaffen es auf 500 Euro Preisgeld. Die Klasse ist außer sich vor Freude. „Wir möchten damit ins Technikmuseum in Speyer“, verrät Sania. Dort stand die Klasse vor einiger Zeit schon einmal im Foyer. Doch das damalige Ausflugsbudget reichte nicht für einen spontanen Museumsbesuch. Auch Noemie und Nicole von der Erich Kästner Regionalschule und Miriam und Tim vom Helmholtz-Gymnasium haben die maximale Gewinnsumme abgeräumt. Stolz auf sich sein können auch Tabea und David aus der Klassenstufe 8 der Käthe-Kollwitz-Förderschule, die mit der Vampirgeschichte „Der Gesang der Klinge“ von Marcus Sedgwick angetreten sind. Wie Janosch und Kevin aus der 8b der Realschule aus Herxheim haben sie jeweils 350 Euro erspielt. Vom Landesverband Rheinland-Pfalz des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels erhalten die Kandidatinnen und Kandidaten außerdem Büchergutscheine im Wert von 25 Euro. Spätestens bei der Preisverleihung ist es nicht mehr von der Hand zu weisen: Lesen zahlt sich aus. Nicht nur der Gewinnsumme wegen, sondern weil es verbindet, den Austausch zwischen Kulturen, Menschen und Ideen ermöglicht, weil es spannend ist und dabei hilft, gemeinsam Pläne für die Zukunft zu machen.
Alle Klassen, die diese Gemeinschaftserfahrung möchten, können sich ab März 2010 für die nächste Runde von „Mit Leselust auf Klassenfahrt“ bewerben. Leslie, die Leseratte, das Maskottchen der Kampagne freut sich schon auf die kommenden fünf Bücher und die nächsten Finalisten.
Weitere Informationen zur Aktion „Mit Leselust auf Klassenfahrt“ und die Auswahlliteratur hier.
Autor: DZ Online-Redaktion - Agnes Frey
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